16.04.12
Wir müssen verrückt sein, so zu leben
Seid voriger Woche haben wir zwei neue Pflegekinder auf unbestimmte Zeit, 6 und 14 Jahre alt. Nachdem die Kinder jetzt vor ihren Eltern in Sicherheit sind, suchen wir nach Lösungen für die Mutter... Als ich von nahestehenden Personen sehr eindrücklich gefragt wurde, ob wir das auch alles schaffen werden, konnte ich nur zugeben, dass ich keine Ahnung habe. Muss ich ja auch nicht, denn fürs Schaffen ist ein anderer zuständig. Ich darf das nur nicht immer vergessen!!! Kleine Übung in "Auf-dem Wasser-gehen" gefällig? :-)
Hab meinen viel zu großen und nicht nur deshalb viel zu unordentlichen Schreibtisch verschenkt, ebenso wie einen guten Teil jener Bücher, die ich sowieso nicht lese. So konnte ein Bücherregal durch ein weiteres Zweistockbett ersetzt werden. Im ehemaligen Büro schläft jetzt unsere gebeutelte "Freiwillige". Dann haben wir ein Jungenzimmer mit drei Jungs in zwei Betten und ein Mädchenzimmer mit zwei Mädels, die aber meist auch nur eines ihrer zwei Betten benutzen. Aber da soll ab nächstem Jahr auch unser Baby rein. Dann ein Teeniezimmer mit einem Mädel - ihr Bett könnte man noch ausziehen, falls sich weibliche Gäste bei uns anmelden wollen. Leoni und ich schlafen Gott sei Dank noch in einem Bett, und manchmal sogar die ganze Nacht ohne irgendwelche anderen Bettflüchter. Ohne Schlafplätze bleiben die beiden Toiletten, die Wohnküche, und die Abstellkammer. Im Wohnzimmer ist Raum für Gäste auf dem Sofa oder auf einer Notmatratze. In den vergangenen 7 Tagen haben schon zwei Gäste hier geschlafen und keiner hat sich beschwert - sprich, ein bis zwei Personen können uns auch weiterhin besuchen. Nur beim Essen müssten dann einige augelagert werden, da wir beim Abendessen als 9 ständige Mitbewohner nur so gerade noch an unseren Tisch passen.
In der Hoffnung, weiter verrückt zu werden, warten wir auf den großen "Verrücker"! (Und damit meine ich nicht in erster Linie unser Baby, dass im August geboren werden soll.)
12.03.12
Was war eher, die Worte oder der Satz?
11.06.10
Zwischenbericht
Meine Zeit als Pastor in Costa Azul geht nach knapp 3 Jahren ihrem Ende entgegen. Ein Nachfolger ist innerhalb des bisherigen Leitungsteams gefunden. Anfang September ist Übergabe. Voraussichtlich werden wir bei den Sitzungen einfach die Rollen tauschen. Dann muss er die Tore schießen und ich darf die Pässe spielen (tschuldigung, die WM beginnt halt heute). Ab Ende Juli werd ich schon in der Bibelschule unterrichten: Konfliktlösung und Täufertheologie - durchaus Lieblingsthemen von mir. Jetzt fällt es doch ein bisschen schwer, schon wieder die Verantwortung für "meine" Schäfchen abzugeben. Aber dass fiel mir auch zwischendurch schwer und genau deshalb hat mich der Job wohl auch so fertig gemacht. Sollte ich also irgendwann mal wieder in die Rolle des Leithammels kommen - was ich mir gut vorstellen könnte - dann mit dem festen Vorsatz, von Anfang an einfach Leithammel zu sein und den Rest vielmehr dem wirklichen Hirten zu überlassen. Wieder was gelernt!
Die Kindertagesstätte bleibt wohl noch weiter unter Leonis Leitung. Vielleicht sollte ich sie lieber selber erzählen lassen, aber sie kommt so selten zum schreiben und die Stories sind so klasse. Der dramatische Höhepunkt war bisher, als eine Mutter am späten Nachmittag eine SMS schickt, dass sie ihr einjähriges Kind heute nicht abholen kann, da die Oma einen Unfall hatte. Morgens um 5 dann per SMS die Nachfrage, wo denn ihr Kind sei! Wir haben ihr dann erklärt, dass wir kurz davor waren, es bei der Polizei abzugeben... Der Oma war übrigens nicht arg viel passiert.
Unsere Kinder gehen ganz gern zur Schule. Was uns ärgert, ist dass sie viele Hausaufgaben garnicht machen können, weil selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Eltern sie dann machen. Haben uns verschiedentlich geweigert und sind glaub ich schon als schwierige Eltern bekannt. Na dann!
26.03.10
Umzug vollendet
Unser Haus ist herrlich! Vor allem ist das Dach tatsächlich dicht!! Wir haben bereits mehrere Bäume gepflanzt (Avocado, Mandarinen, Zitronen und Acerola) und den Hof für das zukünftige Fußballfeld begradigt. Mehrere Bäume haben wir übrigens sowie einige andere Pflanzen von ganz lieben Nachbarn geschenkt bekommen. Der Hühnerstall ist zwar grauenhaft anzusehen, aber Lotta, Edelbert und Sabinchen akzeptieren ihn als neues Zuhause. Die Wasserversorgung ist noch nur provisorisch geklärt, da das nicht zu empfehlende Grundwasser in unsere Zisterne eindringt und wir uns jetzt mit einem vorläufigen Wassertank behelfen müssen. Aber immerhin haben wir nach wochenlangem Rumgemache und im Unterschied zu den meisten Nachbarn auch tagsüber Wasser in der Leitung. Als gerade während der ärgsten Wasserprobleme Ana mit Läusen nach Hause kam, unser Kater Findus Flöhe verteilte und jemand in Volltrunkenheit vor unser Auto sprang, fingen wir schon an bei den ägyptischen Plagen nachzusehen, was als nächstes kommen würde. Gott sei Dank! konnte der Mann noch in der selben Nacht wieder entlassen werden. Windschutzscheibe, Motorhaube und Spiegel bei unserm Auto wieder hinzukriegen dauerte länger. Aber inzwischen werde ich fast schon wieder träge, weil gestern und heute noch nichts Außergewöhnliches passiert ist.
Kommende Woche haben die Kinder schulfrei und wir machen vielleicht wieder einen zwei-Tages-Urlaub wie im Vorjahr. Samstag auf Ostersonntag gibt es dann wieder Gebetswache. Wenn ich so zurückdenke, muss ich sagen dass es mir trotz inzwischen diagnostizierter Depression besser geht, als voriges Jahr zur gleichen Zeit. Vielleicht hatt ja auch dieses Tal sein Ende gefunden. Also, Euch allen gesegnete Passionswoche und starke Freude über Ostern!
20.01.10
Unsere Kinder sind verhaltensauffällig
Gott sei Dank, sind sie nicht die Einzigen mit solch auffälligen Verhaltensmustern. Vielleicht ist es ja sogar eine wachsende Minderheit.
08.09.09
sweet home!!!

1 links die Küche, rechts der Esstisch
2 Wohnzimmer mit Kamin an der Zwischenwand zum Esszimmer
3 Zimmer für zwei Kids
4 Bad
5 Zimmer für ein Kind
6 Waschzimmer und Hinterausgang
7 Gästezimmer (ja, ihr dürft kommen!)
8 Schlafzimmer mit eignem kleinen Bad
9 Büro
10 Garage
11 überdachte Sitzecke
Dank zinsloser Großanleihe bei meinen Eltern werden Träume wahr. Hoffentlich auch der, nicht mehr bei jedem Regen Bücherregale oder Computer abdecken und Möbel hin- und herschieben zu müssen. Neben der Miete werden wir auch Fahrtkosten sparen, da wir dann nur noch einen statt 9 km von der Schule entfernt wohnen. Freu mich sehr!!!
26.05.09
Pastoren sind auch nur Cowboys - irgendwie
Die Brandzeichen setzen ist zwar nicht jedermanns Sache, aber ehrlich gesagt hat es mir Spaß gemacht. Es war aber auch das erstemal, dass ich selber Hand anlegte. Immerhin gehören uns dank einer Erbschaftsvorauszahlung meines Vaters inzwischen von jedem Rind 10 Prozent...
Ich fürchte zwar, dass einige Vegetarier und Radikalrevoluzer aufgrund solcher Fotos sich jetzt endgültig von diesem Blog abwenden, aber warum soll ich meine "fleichsfressende Kapitalistenseite" verschweigen. Die andern Arbeiter frozelten ausgiebig, wo denn der Unterschied wäre zwischen meiner sonstigen Arbeit als "Pastor" und der eines Rinderhirten. Nicht so groß wie es auf den Fotos scheint, würde ich sagen. Aber ich arbeite doch langfristig lieber mit Menschen statt mit Kühen. Und etwas gewaltfreier... (grins!)
Wer aber bisher geglaubt hat, unser Leben hier wäre reiner Altruismus oder uns gar als "Speerspitze des Gutmenschentums" bezeichnete, den muss ich jetzt also enttäuschen.
Das ist für mich heimatliche Landschaft

Auf der Estancia angekommen, begutachtet man sich gegenseitig


Das Cowgirl

und die Cowboys


So sieht das also aus, wenn man jemandem sein Stempel aufdrückt.

Auch unser deutscher Austauschschüler wird markiert. Von ihm sind übrigens all die andern Fotos dieses Posts.

Das Ergebnis:

Danach gibt es für Martin Reitunterricht auf seinem Cousin
19.05.09
Fotos
Martins Geburtstag

Joel

Schläfer

Ana

Aller guten Dinge, sind drei!
27.04.09
Unglaublich
14.04.09
Robert negativ - Robert positiv 1
Die "Heilige Woche" war enorm anstrengend. Die Kinder hatten die ganze Woche frei aber ich wollte keinen Ausflug machen, solange das ewige Geklapper an den Vorderrädern des Autos nicht diagnostiziert oder behoben war.
Nach dem letzten Aufenthalt in einer Reperaturwerkstatt war nur mein Geld weg, nicht das Klappern. Diesmal, in anderer Werkstatt, wurde beides weniger. Erst Dienstag Gegenabend ist klar, dass wir wahrscheinlich (!) ab Mittwoch für eine Nacht in Urlaub fahren. Ich fahr von der Werkstatt so schnell wie möglich nach Limpio, denn wir haben mit Ach und Krach noch den Filmabend von Mittwoch vorverlegt.
Obwohl der Film für Erwachsene angekündigt war, kamen nur zwei. Die Filmqualität war besch...eiden und zu aller Peinlichkeit hatte ich noch die Leinwand vergessen.
Unser Gesangleiter fiel schon am Palmsonntag aus, weil er erst etwas mit seinem Vater zu regeln hatte und ich muss mit ihm noch ein ernstes Wörtchen reden. Also nach dem Film direkt zu ihm.
Eine Schwester muss mich unbedingt noch sprechen. Mittwoch morgens nehm ich mir noch eine Stunde - wir wollen ja in Urlaub fahren - doch statt um die schreienden Eheprobleme geht es nur um alte Schulden die aus lauter Dummheit ('tschuldigung) entstanden sind. Wie kann man auch als Gehaltsvorschuss (!) akzeptieren, dass die Cheffin einem ihren goldnen Fingerring ausleiht um ihn zum Pfandleiher zu bringen!! Natürlich kommt das Paar weder zu den monatlichen Ehetreffen noch haben sie den kürzlich durchgeführten Finanzkurzs mitgemacht. Selbst Schuld!
Wir haben alles gepackt, zwischendrinn per Handy noch einige Vorbereitungen für die Gottesdienste organisiert und sind um 12 Mittags gefahren. Nach fast 300 km, davon 30 grauenhaften Erdweg kommen wir an einen netten Campingplatz. Leider ist der Sand überall mit Kohlen von früheren Feuern versetzt und die Kinder werden beim Spielen ständig schwarz!
Am Donnerstag Vormittags strömen Massen an Urlaubern auf den Campingplatz. Wir packen so schnell es geht alles zusammen und hauen ab. Trotz Sonnencreme hab ich mir einen schmerzaften Sonnenbrand geholt. Die letzte Strecke im Dunkeln mit viel Gegenverkehr ist sehr anstrengend. Wir sind alle totmüde als wir um 7 daheim sind und müssen noch einiges Aufräumen und ich schreib Predigt bis nach Mitternacht.
Am Freitag im Gottesdienst nur etwa 40 Leute. Den Gesang leite ich mit Ach und Krach, den der Gesangleiter hat keine Zeit gefunden, um mit seinem Vater zu reden. Er wohnt aber zuhause... Na gut, zu Karfreitag mag unsere traurige Vorstellung ja passen. Nachmittags schlafen und dann die beginnt der große Vorbereitungsmarathon.
Freitag Abend und Samstag den ganzen Tag sitze ich am PC um die Gebetswache von Samstag auf Sonntag irgendwie zu organisieren. Hab sowas auch noch nie gemacht. Mittagschlaf klappt leider nicht. Um 8 Uhr Abends geht es los. Nachdem der Gesangsleiter um 7 immer noch nichts von sich hat hören lassen, sing ich wieder vor mich hin und alle andern hinterher. Das Lob überzeugt vielleicht einige, mich nur halb. 12 Stunden Programm und die meiste Zeit davon steh ich vorne und frag mich manchmal, ob ich hier jetzt nur noch Show mache oder was dies alles ist. Der Teufel wird zum Dauerkomentator in meinem Kopf. Ich werde immer müder, als erstes fällt mein Sprachzentrum aus, bzw. mein spanischer Wortschatz wird immer kleiner, die Sätze stockender und langsamer, ich schleppe mich irgendwie durch die Nacht und hoffe auf Wunder. Zwei der 8 Einheiten waren von jemand anderem vorbereitet worden. Einen davon übernahm ich auch noch, da Probleme aufbrechen, die es einigen Geschwistern verunmöglichen weiter voll mitzumachen, geschweige denn etwas zu leiten. Mein Glaube nähert sich zeitenweise gefährlich dem Gefrierpunkt. Erst fast zwei Tage später wird mir klar, dass die eine Person konkret um Fürbitte gebeten hat und wir dort nicht für sie gebetet haben. Sehr übel!! Um 5 ist alles geplante gesagt, gesungen und getan und ich muss improvisieren um die Zeit bis zum allgemeinen Gottesdienstbeginn um 7 zu überbrücken. Ich weiß, dass ich viel zu viel selbst gemacht habe und hab jetzt den Beweis, dass ich wirklich schlecht delegiere. Frust!!
Am Sonntag Morgen um 7 kommen nur wenig Leute dazu die nicht schon Nachts da waren und wir stottern uns immer noch acapella durch einige halbbekannte Lieder. Inzwischen muss ich mich richtig am Riemen reißen um nicht nur noch wütend auf den Ex-Gesangleiter zu sein. Die Jugendlichen die Darstellung einiger Szenen um Tod und Auferstehung eingeübt. Was ich in meiner kurzen Meditation danach gesagt habe weiß ich selber kaum noch. Mein ganzes Gehirn ist nur noch ein stammelndes Flehen, dass alles irgendwie vorübergeht, ohne dass ich großen Schaden anrichte.
Wir essen gemeinsam Frühstück, Leoni fährt nach Hause und wir schlafen von 10 bis 15 Uhr. Keine Ahnung was die Kinder in der Zeit machen. Danach zu meiner Schwester die uns eingeladen hat. Als wir ihr Haus betreten, fällt mir angesichts eines großen Blumenstraußes mit Entsetzen ein, dass sie irgendwann dieser Tage Geburtstag hat und das wohl auch ein Grund für die Einladung war. Ich gratuliere ihr nachträglich um dann festzustellen, dass es genau heute ist. Ein Königreich für ein Mauseloch! Als wir um 23 Uhr wieder zuhause sind und die Kinder ins Bett fallen, verwickel ich mich mit Leoni in eine unglückliche Diskussion voller Mißverständnisse. Die ständigen Eheprobleme von denen wir umgeben sind, scheinen abzufärben.
Wer bis hierher durchgehalten hat, den bitte ich jetzt auch den zweiten Teil zu lesen, der genauso wahr, aber irgendwie völlig anders war, auch wenn beide gleichzeitig abliefen. Wie zwei Spuren bei einer Tonbandaufnahme.
Robert negativ - Robert positiv 2
Da wir vergangene Woche nicht zur Schule fahren mussten, war dies eine der wenigen Gelegenheiten, das Auto in die Werkstatt zu bringen. Am Dienstag war alles ein bisschen eng, da noch jede Menge Dinge erledigt werden mussten, aber ich konnte das Auto tatsächlich schon Gegenabend abholen. Und ich schaffte es sogar noch, uns beim Campingplatz anzumelden, da man ohne Anmeldung dort nicht hereingelassen wird.
Bei dem Film den wir Abends in einem von der Kirche etwas entfernten Stadtteil zeigten, kamen zwar nur zwei der eingeladenen Erwachsenen, aber dafür etwa 40 Kinder - doppelt soviele wie sonst hier in letzter Zeit. Alle schienen begeistert von dem Inhalt des schon etwas alten Films und die Hausbesitzer stellten aus ihrer Tischdecke eine voll funktionstüchtige Leinwand her.
Danach hatte ich noch ein Gespräch mit unserem Gesangleiter, dass schon längst hätte sein müssen. Ich konnte dabei einiges ansprechen, was ich mich aufgrund seiner Unnahbarkeit nie vorher getraut hatte. Endlich gibt er zu, dass auch er Hilfe brauchen kann und wir verabreden, stärker als bisher gemeinsam zu arbeiten.
Am Mittwoch fuhren wir genau nach plan Mittags los, trotz verschiedener unerwarteter Dinge, die alle noch vorher erledigt werden konnten. Gut dass wir uns von dem Stress nicht die Laune verderben ließen. Joel und ich unterstützen uns in letzter Zeit gegenseitig im Kampf gegen die beiden Riesen "Wut" und "Schlechte Laune". Das hilft uns offensichtlich beiden.
Der 24-Stunden-Urlaub ist unglaublich schön. Wir landen auf einem Öko-Zeltplatz und sind fast allein da. Direkt an der Lagune ist der Sand richtig weiß und so fein, wie es ihn am Meer nie gibt. Zum Abend und zu Mittag lassen wir uns von den Besitzern bekochen: einfache, gute paraguayische Küche mit Nachtischen wie Milchmais, Milchkaramelcreme mit gemahlenen Erdnüssen und Süßkartoffelgelee mit Käse. Unter mächtigen Bäumen liegen wir im Schein des Vollmonds (der Platz ist nicht beleuchtet) und ich erzähle den Jungens eine Fantasiegeschichte aus der Zeit, als diese Bäume noch reden und gehen konnten. Erst um Mitternacht wird es kühl. Die Wolken fliehen zum Mond und verdampfen wenn sie ihn berühren. Morgens steig ich aus dem Zelt direkt in einen wunderschönen Sonnenaufgang. Da man neuerdings hier auf dem Boden kein Feuer mehr machen darf, hat uns die Besitzerin ein Gerüst ausgeliehen, auf dem wir unseren Mate kochen. Traumhaft! Eine Fahrt im Ruderboot rundet das ganze ab. Als am Donnerstag die Urlauberwelle hereinbricht, verschwinden wir schnell und sind rechtzeitig zur Nacht zu Hause. Den Zeltplatz kann man nur empfehlen. Er ist zwar teuer, aber es lohnt sich. Wir kommen sicher wieder.
Karfreitags ist Morgens Gottesdienst. Das ist für unsere Gemeinde noch etwas ungewohnt. Trotzdem kommt eine gute Gruppe zusammen und wir feiern gemeinsam. Der Gesang ohne Gitarre klappt ganz gut.
Der Samstag besteht fast nur aus Arbeit unter Zeitdruck. Das ist nicht schön, aber ich freu mich auf die 12 Stunden gemeinsame Zeit mit der Gemeinde. Es sind erstaunlich viele Leute dabei, im Durchschnitt fast 40. Die Kinder machen in den hinteren Räumen eine große Schlummerparty, die Erwachsenen lassen mit vielen unterschiedlichen Gebetsformen keine Langeweile aufkommen. Durch die Nacht begleitet uns da Vaterunser. Wir bitten für Menschen und konkrete Probleme aus aller Welt, wir beten für Limpio und als wir zur Bitte ums täglich Brot kommen, backen wir gemeinsam Chipa, das traditionelle paraguayische Essen für diese Woche. Alle formen einige der Käse-Stärke-Brötchen in die lustigsten Figuren. Danach feiern wir gemeinsam Abendmahl, bringen unsere Lasten zum Kreuz und waschen uns zum erstenmal in dieser Gemeinde gegenseitig die Füße. Die Stimmung ist unerwartet gut, die Leute lassen sich auf Neues ein. Wir werden viel offener als gewöhnlich und Leute fangen an, Masken fallenzulassen. Das bringt manche Probleme ans Tageslicht, aber darin liegen auch Chancen. Das eine Ehepaar ist sichtlich angerührt davon, dass auch andere Ehepaare Probleme haben und so iel offener damit umgehen. Ich hatte das Gefühl, dass meine häufige Aufforderung, gerade mit Problemen in die Gemeinde und zu Jesus zu kommen, jetzt vielleicht endlich von einigen verstanden wurde, die sich das vorher einfach nicht vorstellen konnten.
Als wir zu früh mit allem vorbereiteten fertig sind, lege ich Postkarten aus, die ich - Gott sei Dank - aus irgend einem merkwürdigen Impuls heraus mitgenommen habe. Jeder sucht sich eine aus zu der Aussage: "Mein Glaube/meine Beziehung zu Gott ist wie ...." Danach zeigen wir der Reihe nach unsere Karten und sagen kurz etwas dazu. Der Effekt ist enorm. Die Symbolkraft der Bilder kommt viel besser an als gedacht. Manche werden sehr persönlich. Wir freuen uns an der Vielfalt, Glauben zu erleben. Je müder ich werde und je mehr Unvorhergesehenes passiert, destomehr versuche ich die Leitung Gottes Geist zu überlassen, sprich Gelassen zu werden und nur noch aus unmittelbaren Impulsen heraus zu handeln. Das gelingt zwar nur teilweise, aber doch in Ansätzen ...
Trotz Müdigkeit kam eigentlich nie Langeweile auf. Wir haben gemeinsam gebetet wie noch nie in dem vergangenen Jahr, wir waren uns näher als je zuvor und Gottes Geist war gegenwärtig. Das Füßewaschen hat richtig Spaß gemacht. Eine ganz, ganz tolle Erfahrung!!! Das müssen wir unbedingt wieder machen.
Zum Gottesdienst am Sonntagmorgen kommen noch einige Leute dazu. Die Jugendlichen haben sich sehr viel Mühe mit der Verkleidung für ihr Theater gemacht und es kommt echt gut bei den Leuten an. Zu Frühstück gibt es dann die Chipa und frischen Cocido. Wir freuen uns am Zusammensein.
Nach einem ausgiebigen Mittagschlaf besuchen wir meine Schwester, was viel zu selten vorkommt, obwohl sie nur 25 km entfernt wohnt. Der Abend mit ihr und meinem Schwager verfliegt bei nettem und interessantem Geplauder. Richtig entspannend also.
So, jetzt fragt mich nicht, wer von beiden Roberts recht hat. Ich würde sagen, beide. Aber so ist das halt...
31.03.09
Jubil-ehen
Gemeinde:
Am Sonntag 6. Gemeindegeburtstag gefeiert. Es war genial! Den ganzen Samstag haben Leute aus Eigeninitiative geputzt und geschmückt und gearbeitet und vorbereitet. Das Klo wurde nach Wochen wieder ent-stopft! Der Wandvorhang, der vor gut einem Jahr in Auftrag gegeben war, wurde in 48 Stunden gekauft, entworfen, genäht, aufgehängt!! Der Rasen geschnitten, die Begrenzungssteine gekalkt. Beim Aufhängen des Vorhangs sauste die Leiter nach hinten weg und unser Jugendleiter der ganz oben drauf stand rutschte mit. Kein Bruch, kein dauerhafter Schaden: Gott sei Dank!! "Nur" heftige Prellungen.
Gepredigt hat am Sonntag mein Vorgänger, Gründer der Gemeinde, der glücklicherweise mit seiner Frau dabei sein konnte. Vor 10 Monaten diagnostizierten die Ärzte bei ihr Krebs und gaben ihr noch 6 Monate. Sie ist immer noch recht fit, aber jeder Besuch kann der letzte sein.
Zum gemeinsamen Mittagessen gab es riesigen Asado! Dank Fastenzeit war das Fleisch grad im Angebot. Die Atmosphäre war super; so langsam werden aus Geschwistern Freunde. Gott die Ehre!
Larissa:
Der Mann ist gerade wieder in seiner "würde-mich-gerne-versöhnen" Phase und meint es ja sooooooo gut und will natürlich niemand was böses und sehnt sich soooooo sehr nach seiner Tochter. Sie hat ihn trotzdem nicht ins Haus gelassen. Haben versucht sie darin zu bestärken und trotzdem mit ihm zu reden. Aber er hatte bald keine Lust mehr, als er bemerkte dass ich ihm nicht helfen werde in ihr Haus zu kommen. Sie hat dann zwei Nächte in der Kirche übernachtet um eventuellen besoffenen Racheaktionen zu entgehen. Kirchenasyl sozusagen!
Weltkonferenz (mennonitische):
Heute war der letzte Tag um sich ohne Buß- und Sühnegeld anzumelden. Hab Vormittags noch mit einigen unentschlossenen Gemeindegliedern rumgeredet, ob oder nicht oder doch oder wie. Jetzt sind aus unsrer kleinen Gemeinde 6 Erwachsene und 3 Kinder angemeldet (wir fünf inklusive). Das sind immerhin über 10 Prozent der Gemeinde und damit kein schlechter Schnitt. Freut mich!!
Wir:
Heute hat Leoni Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, übrigens!! Ist gerade in der Gemeinde wo die Frauen eine wilde Kaffeeparty mit ihr veranstalten. Finde es genial, dass die Frauen sie damit überraschen wollten!! Irgendwie sind wir in der Gemeinde richtig zuhause.
Nachher muss der bei uns wohnende Austauschschüler die Kinder ins Bett bringen (grins!!), während sie und ich ins Kino wollen. Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren!! Vielleicht finden wir auch noch wo was zum Essen. Wird auf jeden Fall mal wieder ein Tripp in die Erste Welt. Mal gucken wie uns das bekommt.
26.12.08
Richtig gut
25.09.08
Was ist los?
Was ist los in diesem Land? Ich bin gerade dabei, ultrakonservativ zu werden, bei allem was mit Ehe und Familie zu tun hat. Aber vielleicht werde ich doch lieber feministisch? Ich wünschte es gäbe einen –ismus der die miserablen Verhältnisse in den paraguayschen Familien verbessern könnte. Sozusagen eine Medizin. Religiosität hilft nichts. Es gibt hierzulande kaum einen Bus auf dem nicht „Gott schütze uns“, „Jesus ist Retter“ oder dergleichen mehr zu lesen ist. Es gibt einen Fernsehsender der ständig fromme Sprüche bringt. Einer der beliebtesten Radiosender ist evangelisch...
Die Probleme der Ein-Eltern-Familien scheinen noch am einfachsten und vor allem am klarsten begrenzt zu sein. Mama muss arbeiten, wo sollen also die Kinder bleiben? Und dann halt die „normalen“ Erziehungsprobleme. Wobei zu "normal" gehört, dass man sich halt überlegen muss, wie ein Elfjähriger es schafft, morgens um 6 Uhr aufzustehen, seine beiden jüngeren Schwestern zu wecken, sie in die Kita zu bringen und sich selbst zur Schule... Das sind Peanuts. Über die 10-jährige Nida braucht man sich anscheinend keine Gedanken zu machen, denn wenn sie nicht zur Schule muss, braucht ihre zweijährige Schwester auch nicht in die Kita, auch wenn Mama den ganzen Tag auf Arbeit ist. Die große Schwester als Ersatzmama.
Am schlimmsten finde ich die Beziehungsprobleme der Erwachsenen, speziell der Ehepartner. Hier hat der Mann eine zweite Liebesbeziehung und zwingt seine Frau, diese zu akzeptieren. Dort flirtet die Frau wieder mit ihrem Ex-Lover und wundert sich, wenn ihr Mann eifersüchtig reagiert. Dann ist da Marie, die ihrem Mann absolut treu ist, aber ihre Arbeit aufgeben musste, weil er Angst hatte, sie würde sich andere Partner angeln – was er durchaus getan hat, damals als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war... Außerdem bringt er kaum genügend Geld nach Hause, weil er am Zahltag gerne mal mit Freunden ausgeht und auch mal einen über den Durst trinkt.
Dann ist da Familie Cáceres. Der Mann verdient gut, studiert nebenher Jura, will bald seine Abschlussarbeit schreiben. Sie scheint ihm treu ergeben und versorgt mit viel Hingabe ihre sechs Kinder, die alle sehr scheu und schüchtern sind, ärmlich angezogen, schmal und blass. Eines fängt an zu klauen. "Die Kinder sind ständig hungrig", erklärt mir eine Nachbarin. Der Vater hat noch zwei weitere Familien mit weiteren 10 Kindern... Wie soll da bitte der beste Lohn ausreichen? Wenn die Kinder nicht spuren, beziehen sie Prügel. Bei größeren Vergehen ruhig auch mal mit dem Stock, mit einem Kabel... Die Mutter bekommt kein Geld auf die Hand, er stellt die Lebensmittel zur Verfügung. Die Kleider für ihre Kinder näht sie selbst, verkauft Eier von ihren Hühnern, selbstgekochte Marmelade und Berliner... Sie traut sich kaum um Hilfe zu bitten, sich Rat zu holen, denn sie hat Angst vor ihrem Mann.
Eine meiner Nachbarinnen hat angeblich zwölf Kinder. Ihr Sohn meint allerdings, sie seien zu neunt. Ich kenne nur vier davon und zwei sehe ich gelegentlich. „Der Herr versorgt mich“ sagt sie fromm zu mir, ...und die nette Nachbarin (nämlich ich) kümmert sich wenigstens ab und zu um ihre Kinder, die sie unbekümmert in die Welt gesetzt hat und die z.T. mehr als verhaltensauffällig sind... Jetzt wohnt der Vater der jüngsten beiden Kinder wieder bei ihr... Man sollte ihr eine Packung Kondome schenken... aber die benutzt ein echter Macho wahrscheinlich nicht. Die Pille ist zwar fast gratis, aber ihr bestimmt zu ungeistlich („Ich nehme was der Herr mir schenkt“), eine Sterilisation sicher zu teuer... (teurer als eine Geburt.)
Und heute stand eine fremde Frau vor meiner Tür, die ein niedliches Kind mit einer hässlichen Lippen-Kiefer Spalte auf dem Arm trug. Sie habe elf Kinder und keine Arbeit. (Und wie viele Männer die keine Alimente zahlen???) Und das Einjährige könne erst in einem halben Jahr operiert werden...
Und inmitten von diesem Gomorra lebe ich mit meinem liebevollen, treuen Mann, der selbst bei großem Stress niemanden verprügelt, nicht raucht, kaum trinkt, sogar im Haushalt hilft, und mit meinen drei tollen Kindern in einem ausreichend großen Haus mit fließend Wasser, eigenem Stromanschluss, Telefon, Handy, Klimaanlage. Keine großen Krankheiten, keine Lover, keine Schulden und freien Zugang zum Konto meines Mannes... Ich passe zu meiner Gemeinde wie die Faust aufs Auge!
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