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16.08.12

Biografische Kohärenz oder fehlende Entwicklung?

Was ist es, wenn man sich mit 37 Jahren vollständig verstanden fühlt, in einem Gedicht dass man selber vor rund 20 Jahren geschrieben hat? Wenn das damalige Machwerk trotz seiner literarischen Beschränktheit, doch die eigenen Empfindungen über den heutigen Alltag wiedergibt?
Auf jeden Fall entstand es damals in einer Phase der Trunkenheit von Fritz Senn (nicht dem Schweizer, sondern dem russischen). Was ich ihm literarisch schulde, weiß ich nicht. Aber persönlich hat er mir geholfen, mich meiner Herkunft nicht zu schämen. Mitten im Chacobusch weckte er in mir eine völlig unverständliche, wohl biologisch ererbte Sehnsucht nach ukrainischer Steppe... Und das, obwohl schon mein Vater in Paraguay geboren ist!

Mit festem Schreiten
Mit trotzigem Blick
Wolln wir fürs Gute streiten
Wir kennen kein Zurück

Mit müdem Schleichen
Noch immer ohne Ruh
Wir uns die Hände reichen
und ziehn dem Ziele zu

So gehn wir durch dies Leben
Darin wir Pilger bleiben
In dem wir alles geben
Bis das sie uns vertreiben

Mit Schweiß und harten Händen
Die Heimat wir gestalten
Gott wird es schon so wenden
Dass Andere erhalten

Es kann für uns nicht sein,
Dass wir etwas besitzen
Womit wir, noch so klein
Nicht Andern sollen nützen

Wir mühn uns für das Leben
Und ringen um die Welt
Obwohl sie nichts kann geben
Was morgen nicht zerfällt

Das ist uns Fluch und Segen
Bringt Müh und Lasten viel
Wir wolln die Welt bewegen
Die selbst nie war das Ziel

Denn es geht nicht ums Haben
Wir suchen was viel schwerer fällt
Pfunde nicht zu vergraben
Zu dienen da wo Gott uns hält

Ihm dienen wir und nicht den Menschen
Das ist die Quelle unsrer Kraft
Das ists - nicht unser Wolln und Wünschen -
Was durch uns Menschen Heimat schafft

Wir plagen uns auf Erden
Da wir den Auftrag sehn
Damit es viele werden
Die mit uns weitergehn

27.04.12

50 Wege um eine Antwort auf unsere Gebete zu sein.

Eine tolle Liste, wie sie die Leute von SimpleWay hier veröffentlicht haben. Mich erschreckt, warum eine Reihe der Dinge in der Bibel stehen und ich sie trotzdem noch nie gemacht habe. Überhaupt hab ich nicht viele von den 50 Punkten schon mal probiert.
Mal sehen, womit wir als nächstens weiterprobieren. Die ganze Liste auf Englisch findet sich HIER.
Nachfolgend nur eine kleine Auswahl übersetzt.


1. Faste für die 2 Millionen Leute, die von weniger als einem Dollar am Tag leben.
3. Frage deinen Pastor, ob jemand auf der Krankenliste deiner Gemeinde einen gerne einen Besuch hätte.
4. Nimm an einem Treffen der Anonymen Alkoholiker frei und freunde Dich mit einem der Teilnehmer an.
5. Adoptiere ein Kind.
6. Mähe das Grass deines Nachbarn.
7. Melde dich freiwillig einem Kind aus deiner lokalen Grundschule Nachhilfeunterricht zu geben. (Versuche die Familie des Kindes kennen zu lernen.)
8. Züchte deine eigenen Tomaten – und teile sie mit anderen.
9. Bitte eine kleine Gruppe in deiner Gemeinschaft, sich regelmäßig mit Dir zum Gebet zu treffen.
12. Pflanze einen Baum.
14. Organisiere eine Geburtstagsparty für eine Prostituierte.
15. Wenn Du Deine Wasserrechnung bezahlst, bezahle die für deinen Nachbarn mit.
20. Beginne, 10 % Deines Einkommens dirket für die Armen zu geben.
24. Verzichte ein Jahr aufs Fernsehen. Oder mach aus deinem Fernseher einen Blumentopf.
25. Lache über Werbung, besonders über solche, die Dich lehren will, dass man Freude kaufen kann.
32. Geh ins Altenheim und hole eine Liste aller die keinen Besuch bekommen. Besuche sie wöchentlich, erzähl Geschichten, lest gemeinsam die Bibel oder spielt Tischspiele.
38. Versuche das Wasser aus dem Waschbecken für die Klospülung wiederzuverwerten. Erinnere dich an die 1,2 millionen Menschen, die kein sauberes Wasser haben.
40. Kaufe für ein Jahr nur gebrauchte Kleider.
43. Is seine Woche lang nur eine Schale Reis pro Tag um dich an jene zu erinnern, die das den größten Teil ihres Lebens machen (nimm Multivitamine). Denk an die 30.000 Personen die jeden Tag wegen Armut und Unterernährung sterben.
48. Bekenne jemandem etwas, das Du falsch gemacht hast und bitte ihn, für Dich zu beten.
50. Beteilige Dich an einem Gefängnissgottesdienst. Erinnere Dich, dass Jesus versprochen hat, Dich dort zu treffen (Mathäus 25).

16.04.12

Wir müssen verrückt sein, so zu leben

Das Buch von Claiborne ist genial!! Und Gottes Führung auch. Kaum hatten wir einen Schritt unternommen, der uns und andere ernsthaft an unserer geistigen Integrität zweifeln ließ, leiht mir jemand dieses Buch und bestätigt Leoni und mir, dass es ok ist, verrückt zu sein.

Seid voriger Woche haben wir zwei neue Pflegekinder auf unbestimmte Zeit, 6 und 14 Jahre alt. Nachdem die Kinder jetzt vor ihren Eltern in Sicherheit sind, suchen wir nach Lösungen für die Mutter... Als ich von nahestehenden Personen sehr eindrücklich gefragt wurde, ob wir das auch alles schaffen werden, konnte ich nur zugeben, dass ich keine Ahnung habe. Muss ich ja auch nicht, denn fürs Schaffen ist ein anderer zuständig. Ich darf das nur nicht immer vergessen!!! Kleine Übung in "Auf-dem Wasser-gehen" gefällig? :-)

Hab meinen viel zu großen und nicht nur deshalb viel zu unordentlichen Schreibtisch verschenkt, ebenso wie einen guten Teil jener Bücher, die ich sowieso nicht lese. So konnte ein Bücherregal durch ein weiteres Zweistockbett ersetzt werden. Im ehemaligen Büro schläft jetzt unsere gebeutelte "Freiwillige". Dann haben wir ein Jungenzimmer mit drei Jungs in zwei Betten und ein Mädchenzimmer mit zwei Mädels, die aber meist auch nur eines ihrer zwei Betten benutzen. Aber da soll ab nächstem Jahr auch unser Baby rein. Dann ein Teeniezimmer mit einem Mädel - ihr Bett könnte man noch ausziehen, falls sich weibliche Gäste bei uns anmelden wollen. Leoni und ich schlafen Gott sei Dank noch in einem Bett, und manchmal sogar die ganze Nacht ohne irgendwelche anderen Bettflüchter. Ohne Schlafplätze bleiben die beiden Toiletten, die Wohnküche, und die Abstellkammer. Im Wohnzimmer ist Raum für Gäste auf dem Sofa oder auf einer Notmatratze. In den vergangenen 7 Tagen haben schon zwei Gäste hier geschlafen und keiner hat sich beschwert - sprich, ein bis zwei Personen können uns auch weiterhin besuchen. Nur beim Essen müssten dann einige augelagert werden, da wir beim Abendessen als 9 ständige Mitbewohner nur so gerade noch an unseren Tisch passen.

In der Hoffnung, weiter verrückt zu werden, warten wir auf den großen "Verrücker"! (Und damit meine ich nicht in erster Linie unser Baby, dass im August geboren werden soll.)

13.12.10

Warum ich (immer noch) Christ bin II

Wenige Stunden nach der Anfrage für diesen Artikel habe ich schon eine erste Version zurückgeschickt. Mit viel Eifer geschrieben, voller Leidenschaft. Erst Wochen später wurde mir klar, dass die Leidenschaft weniger aus Überzeugung entsprang, sondern aus dem Ärger über die Frage. Nicht dass ich die Frage hier beantworten darf hat mich geärgert – ganz im Gegenteil. Sondern dass die Frage an und für sich so selbstverständlich klingt, so naheliegend. Als würde man mich fragen, warum ich (immer noch) verheiratet bin. Fürs Christsein braucht man halt gute Gründe. Warum wird nur sehr selten jemand gefragt, warum er (immer noch) KEIN Christ ist? Erscheint es soviel logischer, wahrscheinlicher, kein Christ zu sein? Die Frage drückt für mich die Überzeugung unserer Zeit aus, dass Christsein dochwohl sogut wie überholt sei, kurz vor dem Schlussverkauf seines Tafelsilbers. Die Ratten haben das sinkende Schiff verlassen. Wie kann man denn nach zwei Weltkriegen, nach dem Holocaust noch an Gott glauben? Oder wie kann man angesichts des enormen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts noch an Gott glauben? Wer keinen Facebook-acount hat, den gibt es nicht.
Aber warum sollten wir die Frage nicht umdrehen: Wie kann man nach zwei Weltkriegen, nach Holocaust und Ruanda, wie kann man angesichts von Irakkrieg und Somalia nicht an Gott glauben – und weiterleben? Die verzweifelte Lage unsrer Welt dient schnell als Argument gegen Gottes Güte oder Allmacht, solange ich danach wieder in mein sichres Apartment gehen kann, ohne schlimmere Ängste als die vor Übergewicht einschlafe und vorher noch meinen nächsten Auslandsurlaub plane. In einem europäischen Sozialstaat ist es verhältnismäßig leicht, an den technischen Fortschritt zu glauben. Der Rechtsstaat erleichtert es enorm, an die grundsätzliche Entwicklung des Menschen zum Besseren zu glauben. Sich bei der Tagesschau fünf Minuten über den Zustand der Welt aufzuregen und Gott für die ganze menschliche Misere verantwortlich zu machen erinnert nicht zufällig an die Hassmantras in Orwells „1984“. Aus der Distanz weiß man natürlich leicht, wer an allem Schuld ist. Wer sich aber dem Elend, der Korruption, der systematisch betriebenen Verdummung ganzer Völker, der Ausbeutung und Unterdrückung annähert, dem bleiben einfache Losungen schnell im Hals stecken. Wer heute konsequent nicht zulässt, vom Leid dieser Welt abgelenkt zu werden, wer sich auf Dauer der beruhigenden, einlulenden „Unterhaltung“ verweigert, für den sehe ich nur wenige Möglichkeiten: Entweder er verliert den Verstand ob der absoluten Sinn- und Hoffnungslosigkeit des Menschseins. Oder er beendet sein Leben von eigner Hand, in dem verzweifelten Versuch ein letztes Statement für die Würde des Menschen, für seine Entscheidungsfreiheit zu setzen. Oder er stürzt sich doch noch in irgendeine Form von Ablenkung, findet irgendeine Ausrede warum nicht alles ganz so schlimm ist wie es scheint und lernt mit dieser Lüge zu leben, bis dass der Tod sie scheidet. Oder er wagt es, wider die gesammelte Unvernunft dieser Welt an etwas Anderes zu glauben. Zum Beispiel an Einen, der stärker ist als der allgegenwärtige Tod. An Einen, der weiser ist als die eine Allerweltsmeinung, die wir uns alle „persönlich“ gebildet und bebildert haben. An Einen, der gerechter ist als all unsere politisch korrekt ausbalancierten Be- und Verurteilungen. An eine Liebe die man nicht macht, sondern die Macht hat, alles anders zu machen. An Einen, der verrückt genug ist, freiwillig auf diese Welt zu kommen - als Kind in ein besetztes Land, als Mensch unter die Bestien nach seinem Bilde. Viel schwerer als an Gott zu glauben erscheint es mir heute, immer noch an uns Menschen zu glauben. Das gelingt mir nicht mehr ohne die ständige Hilfe dieses Gottes, der wie kein anderer, immer noch, an die Menschen glaubt. Nur an Gott glauben, dass lehrt vielleicht auch eine Religion. Aber von Gott lernen, wieder an den Menschen zu glauben, Hoffnung inmitten alltäglicher Verzweiflung, Zukunft trotz des letzten Klimagipfels oder Friedensprozesses oder Resolutionsmaratons, dass finde ich nur bei jenem Einen, nach dem ich mich Christ nenne.
Sicher, es gibt genug negative Beispiele von Christen die geizig, unsensibel, verbohrt und lieblos sind. Und es gibt auch Beispiele von vernünftigen und hilfsbereiten Nichtchristen. Aber das eine wirkliche Hinwendung zu Christus die Menschen nicht lebensfähiger, einsichtiger, solidarischer, weiser und liebevoller macht als sie vorher waren, dazu fällt mir kein Beispiel ein. Vielleicht bin ich neben vielen andern Gründen auch deshalb immer noch Christ, weil mir scheint, als mache Christsein die Menschen menschlicher. Beileibe nicht perfekt, aber dennoch ihrem Vorbild entsprechender.

19.11.10

Johannes 14,2-3

Es ist 15.30 Uhr. Seit 6.00 Uhr bin ich in der Kita. Aufschließen, die Kinder empfangen, Frühstück machen, die Vormittagsbeschäftigung überwachen, Babys wickeln, ihnen ihren Joghurt und ihre Bananen servieren, Mittagessen kochen, die Schulkinder empfangen und die Nachmittagsschüler zum Umziehen schicken, mit allen zu Mittag essen, Kinder schlafen legen, bzw. den Abwasch erledigen, die Bring- und Abholzeiten der Kinder notieren, unzählige Nasen putzen und Schuhe binden. Aber jetzt ist der Schichtwechsel vorbei, ich bin fertig für heute. Nein, heute noch nicht. Ich muss noch die Rechnungen für die einzelnen Kinder machen, damit ihre Mütter wissen wieviel sie bezahlen müssen diesen Monat. Damit nicht ständig eins der Kinder in meine Papiere greift, setze ich mich in den Gottesdienstraum. Ein Büro haben wir leider nicht. Ich vertiefe mich in die Zahlen und Tabellen. Diese Arbeit macht keinen Spaß, aber einer muss es ja tun. Das von draußen hereindringende Kindergeschrei vermischt sich mit dem Summen des Ventilators, bildet eine Geräuschkulisse, die mich einlullt. Plötzlich bin ich wieder ein Kind, das bei seinen Schulaufgaben sitzt, während es darauf wartet von seinen Eltern abgeholt zu werden. Ein sich näherndes Motorengeräusch auf der Straße treibt mich unwillkürlich zur Eile. Schnell noch die letzte Rechnung machen, die Listen und den Ordner wieder aufräumen, dann kann ich los. "Ich komme gleich, Papa!" Die Verantwortungen abgeben und endlich die Seele baumeln lassen, das wäre schön. Da kehrt mein Gefühl für Raum und Zeit zurück. Ich bin hier. Und heute holt mich niemand ab. Aber mir wird bewusst, dass eines Tages mein Papa im Himmel kommen wird, um mich abzuholen. Und dann werde ich keine Rechnungen mehr beenden müssen und keine Ordner mehr verstauen wollen. Dann stehe ich auf, lasse alles stehen und liegen, lasse alles hinter mir und fahre mit ihm nach Hause. Danach sehne ich mich, darauf freue ich mich.
Aber noch ist sein Sohn damit beschäftigt zu putzen, die Betten zu beziehen und das Essen vorzubereiten. Danke Jesus!

13.09.10

Warum ich (immer noch) Christ bin?

Eine Freundin lud mich ein, in einer Zeitschrift auf diese Frage zu antworten.

Ja, was wäre denn die Alternative? Klar, Christsein hat seine Nachteile! Völlige Abhängigkeit von der Führung eines mitunter schwer verständlichen Gottes, freiwillige Reduzierung materieller Sicherheiten, geschwisterliche und auch noch liebevolle Beziehungen zu Menschen die mindestens so große Macken haben wie ich selbst, Verzicht auf eigene Rechte bis zum Extrem der Liebe zu meinen Feinden... - Manchmal steh ich schon neben mir und frage mich, ob ich jetzt unter dem Helsinki-Syndrom oder etwas Vergleichbarem leide. Das ging schon Jeremia im dritten Kapitel der Klagelieder so. Kürzlich lass ich bei Adrian Plass von jemandem, der soooo müde war Christ zu sein und endlich nur noch bei Jesus sein wollte. Das klingt jetzt vielleicht unerwartet fromm für einen Christen, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Oder um es sinngemäß mit Shane Claiborne zu sagen: Ich weiß nicht, wieso Leute behaupten, Jesus sei die Antwort auf all deine Probleme. Ich mache eher die umgekehrte Erfahrung gemacht: je mehr ich Jesus folge, desto mehr Probleme hab ich.

Aber nochmal: Was wäre denn die Alternative? Geld verdienen bis ich entweder als Loser unter die Räder komme - oder bis ich zu den wenigen Gewinnern gehöre, denen der Kaviar nicht mehr schmeckt? Vergnügen in mich hinein saugen, bis ich ganz ausgehölt bin und mir sämtliche Freude zerbrochen ist? Mein Leben auf zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen, bis ich merke dass die andern auch nicht verlässlicher sind als ich? Mir mein eigenes kleines Reich der Bürgerlichkeit aufzubauen um dann am Abend gemütlich die Buddenbrooks zu lesen? Da wäre ja eine stabile Wand zum Gegenfahren atraktiver! Denn um ein gutes Leben auf eigene Rechnung zu leben, altruistisch die Welt zu retten, oder den Regenwald, oder den Frieden auf Erden, dazu bin ich viel zu pessimistisch. Und der Wechsel zu Islam, Buddhismus, Hinduismus oder sonstiger Religion scheint mir auch eher vom Regen in die Traufe zu führen. Ich hab vor Wenigem mehr Angst, als eines Abends aufzuwachen und zu merken, dass ich mich die ganze Zeit selbst belogen habe, dass ich in den Wind geschlagen habe, wie Paulus es ausdrückt. Da singe ich mit Ararat: "Meine kleine Seele, die fing bald an zu schrein: Das ist es alles nicht, das macht mich nur alleine."

Es ist kein Zufall, dass ich viele Mitchristen zitiert habe. Geschwister sind nicht nur das stärkste Argument gegens Christsein, sie sind auch die beständige Ermutigung, dabei zu bleiben. Wie in allen Familien. Wenn ich gelegentlich in ihrem Verhalten Jesus handeln sehe. Wenn in ihren Worten plötzlich Jesus mit mir redet. Wenn plötzlich im Gesicht des Bruders oder der Schwester Gottes Angesicht für mich sichtbar wird (Genesis 33,10). Wenn ich die Lebensregungen des mächtigen Organismus spüre von dem ich ein Glied bin. Wenn ich spüre wie der Leib Christi sich reckt und streckt - dann will ich auf keinen Fall den Moment verpassen, in dem er vom Schlaf erwacht und aufstehen wird, um seinem Bräutigam entgegenzugehen. Das Hochzeitsfestfinale wird noch hundertmal besser wie im Herrn der Ringe - und ich werde dabei sein, als Teil dieser größten Erzählung aller Zeiten! Auf die Verheißung dieser Liebe hin zu leben erscheint mir immer noch sinnvoller als alles andere. Und das Leben ist nun einmal so, dass man es nur ganz oder garnicht leben kann - also will ich wirklich alles auf diese Karte setzen. Sollte es entgegen aller meiner Begegnungen mit Jesus, entgegen allem was er für mich getan hat, entgegen aller narrativen Wahrscheinlichkeit und gegen das Zeugniss und die Erfahrung von Millionen Geschwistern doch die falsche Karte sein, sollte mit dem Tode doch alles aus sein? Tja, dann würde ich wenigstens nie aufwachen um es zu erfahren!

16.08.10

Bauern und Heilige

Gestern waren wir auch Nachmittags auf dem Kirchhof. Gardinen wurden genäht und es wurde aufgeräumt, damit wir einen schönen Raum haben, unsere neue Volksbibliothek einzurichten. Es wurde gemessen und gemalt an einem Plan für einen selbstgemauerten Backofen mit anschließender Kochplatte und großem Grill. Das Ding wird der Hammer - wenn es klappt! Der Gemeindebruder mit dem ich gemeinsam plante, überraschte mich mit einem der merkwürdigsten Zeugnisse die ich je gehört habe: "Früher glaubte ich immer, man müsse unbedingt in der Stadt wohnen und Arbeiten gehen. Durch den Glauben hab ich gelernt, dass ich auch außerhalb auf dem Land leben könnte und Tiere halten und mich so selbst versorgen."

Abgesehen davon, dass gerade dieser Mann sehr weit davon entfernt scheint, sowas jemals wirklich zu machen - wie kommt er auf diese Erkenntnis? Ich bin mir ziemlich sicher, nie etwas in diese Richtung gepredigt oder gelehrt zu haben und mir fällt auch niemand ein, von dem er das haben könnte. Ist das aufkeimendes Verständnis für einfachen Lebensstil? Ist das Genügsamkeit oder sogar - Gelassenheit? Aufbrechende Skepsis gegen die schalen Versprechungen unsrer gehetzten Konsumgesellschaft? Oder interpretiere ich das alles viel zu positiv und es verbirgt sich nichts dahinter als die Hoffnung auf ein gemütlicheres oder gar fauleres Leben? Oder gibt es vielleicht so etwas wie ein theologisches Erbgut und es äußert sich hier plötzlich ein rezesives Mennonitengen? ;-)
Immerhin hat er mit Holzresten einen ganz guten Hühnerstall gebaut der inzwischen von 16 Hühnern bewohnt ist. Auf jeden Fall ein Fortschritt in Bezug auf seine Eigeninitiative und erfreulich in punkto Selbstversorgung. Auch "Walden" und "Das Leben auf dem Lande" scheinen etwas mit Christsein zu tun zu haben. Zumindest letzteres wird in Spanisch jetzt bald in unsrer Bibliothek ausleihbar sein. Nochmal bestätigt in Bezug auf die Bibliothek hat mich dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie.

13.01.10

Ihr Glaube verbietet, Geschenke von Entführern anzunehmen

"Paraguayische Indianer werden der Welt zum Vorbild der Integrität" titelte heute ABC, die bedeutenste paraguayische Tageszeitung. Eine Gruppe der "Mbya-Guaranies" haben die Annahme von 6 geschlachteten Rindern verweigert, die ihnen die pseudolinken Möchtegern-Rebellen des "Ejercito Popular Paraguayo" (EPP) zugedacht hatten. Heute vor 90 Tagen hat das EPP den Viehzüchter Fidel Zavala entführt, dessen Estancia nur 15 km von dieser Indianersiedlung entfernt liegt. In den Verhandlungen über die Freilassung von Fidel, hatte EPP der Familie jetzt befohlen, 30 geschlachtete Rinder an 3 indianische Gemeinschaften und im Armenviertel von Asunción zum verteilen, als "Zuvorkommenheit des EPP". An drei Stellen wurden tausende kg Fleisch verteilt, doch die Gruppe in Vy’a Renda hat den Empfang abgelehnt. Der Häuptling Isidro Fernández gab zur Begründung an: "Wir sind nicht fähig, das Leiden seiner (Fidels) Familie auszunutzen." Er erwähnte zwar auch die Angst, zu nah mit der EPP in Verbindung gebracht zu werden. Aber wie er weiter ausführte, seien sie schon gewohnt in Armut zu leben und Hunger zu ertragen und "ihr Glaube erlaube ihnen nicht die "Wohltätigkeit" der Entführer zu akzeptieren".

Ein Glaube der es nicht erlaubt, dass man das Leid anderer Leute zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Hätten wir in diesem Land mehr Leute mit solchem Glauben, wäre Paraguay nicht immer einer der Spitzenreiter des weltweiten Korruptionsindex.
Und gut, dass eine Viehzüchtervereinigung dieser Gemeinschaft jetzt 6 Rinder als Anerkennung schenken will. Bei ABC auch Bilder vom Häuptling und von der Verteilung von 2000 kg Fleisch an anderer Stelle.

22.08.09

Bekenntnisse

Kurt Marti schreibt in "Zärtlichkeit und Schmerz", S. 120: "Mir ist kein Glaubensbekenntnis einer christlichen Konfession bekannt, dessen Haupt- und Zentralsatz lautet: `Gott ist Liebe´ (1. Johannes 4,8.16). Dementsprechend sieht die Kirchen- und Konfessionsgeschichte auch aus."

Mir scheint, dass die meisten christlichen Bekenntnisse, sofern sie nicht nur individuell sind, der heutigen Bekenntnissituation kaum noch entsprechen.
Die alten Bekenntnisse begannen beispielsweise mit Gott dem Vater als Fundament für alles Folgende. Neuere evangelikale Bekenntnisse setzen an diese Stelle die Bibel, was der individualistischen Glaubenssicherung durch persönliche Bibellese entspricht.
Als Täufer sind uns Bekenntnisse zwar überhaupt suspekt, und wie ich meine auch zu recht. Wenn ich mir dennoch ein täuferisches Bekenntniss vorstelle, dann müsste es meines Erachtens mit dem lebendigen Wort Gottes, mit Jesus beginnen, dem maßgebenden Abbild Gottes. Und wenn wir eine erfahrbare Wahrheit an den Anfang setzen möchten, wäre mit Christi Leib in seiner heutigen Gestalt zu beginnen, also mit der Kirche. Lustigerweise kommt in den meisten gängigen Dogmatiken und Bekenntnissen die Ekklesiologie immer fast am Ende, als Resultat der ganzen Gottes-, Menschen- und Rettungslehren.
Ist dies nicht genau der Punkt, der Christsein für unsere Zeitgenossen so unglaubwürdig macht? Wir sehen Kirche nur als Bewahrerin und Verkünderin großer Lehren, und achten nicht darauf, was die Kirche selber ausdrückt, durch ihr Sosein, ihre Gestalt, ihre Organisation, ihr Auftreten. Kirche legitimiert und versteckt sich als Hermes, als Götterbote. Und vergisst vor lauter Verkünden, das sie selbst Gute Nachricht ist: Christi Leib hier und heute. Gottes Stellvertreterin - nicht ex catedra, sondern aus Liebe. Nur wo Kirche als materialisierte Liebe sichtbar und erlebbar wird, werden den Menschen irgendwann auch Schöpfungslehre, Soteriologie und Eschatologie wieder glaubwürdig werden.

06.08.09

An einem wunderschönen Mittwoch

hab ich gelernt, wie man Wein pflanzt. Wie es dazu kam ist eine etwas längere Geschichte. Unser alter Freund von dem ich schonmal berichtete, war auch in diesem Winter wieder wochenlang bettlägrig. Tunga penetrans (Sandflöhe) hatten es sich bei ihm gemütlich gemacht, schätzungsweise 50 bis 60 pro Fuß. Grauenhaft!!! Hab hier ein paar Bilder dazu gegoogelt, wollte selber keine machen. Aber die bei Google sind alle recht harmlos. Bin mit ihm wieder zum staatlichen Krankenhaus. Dort ist die Behandlung zwar neuerdings kostenlos, bestand dafür in diesem Fall aber nur aus einer Tetanusspritze und Antibiotika. Ein Nachbar und eine Schwester aus der Gemeinde haben (Gott sei Dank!!!) in etwa 8 mühsamen Sitzungen Nest für Nest herausgepopelt. Das nenne ich Martyrium, was ja bekanntlich Zeugnis bedeutet. Jetzt besitzt der gute Mann seine Füße wieder alleine und kann auch wieder drauf stehen. Nun überrascht er mich vor einigen Tagen mit einem Vorschlag. Er hat zwar kein Geld um seiner Dankbarkeit irgendwie Ausdruck zu geben und kann mit seinen 80 Jahren auch nicht mehr allzuviel machen. Aber als Agronom versteht er etwas von Pflanzen und er hat gute Ideen. Nun war er extra in eine andere Stadt gefahren um von einem Bekannten Weinreben zu holen. Weißer Moscatel! Er war eigentlich auf der Suche nach rotem Moscatel, aber da waren gerade keine Reben kostenlos zu bekommen. Nun haben er und ich gestern Mittag bei der Kirche 11 Löcher gegraben und mit viel Sorgfalt, Liebe und Kompetenz hat Bruder T. die Reben eingepflanzt. Er gab mir genaue Anweisungen über weitere Düngung und Pflege gegeben und strahlte übers ganze Gesicht. Bei der Arbeit hatten ich endlich auch mal wieder Zeit ihm lange und ausführlich zuzuhören. Da er sonst fast nur mit seinen Hunden redet, nutzt er jede Minute um zu erzählen. Bevorzugt über den Anbau bestimmter Pflanzen oder von Früher, von Chile. Dann erinnert er mich oft an ein Lied, das ich als Kind gerne gehört habe: "Chile comienza en algun lado, en cualquier lado. Talvéz en el lugar donde te detuviste un día, y pensaste que sería hermoso quedarse allí para siempre: allí comienza Chile. Donde la tierra canta..." (Chile beginnt irgendwo. Vielleicht dort, wo du eines Tages innehälst und denkst, es wäre schön für immer zu bleiben: Dort beginnt Chile. Wo die Erde singt...). Er konnte dort nicht bleiben. Sein Name stand wohl auf einer der Listen von Pinochets Schergen. Er war Sozialist, hat nach illegaler Grenzüberquerung am Tag von Allendes Sturz viele Jahre in der Nähe von Córdoba gearbeitet. Erst nach Strössners Sturz kam er nach Paraguay. Und blieb. Und nun beflanzt er des Herrn Weinberg an der Blauen Küste des Paraguayflußes, weil er sich für ein bisschen Solidarität, ein bisschen Menschlichkeit bedanken möchte. Mein Herz schlägt Wurzeln in diesem Kontinent, der so reich ist an Geschichten, die man am Besten bei geteilter Arbeit erzählt.

27.02.09

Ihr Kindelein kommet


Ist zwar nicht Weihnachten, aber wir haben endlich entschieden, mit der Kindertagesstätte in der Gemeinde weiter zu machen!! Im Januar kamen plötzlich fast keine Kinder mehr und wir haben uns ernsthaft gefragt, ob wir vielleicht ein totes Pferd reiten. Kaum beginnt aber die Schule wieder, sind plötzlich die Kinder wieder da. Im Schlepptau verzweifelter Eltern die nicht wissen, wo sie mit ihrem Nachwuchs hin sollen während sie arbeiten. Offensichtlich ist das während der Ferien kein Problem, da dann entweder große Geschwister zu Hause sind oder die kleinen Schüler zu ihren Großeltern ins Inland geschickt werden.


Jetzt ist es dann wohl an der Zeit, mal unser Projekt beim Rathaus vorzustellen und das ganze in diesem Jahr eine Spur offizieller zu machen.


PS: Die Fotos hat mein Schwiegervater gemacht.

25.02.09

Vielen Dank!

für die vielen Gebete. An der objektiven Situation ändert sich noch viel zu wenig, aber immerhin ganz kleine Schritte gibt es. Positive und andere. "Larisa" ist jetzt entschlossen sich auch mit Waffengewalt zu wehren, was mich nicht unbedingt zuversichtlicher macht. Aber ihr Haus ist etwas besser gesichert. Und sie hat gespürt das viele für sie beten und das die Gemeinde hinter ihr steht. Das ist für sie auch was besonderes...

Ich hoffe es hat euch nicht zusehr genervt, dass ich in den letzten Posts zusehends meine Distanz als Chronist verloren habe. Soll wieder anders werden. Normalerweise half mir das Blog-schreiben gerade auch um mich von Problemen zu distanzieren, deren Lösung ich nicht habe und auch nicht haben kann. In diesem Fall hat mich die Verwicklung und Verzwicktheit des Ganzen so mitgenommen, das ein oder zwei Posts nicht reichten. Muss wohl erst ein Buch schreiben. Dagegen wird aber dann G.G. Marquez noch sehr realistisch wirken...

Apropó Marquez: Wer sich in die Welt hier etwas mehr reinfühlen will, dem kann ich echt seine Bücher empfehlen. Nur muss man sie nicht als fantastisch abtun, sondern als objektive Berichte lesen. Z.B. "Chronik eines angekündigten Todes" oder "Hundert Jahre Einsamkeit". Die "Liebe in Zeiten der Cholera" ist gerade ganz wunderbar verfilmt worden.
Er spielt zwar im Gegensatz zu unsrer Realität hier in der Oberschicht und Paraguay fehlt natürlich auch das karibische Etwas, aber eine Ahnung vom Psychogramm der Gesellschaft kriegt man trotzdem.

14.02.09

Ist Gott für uns, wer könnte wider uns?

"Larisa" lebt und ringt damit, das Geschehene zu verarbeiten. Ich bewundere die Stärke dieser Frau! Unsere Gemeinschaft als Geschwister in der Gemeinde scheint mir im gemeinsamen Ringen und Flehen um die Sicherheit von "Larisa" eine neue Qualität zu bekommen. Gemeinsam und füreinander Beten und Handeln wird gestärkt. Während "Larisa" arbeiten geht sind die Kindern in unsrer Kita oder bei Leuten aus der Gemeinde. Der Mann hat sich bisher nicht nochmal gezeigt. Aber am Wochenende gibt es normalerweise überall mehr Alkohol. Bei der Staatsanwaltschaft geht die Sache noch nicht weiter... Also heißt es wohl weiterbeten. Gott zeigt sich, der Leib Christi lebt und handelt. Und doch krass wie manchmal der Kampf bei fast allen Gliedern sich gleichzeitig verschärft... Wir sind noch lang nicht durch die gegenwärtige Wand hindurch, aber es muss ja, es muss ja hindurchgehen!

12.02.09

War das Gotteslästerung?

Der Satz gestern, dass wir probieren wollen ob der liebe Gott lebt? Das sich die Erlösung zeigen muss?

Meine Schwester von der ich gestern schrieb, nennen wir sie Larisa, wurde heute Morgen von dem Vater ihrer jüngsten Tochter überfallen. Sie schlief aus Angst vor ihm bei Nachbarn. Als sie Morgens mit ihren Töchtern nachhause ging, stürmte er herein, und fing an zu wüten. Hat sie mit Messern und dem Tod bedroht. Ebenso die Kinder, vor deren Augen er die Mutter vergewaltigte. Die 10-jährige ging um etwas zu kaufen ins Geschäft an der Ecke, lief dann aber zur Kirche, wo dank unsrer Kita eine Frau war, die telefonieren konnte. Die Polizei kam unglaublich schnell und nahm Mann, Frau und die Dreijährige mit. Ich kam gerade noch rechtzeitig um dann auch auf die Polizeiwache zu fahren. Polizeiliche Anzeige, medizinisches Gutachten, Staatsanwaltschaft wo eine zweite Anzeige aufgegeben werden muss. Ich spielte mit dem Kind, versuchte die Mutter zwischendrinn zu unterstützen und sprach kurz auch mit dem Mann, der in einem äußerst tristen Verließ hockte. Das Kind weint, weil sie ihren Papa dort gesehen hat. Ich denke nur, warum soll es das nicht auch sehen, wenn es die Ursache dafür auch gesehen hat?

Drei Stunden später ist er wieder frei. Einfach so. Angeblich kennt sein Schwager einen Anwalt der mit der Staatsanwältin gut befreundet ist. Ich kann es nicht fassen. Wie verhindern wir, dass er sie kommende Nacht umbringt? Sie geht mit uns zu einem ihr bekannten Anwalt der uns weitere Verfahrensschritte aufzeigt. Ok, wenigstens ist der Fall doch noch nicht abgeschlossen. Larisa und ihre Kinder werden wieder bei Nachbarn schlafen. Sie wird ein paar zusätzliche Riegel an ihre Türen anbringen. Und die Kinder für eine Woche zu Verwandten schicken. Danach fängt die Schule an. Das Rechtssystem kennt kaum Schutzmechanismen für Frauen wie sie. Wir brauchen ein Frauenhaus!!

Lebt Gott jetzt nicht, weil ihr das passiert ist? Oder lebt er, weil der Mann alle Messer in der Küche zerbrochen hat, statt sie damit zu töten? Weil das Kind Alarm schlagen konnte?

Wir wollen probieren, ob Gott lebt. Heute Nacht aufs Neue.
Bitte, bitte helft beten!!!

11.02.09

Christoph Blumhardt

Bin gerade dabei ein superstarkes Buch für mich zu entdecken. Bisher bin ich noch beim ersten Band und dort stehen schon so starke Worte drinn wie:

"Wir wollen probieren, ob der liebe Gott lebt." (S. 95)

"Wenn der Mensch in den Himmel gehört, so muß er hinein. Soll er um seiner Dummheit willen in die Hölle fahren? Ich leide es nicht! (S. 92)

"Also müssen es Jesus-Menschen sein, die die ganze Welt noch zuletzt am Kragen nehmen und dem Herrn Jesus hinhalten und sagen: "So, da hast du sie" Jetzt muß sie dein sein."" (S. 98)

"Bürstet euch nicht so viel an eurem christlichen Rock herum, wie wenn er sauber werden müßte! Im Gegenteil, herunterreißen müßt ihr den Mantel, der euren Schmutz zudeckt, und mit offener Brust dem Heiland entgegengehen..." (S. 156)



Da ist Schwarzbrot zum Leben. Recht theopraktisch.

Das hilft, wenn ich jene Frau besuche, die mit ihren jüngsten zwei Kindern allein in ihrem klapprigen Haus und auf einem gewaltigen Berg Schulden sitzt. Ihr letzter Mann wollte mal wieder vom Alkohol los und wir haben immer wieder für ihn gebetet. Dann ist er doch wieder besoffen heimgekommen, hat sein Kind (die Dreijährige) mit sich genommen und ging in den Laden wo er seine Frau wußte, um sie in aller Öffentlichkeit zu verprügeln. Hat ihr eine Flasche über den Kopf gehauen und sie in den Wassergraben geschupst. Das Kind kann es genau erzählen. Bei der Polizei hat sie ihn schon zu oft angezeigt - nach ein paar Tagen ist er dank prominenter Fürsprecher doch wieder draußen. Zurzeit wohnt er 4 Blocks weiter bei seiner Schwester, in der Nähe seiner anderen Frau und Mutter seines zweiten Kindes. Meine Gemeindeschwester hat Angst, dass er sie demnächst umbringt, wenn sie ihn nicht mehr reinlässt. Die SMS in der er ihr mit dem Tod droht hat sie gespeichert, damit die Polizei im Zweifelsfall Bescheid weiß. Ich teile ihre Angst und ihre Hilflosigkeit. Zur Kinderschutzbeauftragten wollte sie erst nicht gehen, weil sie nicht einen Tag bei ihrer Arbeit fehlen kann. Sie braucht den Tageslohn von ca. 8 Euro unbedingt. Die Gemeinde bietet ihr jetzt an, ihr den Lohn für einen Tag zu ersetzen, damit sie aufs Amt gehen kann. Wir wollen sie begleiten. Mal sehen, was Gott tun wird! Oder um es nochmal mit Blumhardt zu sagen

"Die Erlösung muss sichtbar werde."(S. 97)
Amen und drei Ausrufezeichen.

09.02.09

Teenies!

November bis Ende Januar war eine der arbeitsreichsten Zeiten meines bisherigen Lebens. Mancher der mich kennt, denkt jetzt wahrscheinlich das muss ja noch nicht wirklich viel Arbeit bedeuten, aber immerhin. Daher auch die seltenen Posts... Sorry!! Einige analoge Fotos von der Kinderbibelwoche im Dezember kann ich euch jetzt leider nicht zeigen, da mein Scanner gerade an Altersschwäche zu sterben scheint. Dafür noch Bilder von der Teeniefreizeit im Januar. Die war einfach gigantisch.



Es ging je einen Tag lang um persönliche Herkunft, Begabung und Zukunftspläne. War super spannend mit 40 Kids. Wir haben versucht die Verbindung zwischen Träumen für die Zukunft und konkreten nächsten Schritten aufzuzeigen. Viele haben überhaupt keine Ahnung was sie eigentlich können und noch nicht einmal was sie mögen. Am bunten Abend musste jeder sich vorstellen indem er eine seiner Fähigkeiten demonstrierte. Das brachte manche in arge Verlegenheit, aber am Ende glaub ich kam mit Spaß so manches Aha-Erlebnis zustande. Bei den Spielen haben wir ein bisschen versucht, die traditionelle Fixierung auf direkte Konkurrenz abzumildern, was auch recht gut gelang. Das Team war fast das gleiche wie im Jahr zuvor und arbeitete richtig gut zusammen. Leoni blieb dieses Jahr um unsrer Kinder willen zuhause, was ich zwar sehr schade aber trotzdem auch wieder gut fand.



Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich, dass beim Maskenbasteln (siehe Fotos) ein Junge eine komplett grau angemalte Maske angefertigt hat, ohne jedes weitere Kennzeichen. Er hat sie nicht mitgenommen, so dass wir sie natürlich finden mussten. Da ich die Situation den Kindes näher kenne, weil er aus unserer Gemeinde kommt, finde ich diese Maske eine perfekte Darstellung dessen, wie seine Situation auf ihn selber wirken muss. Insofern fand ich auch schon diesen Ausdruck der Ausdruckslosigkeit einen Erfolg. Er und sein Bruder hatten mit ihren 11 und 13 Jahren schon mit der Polizeit wegen Diebstahl und Einbruch zu tun. Gestern fragten sie mich nach dem Gottesdienst, ob ich ihnen nicht meine zwei großen Lautsprecher ausleihen könnte, die sie in der Kirche gesehen haben, weil ich sie dort oft bei Filmvorführungen brauche. Sie haben zuhause ein Radio aber ohne Lautsprecher. Ich hab sie ihnen bis Dienstag geliehen, wenn wir sie wieder in der Kirche brauchen. Das Vertrauen zwischen uns wächst. Gott sei Dank!!


16.01.09

Der heruntergekommene Gott

Bin grad an einer Predigt über die Sache mit der Verklärung (Matthäus 17). Bin schwer überrascht, dass diese Erfahrung die Jüngern offensichtlich vor allem eines lehren soll: Wer sich von seiner Begeisterung verführen lässt, auf dem Berg der Verklärung und der Glorie zu bleiben, der bleibt nicht bei Jesus. Denn Jesus geht hinunter in die Ebene des Altags mit seinen Problemen, den Anfeindungen, der Verfolgung, dem Leiden.
Das ganze scheint so eine Art Nachhilfeunterricht für die Jünger zu sein, damit sie die Gesamtlektion des Lebens Jesu kapieren: Ja, Jesus ist Gott. Und zwar der heruntergekommene Gott. So weit runter, dass er uns begegnen kann. Gott sei Dank!

20.12.08

Stress-mas

Warum passiert es jedes Jahr wieder? Über Stress in der Vorweihnachtszeit zu klagen ist etwa so originell wie sich über Korruption in Paraguay auzufregen oder sich um die deutschen Schulen zu sorgen. Zigtausendmal beklagt, wissen wir alle, dass Christmas nicht zu Stressmas werden darf und soll, und dennoch hat dieses jedes Jahr neu bestätigte Wissen etwa die Halbwertszeit von guten Vornehmen für das neue Jahr.

1. Das Weihnachten in unser Kultur zum Familienfest mit hohem Anteil Stallromantik geworden ist, trägt sicherlich das Seine dazu bei. Der jährlich anfallende, in fast allen Familien simultan abgehaltene Stallgeruchs-check treibt bei vielen das Adrenalin in die Höhe und sorgt für ein anhaltend hohes Niveau von Emotionalstress. Da haben es selbst die Engelchöre schwer, ihrem "Frieden auf Erden" Gehör zu verschaffen. Dabei waren Maria und Josef offensichtlich ziemlich einsam in Betlehem.

Lösung: Eigene Erwartungen reduzieren und Erwartungen anderer im Zweifelsfall mit Gelassenheit ent-täuschen.

2. Natürlich ist auch Geld ein Faktor. Das überall sehnsüchtig erwartete Weihnachtsgeld verspricht die Sorgen des Jahres auszuzahlen und zerrinnt dann nur umso schneller durch die Finger oder in die Kehlen. Alle wollen Stall und Krippe, aber bitte nur als Schmuckstück in der besinnlichen Ecke des eigenen Palastes.

Lösung: Eigene Erwartungen reduzieren und Erwartungen anderer im Zweifelsfall mit Gelassenheit ent-täuschen.

3. Kostbarer als Geld jedoch ist die Zeit. Die freien Tage der Jahresendfeiern verführen uns zu der Erwartung, jetzt endlich das zu tun was uns ja so schrecklich wichtig ist, aber leider nie einen Platz im Alltag findet: besinnliche Stunden, Spielen mit den Kindern, Gespräche mit dem Partner, Besuche bei Freunden, längst fällige Verschönerungen am Eigenheim, jährlichen Kirchenbesuch, ausschlafen, gemütliche Festmähler ... - und bitte alles in 48 Stunden. Aber wer keine Zeit hat, wie will der Ewigkeit haben? Hinzu kommt, das in Paraguay Dezember, Januar und Februar die Ferienmonate sind, in die man alle extra Kinder- und Jugendprogramme, Ausflüge, Freizeiten, Bibelwochen usw. hineinpressen muss.

Lösung: Eigene Erwartungen reduzieren und Erwartungen anderer im Zweifelsfall mit Gelassenheit ent-täuschen. (Was mir bei diesem Punkt glaub ich am allerschwersten fällt!)

4. Richtig gute, entspannende Festtage sind voller Spontanität wie der nächtliche Besuch der Hirten - und trotzdem gelingt alles: Sprich die Familie ist grad daheim, das Kind schreit nicht, schläft nicht und hat auch nicht grad die Windeln voll, sondern lächelt entspannt und segnend. Also werden wir jedes Jahr alle Eventualitäten noch besser planen und vorbereiten, damit wir diesen Spagatt auch hinbekommen. Der eigene Perfektionismus jagt und peitscht uns zu Tode.

Lösung: Eigene Erwartungen reduzieren und Erwartungen anderer im Zweifelsfall mit Gelassenheit ent-täuschen.

5. Unweigerlich erhebt sich dann irgendwann in der Gemeinde die mahnende Stimme, wieso wir soviel in die Feiern sonstwo investieren und in der Kirche sei das Fest so einfach. Wir MÜSSTEN doch ein schöneres, besseres, abwechslungsreicheres, anspruchsvolleres, tiefgehenderes, ansprechenderes, besinnlicheres....
Schließlich hofft jeder verzweifelt, dass in diesem Jahr endlich auch in sein Leben ein bisschen mehr Erlösung dringt. Dabei wollen wir meist gerade keine Erlösung unseres Lebens, sondern nur seine Weihe. Nicht die Verwandlung, sondern nur einige nützliche Korrekturen der Details, damit im Wesentlichen alles bleiben kann wie es ist.

Und wir vergessen, dass das erhoffte Wunder vielleicht nur in Einsamkeit geschehen kann, in bescheidenen Lebensverhältnissen, in verlorener Zeit, gegen alle Planung und vor allem entgegen unserer Erwartungen an uns selbst und an andere Menschen. Anstatt darauf zu warten dass Gott endlich Mensch wird, erwarten wir von uns und andern Menschen Göttliches. Schon an Weihnachten suchen wir immer wieder den Lebenden bei den Toten. Vater, vergibt uns, denn wir wissen nicht was wir tun!

20.11.08

Gottes Lachen

Ein toller Beitrag über Gottes Humor. Danke Kerstin!!

09.11.08

Regen und Sonnenschein

Normalerweise ist bei Regen nichts los. Kein Mensch geht aus dem Haus. Als wir heute morgen zur Kirche fuhren, erwartet ich nur ein winziges Grüppchen und stellte mich auf spontanes predigen oder Gottesdienst leiten ein. Nachts hatte es heftig gehagelt und sich den ganzen Morgen richtig festgeregnet. Im Regen kamen nicht nur die zwei Familien die ein Auto haben, sondern insgesamt waren wir 30 Leute. Das entspricht nach meiner Erfahrung mindestens 80 Leuten bei Sonnenschein. Ich war begeistert! Wir saßen im Kreis und sangen acapella da unser 20-jähriger Gesangleiter keinen Regenschirm hat und aufgrund seiner Windpocken nicht ohne durch den Regen wollte. Die Gottesdienstleiterin war auch nicht da, hatte ihre Aufgabe aber an jemand anderen übergeben. Der Prediger war trotz des Wetters und über einer Stunde Busfahrt rechtzeitig da. Ich war beeindruckt.

Vor einer Woche erzählte uns Gemeindeglied "Alberto", dass sein Bruder einen Motoradunfall (ohne Sturzhelm) hatte und mit diversen Schädelbrüchen auf der Intensivstation liegt. In der Ersten Hilfe hatten sie ihn schon aufgegeben und vier Bestattungsinstitute stürzten sich auf die Verwandten um die Beute zu bekommen. Statt dessen brachten sie ihn ins Militärkrankenhaus. Seine private Versicherung (die gleiche die wir haben) zahlt nur sehr kurzfristigen Aufenthalt in der Intensivstation und schon garnicht in diesem Krankenhaus. Nach vier Tagen machte er die Augen auf und erkannte seinen Bruder. Es ging steil bergauf. Morgen soll er aus der Intensiv kommen, aber nur wenn die Kosten von über 2 Millionen Gs. pro Tag bezahlt sind. Sonst bleibt er auf intensiv und verursacht noch höhere Kosten. Paraguayisches Mindestgehalt, das die Meisten nicht kriegen, liegt bei 1,4 Millionen Gs. monatlich. Mit einer Lohnanleihe "Albertos" von 7,5 Millionen und verschiedenen andern Anleihen der Großfamilie kamen sie auf rund 15 Millionen, aber es fehlen immer noch 5. Bis Morgen!

Sie sehen keine vernünftige Möglichkeit mehr, das zusammen zu bekommen. Er überlegte, eine Hypothek auf sein Haus aufzunehmen - mit 15 % Zinsen monatlich!!! Der Verunglückte hat ein Grundstück mit Haus zu verkaufen. Sie haben viele Angebote bekommen - für 5 Millionen!!! Das ist vielleicht ein Drittel oder höchstens die Hälfte des realen Wertes. Sie wollen gerne 10 Millionen haben, finden aber niemand, der das so auf die Schnelle zahlen will. Als "Alberto" das heute nach dem Gottesdienst erzählt, biete ich ihm an, die fehlenden 5 Million aus der Gemeindesozialkasse zu leihen. Er wirkt erleichtert. Da sagt Frau "Marta", dass sie
Geld gespart hat um ein Auto zu kaufen, das sie für ihren sehr weiten Weg zur Arbeit wirklich braucht. Aber sie wird damit jetzt noch warten und ihnen das Grundstück für die 10 Millionen abkaufen, es später wenn es geht für etwas mehr wieder verkaufen und sich erst dann das Auto kaufen. "Alberto" ist glücklich und fährt mit ihr gleich zur Grundstücksbesichtigung. Ich bin auch glücklich!
"Rita", eine andere Frau aus der Gemeinde muss Dienstags zu einer schwierigen Voruntersuchung für eine anstehende Operation und ihr wurde gesagt, sie soll nicht allein kommen. "Albertos" Frau, die ja eigentlich genug Probleme mit dem Unfall ihres Schwagers hat, beginnt sofort zu organisieren, wer "Rita" zum Krankenhaus begleiten könnte. Wenn niemand den ganzen Tag kann, können sich zwei Frauen vielleicht ablösen. Also auch das scheint sich zu klären - ohne unsere Initiative. Ich bin sehr glücklich!! So ungefähr stell ich mir das vor mit dem Leib Christi. Mit Gemeinde die auch noch am Dienstag erfahrbar ist. "Siehe, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen."
Dienstag Abends fangen wir mit einem Kurs über Familienfinanzen an. Eine Menge Anmeldungen sind schon eingegangen.

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