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27.04.12

50 Wege um eine Antwort auf unsere Gebete zu sein.

Eine tolle Liste, wie sie die Leute von SimpleWay hier veröffentlicht haben. Mich erschreckt, warum eine Reihe der Dinge in der Bibel stehen und ich sie trotzdem noch nie gemacht habe. Überhaupt hab ich nicht viele von den 50 Punkten schon mal probiert.
Mal sehen, womit wir als nächstens weiterprobieren. Die ganze Liste auf Englisch findet sich HIER.
Nachfolgend nur eine kleine Auswahl übersetzt.


1. Faste für die 2 Millionen Leute, die von weniger als einem Dollar am Tag leben.
3. Frage deinen Pastor, ob jemand auf der Krankenliste deiner Gemeinde einen gerne einen Besuch hätte.
4. Nimm an einem Treffen der Anonymen Alkoholiker frei und freunde Dich mit einem der Teilnehmer an.
5. Adoptiere ein Kind.
6. Mähe das Grass deines Nachbarn.
7. Melde dich freiwillig einem Kind aus deiner lokalen Grundschule Nachhilfeunterricht zu geben. (Versuche die Familie des Kindes kennen zu lernen.)
8. Züchte deine eigenen Tomaten – und teile sie mit anderen.
9. Bitte eine kleine Gruppe in deiner Gemeinschaft, sich regelmäßig mit Dir zum Gebet zu treffen.
12. Pflanze einen Baum.
14. Organisiere eine Geburtstagsparty für eine Prostituierte.
15. Wenn Du Deine Wasserrechnung bezahlst, bezahle die für deinen Nachbarn mit.
20. Beginne, 10 % Deines Einkommens dirket für die Armen zu geben.
24. Verzichte ein Jahr aufs Fernsehen. Oder mach aus deinem Fernseher einen Blumentopf.
25. Lache über Werbung, besonders über solche, die Dich lehren will, dass man Freude kaufen kann.
32. Geh ins Altenheim und hole eine Liste aller die keinen Besuch bekommen. Besuche sie wöchentlich, erzähl Geschichten, lest gemeinsam die Bibel oder spielt Tischspiele.
38. Versuche das Wasser aus dem Waschbecken für die Klospülung wiederzuverwerten. Erinnere dich an die 1,2 millionen Menschen, die kein sauberes Wasser haben.
40. Kaufe für ein Jahr nur gebrauchte Kleider.
43. Is seine Woche lang nur eine Schale Reis pro Tag um dich an jene zu erinnern, die das den größten Teil ihres Lebens machen (nimm Multivitamine). Denk an die 30.000 Personen die jeden Tag wegen Armut und Unterernährung sterben.
48. Bekenne jemandem etwas, das Du falsch gemacht hast und bitte ihn, für Dich zu beten.
50. Beteilige Dich an einem Gefängnissgottesdienst. Erinnere Dich, dass Jesus versprochen hat, Dich dort zu treffen (Mathäus 25).

13.12.10

Warum ich (immer noch) Christ bin II

Wenige Stunden nach der Anfrage für diesen Artikel habe ich schon eine erste Version zurückgeschickt. Mit viel Eifer geschrieben, voller Leidenschaft. Erst Wochen später wurde mir klar, dass die Leidenschaft weniger aus Überzeugung entsprang, sondern aus dem Ärger über die Frage. Nicht dass ich die Frage hier beantworten darf hat mich geärgert – ganz im Gegenteil. Sondern dass die Frage an und für sich so selbstverständlich klingt, so naheliegend. Als würde man mich fragen, warum ich (immer noch) verheiratet bin. Fürs Christsein braucht man halt gute Gründe. Warum wird nur sehr selten jemand gefragt, warum er (immer noch) KEIN Christ ist? Erscheint es soviel logischer, wahrscheinlicher, kein Christ zu sein? Die Frage drückt für mich die Überzeugung unserer Zeit aus, dass Christsein dochwohl sogut wie überholt sei, kurz vor dem Schlussverkauf seines Tafelsilbers. Die Ratten haben das sinkende Schiff verlassen. Wie kann man denn nach zwei Weltkriegen, nach dem Holocaust noch an Gott glauben? Oder wie kann man angesichts des enormen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts noch an Gott glauben? Wer keinen Facebook-acount hat, den gibt es nicht.
Aber warum sollten wir die Frage nicht umdrehen: Wie kann man nach zwei Weltkriegen, nach Holocaust und Ruanda, wie kann man angesichts von Irakkrieg und Somalia nicht an Gott glauben – und weiterleben? Die verzweifelte Lage unsrer Welt dient schnell als Argument gegen Gottes Güte oder Allmacht, solange ich danach wieder in mein sichres Apartment gehen kann, ohne schlimmere Ängste als die vor Übergewicht einschlafe und vorher noch meinen nächsten Auslandsurlaub plane. In einem europäischen Sozialstaat ist es verhältnismäßig leicht, an den technischen Fortschritt zu glauben. Der Rechtsstaat erleichtert es enorm, an die grundsätzliche Entwicklung des Menschen zum Besseren zu glauben. Sich bei der Tagesschau fünf Minuten über den Zustand der Welt aufzuregen und Gott für die ganze menschliche Misere verantwortlich zu machen erinnert nicht zufällig an die Hassmantras in Orwells „1984“. Aus der Distanz weiß man natürlich leicht, wer an allem Schuld ist. Wer sich aber dem Elend, der Korruption, der systematisch betriebenen Verdummung ganzer Völker, der Ausbeutung und Unterdrückung annähert, dem bleiben einfache Losungen schnell im Hals stecken. Wer heute konsequent nicht zulässt, vom Leid dieser Welt abgelenkt zu werden, wer sich auf Dauer der beruhigenden, einlulenden „Unterhaltung“ verweigert, für den sehe ich nur wenige Möglichkeiten: Entweder er verliert den Verstand ob der absoluten Sinn- und Hoffnungslosigkeit des Menschseins. Oder er beendet sein Leben von eigner Hand, in dem verzweifelten Versuch ein letztes Statement für die Würde des Menschen, für seine Entscheidungsfreiheit zu setzen. Oder er stürzt sich doch noch in irgendeine Form von Ablenkung, findet irgendeine Ausrede warum nicht alles ganz so schlimm ist wie es scheint und lernt mit dieser Lüge zu leben, bis dass der Tod sie scheidet. Oder er wagt es, wider die gesammelte Unvernunft dieser Welt an etwas Anderes zu glauben. Zum Beispiel an Einen, der stärker ist als der allgegenwärtige Tod. An Einen, der weiser ist als die eine Allerweltsmeinung, die wir uns alle „persönlich“ gebildet und bebildert haben. An Einen, der gerechter ist als all unsere politisch korrekt ausbalancierten Be- und Verurteilungen. An eine Liebe die man nicht macht, sondern die Macht hat, alles anders zu machen. An Einen, der verrückt genug ist, freiwillig auf diese Welt zu kommen - als Kind in ein besetztes Land, als Mensch unter die Bestien nach seinem Bilde. Viel schwerer als an Gott zu glauben erscheint es mir heute, immer noch an uns Menschen zu glauben. Das gelingt mir nicht mehr ohne die ständige Hilfe dieses Gottes, der wie kein anderer, immer noch, an die Menschen glaubt. Nur an Gott glauben, dass lehrt vielleicht auch eine Religion. Aber von Gott lernen, wieder an den Menschen zu glauben, Hoffnung inmitten alltäglicher Verzweiflung, Zukunft trotz des letzten Klimagipfels oder Friedensprozesses oder Resolutionsmaratons, dass finde ich nur bei jenem Einen, nach dem ich mich Christ nenne.
Sicher, es gibt genug negative Beispiele von Christen die geizig, unsensibel, verbohrt und lieblos sind. Und es gibt auch Beispiele von vernünftigen und hilfsbereiten Nichtchristen. Aber das eine wirkliche Hinwendung zu Christus die Menschen nicht lebensfähiger, einsichtiger, solidarischer, weiser und liebevoller macht als sie vorher waren, dazu fällt mir kein Beispiel ein. Vielleicht bin ich neben vielen andern Gründen auch deshalb immer noch Christ, weil mir scheint, als mache Christsein die Menschen menschlicher. Beileibe nicht perfekt, aber dennoch ihrem Vorbild entsprechender.

16.08.10

Bauern und Heilige

Gestern waren wir auch Nachmittags auf dem Kirchhof. Gardinen wurden genäht und es wurde aufgeräumt, damit wir einen schönen Raum haben, unsere neue Volksbibliothek einzurichten. Es wurde gemessen und gemalt an einem Plan für einen selbstgemauerten Backofen mit anschließender Kochplatte und großem Grill. Das Ding wird der Hammer - wenn es klappt! Der Gemeindebruder mit dem ich gemeinsam plante, überraschte mich mit einem der merkwürdigsten Zeugnisse die ich je gehört habe: "Früher glaubte ich immer, man müsse unbedingt in der Stadt wohnen und Arbeiten gehen. Durch den Glauben hab ich gelernt, dass ich auch außerhalb auf dem Land leben könnte und Tiere halten und mich so selbst versorgen."

Abgesehen davon, dass gerade dieser Mann sehr weit davon entfernt scheint, sowas jemals wirklich zu machen - wie kommt er auf diese Erkenntnis? Ich bin mir ziemlich sicher, nie etwas in diese Richtung gepredigt oder gelehrt zu haben und mir fällt auch niemand ein, von dem er das haben könnte. Ist das aufkeimendes Verständnis für einfachen Lebensstil? Ist das Genügsamkeit oder sogar - Gelassenheit? Aufbrechende Skepsis gegen die schalen Versprechungen unsrer gehetzten Konsumgesellschaft? Oder interpretiere ich das alles viel zu positiv und es verbirgt sich nichts dahinter als die Hoffnung auf ein gemütlicheres oder gar fauleres Leben? Oder gibt es vielleicht so etwas wie ein theologisches Erbgut und es äußert sich hier plötzlich ein rezesives Mennonitengen? ;-)
Immerhin hat er mit Holzresten einen ganz guten Hühnerstall gebaut der inzwischen von 16 Hühnern bewohnt ist. Auf jeden Fall ein Fortschritt in Bezug auf seine Eigeninitiative und erfreulich in punkto Selbstversorgung. Auch "Walden" und "Das Leben auf dem Lande" scheinen etwas mit Christsein zu tun zu haben. Zumindest letzteres wird in Spanisch jetzt bald in unsrer Bibliothek ausleihbar sein. Nochmal bestätigt in Bezug auf die Bibliothek hat mich dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie.

05.08.10

Beständig ist nur der Wechsel

Nun fehlt noch genau eine Woche bis zum dritten Jahrestag unsrer Ankunft hier. Wir haben uns sehr verändert. Ich sitz in unserem eigenen, warmen, regendichten Haus am herrlichen Kaminfeuer. Erst seit wenigen Monaten hab ich das Gefühl, dass der Anpassungsstress nachlässt, dass ich mein eigenes Leben wieder anfange als "normal" zu empfinden. Ende Monat geben wir das Amt des Pastors nach drei Jahren an andere weiter. Meine Rückschau ist sehr durchwachsen. Es kommen nicht mehr Leute zum Gottesdienst als vor drei Jahren. Vielen bin ich nicht gerecht geworden. Mir fällt eine lange Liste mit Situationen ein, in denen ich gern anders gehandelt oder etwas anderes erreicht hätte. Wenn man durch Fehler klug wird habe ich enorm an Klugheit gewonnen. Aber viele Gemeindeglieder erscheinen mir selbständiger, reifer als vor drei Jahren. Das freut mich. Und schon über zwei Jahre funktioniert jetzt eine Kindertagesstätte in den Gemeinderäumen. Leoni bleibt auch weiterhin in dieser Arbeit. Wenn ich seh was sie alles macht, wie sich Kinder nach einigen Monaten Tagesstätte verändern, staune ich immer neu. Auf Initiative unsrer Nachfolger sind wir jetzt dabei, in der Gemeinde eine Leihbibliothek zu gründen. Sie und wir haben unsere spanischen Bücher zusammengesammelt, dann kamen noch etwas Spenden dazu, so dass wir jetzt schon ca. 200 Bücher haben. Das ist für hiesige Verhältnisse ganz beachtlich. Die Frau des neuen Pastors ist Bibliothekarin.

Heute war ich den ganzen Tag im CEMTA, meinem neuen Arbeitsplatz ab September, wo ich jetzt schon 7 Wochenstunden unterrichte: Konfliktlösung und Täufertheologie. Macht Spaß!
An meinem Geburtstag werd ich vor etwa 60 Lehrern im Chaco über Paulo Freire referieren. Das Thema ist vom Ministerium verordnet. Die offiziellen Materialen wiedersprechen teilweise von ihrer Methodik her genau dem Inhalt den sie vermitteln sollen. Da ich Freire-Fan bin, freu ich mich auf die Gelegenheit. Ihn allerdings für Schulpädagogik fruchtbar zu machen ist schon eine ziemliche Herausforderung. Hab den Vortrag dann auch der Schule unsrer Kinder angeboten und die Direktorin ist begeistert darauf eingegangen.
Am Samstag soll der Freiwillige aus Deutschland für die Tagesstätte ankommen. Dann sind wir für ein Jahr wieder eine Person mehr im Haus. Sonntags ist großer Gemeindeausflug mit 4 andern Gemeinden. Leoni und ich sind für das Kinderprogramm mit 100 bis 150 Kindern verantwortlich. Jetzt muss ich ins Bett!

11.06.10

Zwischenbericht

(War auch schon mal Zeit)

Meine Zeit als Pastor in Costa Azul geht nach knapp 3 Jahren ihrem Ende entgegen. Ein Nachfolger ist innerhalb des bisherigen Leitungsteams gefunden. Anfang September ist Übergabe. Voraussichtlich werden wir bei den Sitzungen einfach die Rollen tauschen. Dann muss er die Tore schießen und ich darf die Pässe spielen (tschuldigung, die WM beginnt halt heute). Ab Ende Juli werd ich schon in der Bibelschule unterrichten: Konfliktlösung und Täufertheologie - durchaus Lieblingsthemen von mir. Jetzt fällt es doch ein bisschen schwer, schon wieder die Verantwortung für "meine" Schäfchen abzugeben. Aber dass fiel mir auch zwischendurch schwer und genau deshalb hat mich der Job wohl auch so fertig gemacht. Sollte ich also irgendwann mal wieder in die Rolle des Leithammels kommen - was ich mir gut vorstellen könnte - dann mit dem festen Vorsatz, von Anfang an einfach Leithammel zu sein und den Rest vielmehr dem wirklichen Hirten zu überlassen. Wieder was gelernt!

Die Kindertagesstätte bleibt wohl noch weiter unter Leonis Leitung. Vielleicht sollte ich sie lieber selber erzählen lassen, aber sie kommt so selten zum schreiben und die Stories sind so klasse. Der dramatische Höhepunkt war bisher, als eine Mutter am späten Nachmittag eine SMS schickt, dass sie ihr einjähriges Kind heute nicht abholen kann, da die Oma einen Unfall hatte. Morgens um 5 dann per SMS die Nachfrage, wo denn ihr Kind sei! Wir haben ihr dann erklärt, dass wir kurz davor waren, es bei der Polizei abzugeben... Der Oma war übrigens nicht arg viel passiert.

Unsere Kinder gehen ganz gern zur Schule. Was uns ärgert, ist dass sie viele Hausaufgaben garnicht machen können, weil selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Eltern sie dann machen. Haben uns verschiedentlich geweigert und sind glaub ich schon als schwierige Eltern bekannt. Na dann!

Übrigens, unser Sabinchen hat 9 Kücken ausgebrütet. Inzwischen sind sie deutlich größer als auf dem Foto. Mit den andern 4 Hühnern, Katze, Hund und Hase sind wir jetzt also 22 in unsrer Wohngemeinschaft (Geckos, Mücken, Flöhe und Spinnen nicht mitgerechnet). Im August soll ein Freiwilliger aus Deutschland dazukommen (arbeiten in der KiTa, wohnen bei uns) und unsere menschliche Minderheit etwas verstärken. Hoffentlich mag er Hühnersuppe, die es jetzt bald reichlich geben soll. Doch bis es Suppe aus ihnen gibt, dienen mir die ganzen Tiere weiter als Anschauungsmaterial über die Dynamiken innergemeindlicher Hackordnungen. Wirklich jedem Pastor zu empfehlen!

13.04.10

Vom Tod zum Leben

Samstag Vormittag wurde Else Wiens begraben, die Frau meines Vorgängers in der Gemeinde Costa Azul. Vor über 2 Jahren wurde bei ihr Krebs der Bauchspeichelddrüse diagnostiziert, mit einer Lebenserwartung von höchstens einigen Monaten.
Mich hat die Trauerfeier tief berührt. Ihr Mann hat sehr geweint und wir mit ihm. Jeden Tag hat er ihr in den letzten 3 Krankenhausmonaten mit einer Morgen- und einer Abendandacht gedient und hat vor der Tür die vielen gutmeinenden Besucher abgefangen, die sie nicht mehr empfangen wollte. Diese letzte Gemeinde fehlt ihm jetzt. Und zwischen allem Weinen war die Freude zu spüren, dass eine langjährige Kämpferin vom Tod zum Leben durchgedrungen ist. Über 40 Jahre Missionsarbeit, etwa 20 Gemeinden mitgegründet die heute noch bestehen, 4 Kinder deren Namen man teilweise in ganz Paraguay kennt - ein sehr ertragreiches Leben! Und bei aller Trauer fehlte es nicht an lustigen Bemerkungen, als dem einen Enkel sein Handy ins Grab fällt. Alles in allem ein hoffnungsfrohes, zukunftsorientiertes Begräbnis mit tollen Osterliedern.

Samstag Abend fand in unsrer Kirche die Feier zum 15. Geburtstag eines Teenies statt. Für die jungen Damen wird zu diesem Anlass ein riesiges Fest inszeniert, dass streckenweise wie eine Hochzeit abläuft, nur ohne Bräutigam. Dafür aber mit Tischschmuck, rituellem Walzer, riesiger Torte und in Galakleidern. Da drängt sich schon der Gedanke auf, ob kirchliche Hochzeit vielleicht so unwahrscheinlich ist, dass man einfach das entsprechende Fest schon im voraus feiern muss. Interessanterweise gehen die Jungs leer aus.

Sonntag lief auch super. Erst gutbesuchten Gottesdienst, dann Mittagessen am andern Ende der Stadt anläßlich eines andern Geburtstags und Nachmittags Sitzung unseres neugegründeten Leitungskreises. War bis Anfang Jahr der Pastor immer allein für alles verantwortlich, so treffen wir uns jetzt monatlich als 5 Ehepaare und beraten miteinander. Das tut mir unheimlich gut! Ich bekomme mehr Rückmeldung und auch Rückendeckung, die Aufgaben können schneller verteilt werden und endlich fangen mehr Leute an mit mir auf gleicher Ebene zu reden statt nur auf Befehle zu warten. Das tut gut!

10.10.09

Zuwachs an Einfluß und Abbau von Macht

Irgendwie fällt mir das bloggen immer schwerer. Vielleicht bin ich nach zwei Jahren hier endlich in der Lage, den gelegentlich noch auftretenden Kulturschock zu bewältigen, ohne mir alles von der Seele schreiben zu müssen. Oder ich verliere zunehmend den Blick für die Diskrepanz zwischen unserem Alltag in Deutschland und hier, der ja das Schreiben gerade interessant machte. Manchmal denk ich auch, ich beschäftige mich mit zu Vielem, um mir Zeit zum Reflektieren zu gönnen - durchaus nicht ungefährlich, ich weiß. Vielleicht auch Faulheit...
Drei Infos muss ich jetzt aber unbedingt weitergeben.

1. Unsere Kinderbetreuung in der Kirche wächst kontinuierlich. Inzwischen gehen täglich etwa 20 Kinder ein und aus, obwohl wir kein Schild mehr an der Straße haben. Begeisterte Eltern werben besser. Schön ist besonders, wenn besorgte Eltern sich erst alles ganz genau anschauen, dann ihre Kinder bringen und nach einigen Wochen mitteilen, dass sie am Anfang ja sooo Angst hatten dass wir "Evangelischen" ihren Kindern eine Gehirnwäsche verpassen würden. Ein Polizist inspizierte Anfangs fast täglich jeden Raum, wenn er sein Kind abholte :-) Wenn sie dann merken, dass unsere ganze Indoktrination darin besteht, das jedem Respekt entgegengebracht wird, das vor dem Essen gebetet wird und wir versuchen, allzu vulgäres Reden einzudämmen, dann scheinen alle ganz begeistert. Hier ein paar Fotos von den Kindern:

Die wohlverdiente Siesta

Beim Mittagessen

Spielen auf dem Hof der Kirche



Überhaupt ist das mit sozialer Hilfe ja so eine Sache. Der Mann eines Gemeindegliedes will von "Christlich" nichts wissen. Mit Ausrufezeichen! Aber er sucht jemand, der ihm mit seinem Alkoholproblem hilft. Ich fand tatsächlich nur drei Optionen für ihn: stationäre Behandlung im staatlichen Suchtkrankenhaus, Blau-Kreuz-Treffen im Anschluss an die katholische Messe in Limpio selbst, oder Besuch bei einer Beratungsstelle die von evangelischen Kirchen getragen wird. Da stationär zu peinlich wäre und "christlich" nicht geht, gibt es niemand der ihm hilft.

2. Einen nationalen Feiertag nutzten wir zur Gemeindeversammlung. Zwei wie ich finde sehr interessante Ergebnisse: Die Kinderbetreuung bleibt "unser" Gemeindeprojekt. Es gab keinerlei Interesse, die wachsende Verantwortung an die finanzstarke Muttergemeinde abzuschieben. Statt dessen bieten Frauen an, gebratene Hähnchen und andere selbstgemachte Lebensmittel in der Nachbarschaft zu verkaufen, um Geld für die Tagesstätte zu sammeln. Dabei sind wir garnicht in Finanznot. Gute Entscheidung mit der ich in dieser Eindeutigkeit aber nicht gerechnet hatte.
Zweitens probieren wir in den nächsten 12 Monaten neue Leitungsstruktur. Statt das alles beim Pastor zusammenläuft, wird die gesamte Gemeindearbeit in 5 Abteilungen zusammengefaßt, die dann jeweils von einem Ehepaar hauptverantwortlich geleitet werden sollen: Verwaltung und Finanzen; Kinder und Jugend; Lehre und Besuchsdienst; Gottesdienste und Veranstaltungen; Fortbildung und Supervision. Hoffentlich sagen die Kandidaten die ich im Sinn habe, alle zu, da wir noch nicht sehr viele Glieder haben die schon länger als 6 Jahre Christ sind. Ich werde als Verantwortlicher für den Bereich Fortbildung und Supervision mich dann vor allem auf die Betreuung und Befähigung dieses Teams konzentrieren. Könnte spannend werden.

3. Ich hab zu Ende August 2010 bei der Missionskomitee der entsendenden Gemeinde gekündigt. Eine Bibelschule hat mich gebeten, eine Abteilung für Täufer- und Friedenstheologie aufzubauen. Da konnte ich einfach nicht nein sagen, obwohl es mir äußerst schwer fiel, die Gemeinde loszulassen. Vielleicht umso wichtiger, dass es geschieht. Glieder und Mitarbeiter unsrer jetzigen kleinen Gemeinde wollen wir aber bleiben. Wir wollen aus der Iglesia Evangélica Bíblica Costa Azul einfach nicht mehr weg! Und schließlich sind auch die Erfahrungen hier, die Geschwister und Freunde die wir gefunden haben grundlegend daran beteiligt, dass wir nicht wie Anfangs noch erwogen, nach 3 Jahren zurück nach Deutschland gehen werden.

22.08.09

Bekenntnisse

Kurt Marti schreibt in "Zärtlichkeit und Schmerz", S. 120: "Mir ist kein Glaubensbekenntnis einer christlichen Konfession bekannt, dessen Haupt- und Zentralsatz lautet: `Gott ist Liebe´ (1. Johannes 4,8.16). Dementsprechend sieht die Kirchen- und Konfessionsgeschichte auch aus."

Mir scheint, dass die meisten christlichen Bekenntnisse, sofern sie nicht nur individuell sind, der heutigen Bekenntnissituation kaum noch entsprechen.
Die alten Bekenntnisse begannen beispielsweise mit Gott dem Vater als Fundament für alles Folgende. Neuere evangelikale Bekenntnisse setzen an diese Stelle die Bibel, was der individualistischen Glaubenssicherung durch persönliche Bibellese entspricht.
Als Täufer sind uns Bekenntnisse zwar überhaupt suspekt, und wie ich meine auch zu recht. Wenn ich mir dennoch ein täuferisches Bekenntniss vorstelle, dann müsste es meines Erachtens mit dem lebendigen Wort Gottes, mit Jesus beginnen, dem maßgebenden Abbild Gottes. Und wenn wir eine erfahrbare Wahrheit an den Anfang setzen möchten, wäre mit Christi Leib in seiner heutigen Gestalt zu beginnen, also mit der Kirche. Lustigerweise kommt in den meisten gängigen Dogmatiken und Bekenntnissen die Ekklesiologie immer fast am Ende, als Resultat der ganzen Gottes-, Menschen- und Rettungslehren.
Ist dies nicht genau der Punkt, der Christsein für unsere Zeitgenossen so unglaubwürdig macht? Wir sehen Kirche nur als Bewahrerin und Verkünderin großer Lehren, und achten nicht darauf, was die Kirche selber ausdrückt, durch ihr Sosein, ihre Gestalt, ihre Organisation, ihr Auftreten. Kirche legitimiert und versteckt sich als Hermes, als Götterbote. Und vergisst vor lauter Verkünden, das sie selbst Gute Nachricht ist: Christi Leib hier und heute. Gottes Stellvertreterin - nicht ex catedra, sondern aus Liebe. Nur wo Kirche als materialisierte Liebe sichtbar und erlebbar wird, werden den Menschen irgendwann auch Schöpfungslehre, Soteriologie und Eschatologie wieder glaubwürdig werden.

06.08.09

An einem wunderschönen Mittwoch

hab ich gelernt, wie man Wein pflanzt. Wie es dazu kam ist eine etwas längere Geschichte. Unser alter Freund von dem ich schonmal berichtete, war auch in diesem Winter wieder wochenlang bettlägrig. Tunga penetrans (Sandflöhe) hatten es sich bei ihm gemütlich gemacht, schätzungsweise 50 bis 60 pro Fuß. Grauenhaft!!! Hab hier ein paar Bilder dazu gegoogelt, wollte selber keine machen. Aber die bei Google sind alle recht harmlos. Bin mit ihm wieder zum staatlichen Krankenhaus. Dort ist die Behandlung zwar neuerdings kostenlos, bestand dafür in diesem Fall aber nur aus einer Tetanusspritze und Antibiotika. Ein Nachbar und eine Schwester aus der Gemeinde haben (Gott sei Dank!!!) in etwa 8 mühsamen Sitzungen Nest für Nest herausgepopelt. Das nenne ich Martyrium, was ja bekanntlich Zeugnis bedeutet. Jetzt besitzt der gute Mann seine Füße wieder alleine und kann auch wieder drauf stehen. Nun überrascht er mich vor einigen Tagen mit einem Vorschlag. Er hat zwar kein Geld um seiner Dankbarkeit irgendwie Ausdruck zu geben und kann mit seinen 80 Jahren auch nicht mehr allzuviel machen. Aber als Agronom versteht er etwas von Pflanzen und er hat gute Ideen. Nun war er extra in eine andere Stadt gefahren um von einem Bekannten Weinreben zu holen. Weißer Moscatel! Er war eigentlich auf der Suche nach rotem Moscatel, aber da waren gerade keine Reben kostenlos zu bekommen. Nun haben er und ich gestern Mittag bei der Kirche 11 Löcher gegraben und mit viel Sorgfalt, Liebe und Kompetenz hat Bruder T. die Reben eingepflanzt. Er gab mir genaue Anweisungen über weitere Düngung und Pflege gegeben und strahlte übers ganze Gesicht. Bei der Arbeit hatten ich endlich auch mal wieder Zeit ihm lange und ausführlich zuzuhören. Da er sonst fast nur mit seinen Hunden redet, nutzt er jede Minute um zu erzählen. Bevorzugt über den Anbau bestimmter Pflanzen oder von Früher, von Chile. Dann erinnert er mich oft an ein Lied, das ich als Kind gerne gehört habe: "Chile comienza en algun lado, en cualquier lado. Talvéz en el lugar donde te detuviste un día, y pensaste que sería hermoso quedarse allí para siempre: allí comienza Chile. Donde la tierra canta..." (Chile beginnt irgendwo. Vielleicht dort, wo du eines Tages innehälst und denkst, es wäre schön für immer zu bleiben: Dort beginnt Chile. Wo die Erde singt...). Er konnte dort nicht bleiben. Sein Name stand wohl auf einer der Listen von Pinochets Schergen. Er war Sozialist, hat nach illegaler Grenzüberquerung am Tag von Allendes Sturz viele Jahre in der Nähe von Córdoba gearbeitet. Erst nach Strössners Sturz kam er nach Paraguay. Und blieb. Und nun beflanzt er des Herrn Weinberg an der Blauen Küste des Paraguayflußes, weil er sich für ein bisschen Solidarität, ein bisschen Menschlichkeit bedanken möchte. Mein Herz schlägt Wurzeln in diesem Kontinent, der so reich ist an Geschichten, die man am Besten bei geteilter Arbeit erzählt.

08.05.09

Kleine Schritte

Eine etwas gute Nachricht! Larissas Ex ist bei seiner Schwester ausgezogen und wohnt trotzdem nicht bei Larissa. Das an sich ist schon Zeichen der Besserung. Und führt dazu, dass er neuerdings Geld übrig hält und Larissa zukommen läßt. Immerhin muss er laut Gerichtsbeschluss Alimente zahlen, was er jetzt erstmalig in den fast drei Jahren seit der Geburt seiner Tochter macht. Offensichtlich trinkt er also auch nicht mehr so bodenlos... Er sagt, er schämt sich zu sehr um mit mir zu reden. Wie praktisch für ihn! Mal schauen, ob ich ihn wo erwische...
Die Hoffnung lebt!

14.04.09

Robert negativ - Robert positiv 1

Ich bin ein bisschen schizophren. Oft seh ich nur das negative und muss mir das positive dann selber erst bewußt machen. Es sollen beide zu Wort kommen. Darf ich vorstellen - Robert negativ:

Die "Heilige Woche" war enorm anstrengend. Die Kinder hatten die ganze Woche frei aber ich wollte keinen Ausflug machen, solange das ewige Geklapper an den Vorderrädern des Autos nicht diagnostiziert oder behoben war.
Nach dem letzten Aufenthalt in einer Reperaturwerkstatt war nur mein Geld weg, nicht das Klappern. Diesmal, in anderer Werkstatt, wurde beides weniger. Erst Dienstag Gegenabend ist klar, dass wir wahrscheinlich (!) ab Mittwoch für eine Nacht in Urlaub fahren. Ich fahr von der Werkstatt so schnell wie möglich nach Limpio, denn wir haben mit Ach und Krach noch den Filmabend von Mittwoch vorverlegt.
Obwohl der Film für Erwachsene angekündigt war, kamen nur zwei. Die Filmqualität war besch...eiden und zu aller Peinlichkeit hatte ich noch die Leinwand vergessen.

Unser Gesangleiter fiel schon am Palmsonntag aus, weil er erst etwas mit seinem Vater zu regeln hatte und ich muss mit ihm noch ein ernstes Wörtchen reden. Also nach dem Film direkt zu ihm.

Eine Schwester muss mich unbedingt noch sprechen. Mittwoch morgens nehm ich mir noch eine Stunde - wir wollen ja in Urlaub fahren - doch statt um die schreienden Eheprobleme geht es nur um alte Schulden die aus lauter Dummheit ('tschuldigung) entstanden sind. Wie kann man auch als Gehaltsvorschuss (!) akzeptieren, dass die Cheffin einem ihren goldnen Fingerring ausleiht um ihn zum Pfandleiher zu bringen!! Natürlich kommt das Paar weder zu den monatlichen Ehetreffen noch haben sie den kürzlich durchgeführten Finanzkurzs mitgemacht. Selbst Schuld!

Wir haben alles gepackt, zwischendrinn per Handy noch einige Vorbereitungen für die Gottesdienste organisiert und sind um 12 Mittags gefahren. Nach fast 300 km, davon 30 grauenhaften Erdweg kommen wir an einen netten Campingplatz. Leider ist der Sand überall mit Kohlen von früheren Feuern versetzt und die Kinder werden beim Spielen ständig schwarz!

Am Donnerstag Vormittags strömen Massen an Urlaubern auf den Campingplatz. Wir packen so schnell es geht alles zusammen und hauen ab. Trotz Sonnencreme hab ich mir einen schmerzaften Sonnenbrand geholt. Die letzte Strecke im Dunkeln mit viel Gegenverkehr ist sehr anstrengend. Wir sind alle totmüde als wir um 7 daheim sind und müssen noch einiges Aufräumen und ich schreib Predigt bis nach Mitternacht.

Am Freitag im Gottesdienst nur etwa 40 Leute. Den Gesang leite ich mit Ach und Krach, den der Gesangleiter hat keine Zeit gefunden, um mit seinem Vater zu reden. Er wohnt aber zuhause... Na gut, zu Karfreitag mag unsere traurige Vorstellung ja passen. Nachmittags schlafen und dann die beginnt der große Vorbereitungsmarathon.

Freitag Abend und Samstag den ganzen Tag sitze ich am PC um die Gebetswache von Samstag auf Sonntag irgendwie zu organisieren. Hab sowas auch noch nie gemacht. Mittagschlaf klappt leider nicht. Um 8 Uhr Abends geht es los. Nachdem der Gesangsleiter um 7 immer noch nichts von sich hat hören lassen, sing ich wieder vor mich hin und alle andern hinterher. Das Lob überzeugt vielleicht einige, mich nur halb. 12 Stunden Programm und die meiste Zeit davon steh ich vorne und frag mich manchmal, ob ich hier jetzt nur noch Show mache oder was dies alles ist. Der Teufel wird zum Dauerkomentator in meinem Kopf. Ich werde immer müder, als erstes fällt mein Sprachzentrum aus, bzw. mein spanischer Wortschatz wird immer kleiner, die Sätze stockender und langsamer, ich schleppe mich irgendwie durch die Nacht und hoffe auf Wunder. Zwei der 8 Einheiten waren von jemand anderem vorbereitet worden. Einen davon übernahm ich auch noch, da Probleme aufbrechen, die es einigen Geschwistern verunmöglichen weiter voll mitzumachen, geschweige denn etwas zu leiten. Mein Glaube nähert sich zeitenweise gefährlich dem Gefrierpunkt. Erst fast zwei Tage später wird mir klar, dass die eine Person konkret um Fürbitte gebeten hat und wir dort nicht für sie gebetet haben. Sehr übel!! Um 5 ist alles geplante gesagt, gesungen und getan und ich muss improvisieren um die Zeit bis zum allgemeinen Gottesdienstbeginn um 7 zu überbrücken. Ich weiß, dass ich viel zu viel selbst gemacht habe und hab jetzt den Beweis, dass ich wirklich schlecht delegiere. Frust!!

Am Sonntag Morgen um 7 kommen nur wenig Leute dazu die nicht schon Nachts da waren und wir stottern uns immer noch acapella durch einige halbbekannte Lieder. Inzwischen muss ich mich richtig am Riemen reißen um nicht nur noch wütend auf den Ex-Gesangleiter zu sein. Die Jugendlichen die Darstellung einiger Szenen um Tod und Auferstehung eingeübt. Was ich in meiner kurzen Meditation danach gesagt habe weiß ich selber kaum noch. Mein ganzes Gehirn ist nur noch ein stammelndes Flehen, dass alles irgendwie vorübergeht, ohne dass ich großen Schaden anrichte.
Wir essen gemeinsam Frühstück, Leoni fährt nach Hause und wir schlafen von 10 bis 15 Uhr. Keine Ahnung was die Kinder in der Zeit machen. Danach zu meiner Schwester die uns eingeladen hat. Als wir ihr Haus betreten, fällt mir angesichts eines großen Blumenstraußes mit Entsetzen ein, dass sie irgendwann dieser Tage Geburtstag hat und das wohl auch ein Grund für die Einladung war. Ich gratuliere ihr nachträglich um dann festzustellen, dass es genau heute ist. Ein Königreich für ein Mauseloch! Als wir um 23 Uhr wieder zuhause sind und die Kinder ins Bett fallen, verwickel ich mich mit Leoni in eine unglückliche Diskussion voller Mißverständnisse. Die ständigen Eheprobleme von denen wir umgeben sind, scheinen abzufärben.

Wer bis hierher durchgehalten hat, den bitte ich jetzt auch den zweiten Teil zu lesen, der genauso wahr, aber irgendwie völlig anders war, auch wenn beide gleichzeitig abliefen. Wie zwei Spuren bei einer Tonbandaufnahme.

Robert negativ - Robert positiv 2

Und hier kommt Robert positiv:

Da wir vergangene Woche nicht zur Schule fahren mussten, war dies eine der wenigen Gelegenheiten, das Auto in die Werkstatt zu bringen. Am Dienstag war alles ein bisschen eng, da noch jede Menge Dinge erledigt werden mussten, aber ich konnte das Auto tatsächlich schon Gegenabend abholen. Und ich schaffte es sogar noch, uns beim Campingplatz anzumelden, da man ohne Anmeldung dort nicht hereingelassen wird.
Bei dem Film den wir Abends in einem von der Kirche etwas entfernten Stadtteil zeigten, kamen zwar nur zwei der eingeladenen Erwachsenen, aber dafür etwa 40 Kinder - doppelt soviele wie sonst hier in letzter Zeit. Alle schienen begeistert von dem Inhalt des schon etwas alten Films und die Hausbesitzer stellten aus ihrer Tischdecke eine voll funktionstüchtige Leinwand her.
Danach hatte ich noch ein Gespräch mit unserem Gesangleiter, dass schon längst hätte sein müssen. Ich konnte dabei einiges ansprechen, was ich mich aufgrund seiner Unnahbarkeit nie vorher getraut hatte. Endlich gibt er zu, dass auch er Hilfe brauchen kann und wir verabreden, stärker als bisher gemeinsam zu arbeiten.

Am Mittwoch fuhren wir genau nach plan Mittags los, trotz verschiedener unerwarteter Dinge, die alle noch vorher erledigt werden konnten. Gut dass wir uns von dem Stress nicht die Laune verderben ließen. Joel und ich unterstützen uns in letzter Zeit gegenseitig im Kampf gegen die beiden Riesen "Wut" und "Schlechte Laune". Das hilft uns offensichtlich beiden.

Der 24-Stunden-Urlaub ist unglaublich schön. Wir landen auf einem Öko-Zeltplatz und sind fast allein da. Direkt an der Lagune ist der Sand richtig weiß und so fein, wie es ihn am Meer nie gibt. Zum Abend und zu Mittag lassen wir uns von den Besitzern bekochen: einfache, gute paraguayische Küche mit Nachtischen wie Milchmais, Milchkaramelcreme mit gemahlenen Erdnüssen und Süßkartoffelgelee mit Käse. Unter mächtigen Bäumen liegen wir im Schein des Vollmonds (der Platz ist nicht beleuchtet) und ich erzähle den Jungens eine Fantasiegeschichte aus der Zeit, als diese Bäume noch reden und gehen konnten. Erst um Mitternacht wird es kühl. Die Wolken fliehen zum Mond und verdampfen wenn sie ihn berühren. Morgens steig ich aus dem Zelt direkt in einen wunderschönen Sonnenaufgang. Da man neuerdings hier auf dem Boden kein Feuer mehr machen darf, hat uns die Besitzerin ein Gerüst ausgeliehen, auf dem wir unseren Mate kochen. Traumhaft! Eine Fahrt im Ruderboot rundet das ganze ab. Als am Donnerstag die Urlauberwelle hereinbricht, verschwinden wir schnell und sind rechtzeitig zur Nacht zu Hause. Den Zeltplatz kann man nur empfehlen. Er ist zwar teuer, aber es lohnt sich. Wir kommen sicher wieder.

Karfreitags ist Morgens Gottesdienst. Das ist für unsere Gemeinde noch etwas ungewohnt. Trotzdem kommt eine gute Gruppe zusammen und wir feiern gemeinsam. Der Gesang ohne Gitarre klappt ganz gut.

Der Samstag besteht fast nur aus Arbeit unter Zeitdruck. Das ist nicht schön, aber ich freu mich auf die 12 Stunden gemeinsame Zeit mit der Gemeinde. Es sind erstaunlich viele Leute dabei, im Durchschnitt fast 40. Die Kinder machen in den hinteren Räumen eine große Schlummerparty, die Erwachsenen lassen mit vielen unterschiedlichen Gebetsformen keine Langeweile aufkommen. Durch die Nacht begleitet uns da Vaterunser. Wir bitten für Menschen und konkrete Probleme aus aller Welt, wir beten für Limpio und als wir zur Bitte ums täglich Brot kommen, backen wir gemeinsam Chipa, das traditionelle paraguayische Essen für diese Woche. Alle formen einige der Käse-Stärke-Brötchen in die lustigsten Figuren. Danach feiern wir gemeinsam Abendmahl, bringen unsere Lasten zum Kreuz und waschen uns zum erstenmal in dieser Gemeinde gegenseitig die Füße. Die Stimmung ist unerwartet gut, die Leute lassen sich auf Neues ein. Wir werden viel offener als gewöhnlich und Leute fangen an, Masken fallenzulassen. Das bringt manche Probleme ans Tageslicht, aber darin liegen auch Chancen. Das eine Ehepaar ist sichtlich angerührt davon, dass auch andere Ehepaare Probleme haben und so iel offener damit umgehen. Ich hatte das Gefühl, dass meine häufige Aufforderung, gerade mit Problemen in die Gemeinde und zu Jesus zu kommen, jetzt vielleicht endlich von einigen verstanden wurde, die sich das vorher einfach nicht vorstellen konnten.

Als wir zu früh mit allem vorbereiteten fertig sind, lege ich Postkarten aus, die ich - Gott sei Dank - aus irgend einem merkwürdigen Impuls heraus mitgenommen habe. Jeder sucht sich eine aus zu der Aussage: "Mein Glaube/meine Beziehung zu Gott ist wie ...." Danach zeigen wir der Reihe nach unsere Karten und sagen kurz etwas dazu. Der Effekt ist enorm. Die Symbolkraft der Bilder kommt viel besser an als gedacht. Manche werden sehr persönlich. Wir freuen uns an der Vielfalt, Glauben zu erleben. Je müder ich werde und je mehr Unvorhergesehenes passiert, destomehr versuche ich die Leitung Gottes Geist zu überlassen, sprich Gelassen zu werden und nur noch aus unmittelbaren Impulsen heraus zu handeln. Das gelingt zwar nur teilweise, aber doch in Ansätzen ...
Trotz Müdigkeit kam eigentlich nie Langeweile auf. Wir haben gemeinsam gebetet wie noch nie in dem vergangenen Jahr, wir waren uns näher als je zuvor und Gottes Geist war gegenwärtig. Das Füßewaschen hat richtig Spaß gemacht. Eine ganz, ganz tolle Erfahrung!!! Das müssen wir unbedingt wieder machen.

Zum Gottesdienst am Sonntagmorgen kommen noch einige Leute dazu. Die Jugendlichen haben sich sehr viel Mühe mit der Verkleidung für ihr Theater gemacht und es kommt echt gut bei den Leuten an. Zu Frühstück gibt es dann die Chipa und frischen Cocido. Wir freuen uns am Zusammensein.

Nach einem ausgiebigen Mittagschlaf besuchen wir meine Schwester, was viel zu selten vorkommt, obwohl sie nur 25 km entfernt wohnt. Der Abend mit ihr und meinem Schwager verfliegt bei nettem und interessantem Geplauder. Richtig entspannend also.


So, jetzt fragt mich nicht, wer von beiden Roberts recht hat. Ich würde sagen, beide. Aber so ist das halt...

31.03.09

Jubil-ehen

Weiß mal wieder garnicht, wo anfangen mit dem Update...

Gemeinde:
Am Sonntag 6. Gemeindegeburtstag gefeiert. Es war genial! Den ganzen Samstag haben Leute aus Eigeninitiative geputzt und geschmückt und gearbeitet und vorbereitet. Das Klo wurde nach Wochen wieder ent-stopft! Der Wandvorhang, der vor gut einem Jahr in Auftrag gegeben war, wurde in 48 Stunden gekauft, entworfen, genäht, aufgehängt!! Der Rasen geschnitten, die Begrenzungssteine gekalkt. Beim Aufhängen des Vorhangs sauste die Leiter nach hinten weg und unser Jugendleiter der ganz oben drauf stand rutschte mit. Kein Bruch, kein dauerhafter Schaden: Gott sei Dank!! "Nur" heftige Prellungen.
Gepredigt hat am Sonntag mein Vorgänger, Gründer der Gemeinde, der glücklicherweise mit seiner Frau dabei sein konnte. Vor 10 Monaten diagnostizierten die Ärzte bei ihr Krebs und gaben ihr noch 6 Monate. Sie ist immer noch recht fit, aber jeder Besuch kann der letzte sein.
Zum gemeinsamen Mittagessen gab es riesigen Asado! Dank Fastenzeit war das Fleisch grad im Angebot. Die Atmosphäre war super; so langsam werden aus Geschwistern Freunde. Gott die Ehre!

Larissa:
Der Mann ist gerade wieder in seiner "würde-mich-gerne-versöhnen" Phase und meint es ja sooooooo gut und will natürlich niemand was böses und sehnt sich soooooo sehr nach seiner Tochter. Sie hat ihn trotzdem nicht ins Haus gelassen. Haben versucht sie darin zu bestärken und trotzdem mit ihm zu reden. Aber er hatte bald keine Lust mehr, als er bemerkte dass ich ihm nicht helfen werde in ihr Haus zu kommen. Sie hat dann zwei Nächte in der Kirche übernachtet um eventuellen besoffenen Racheaktionen zu entgehen. Kirchenasyl sozusagen!

Weltkonferenz (mennonitische):
Heute war der letzte Tag um sich ohne Buß- und Sühnegeld anzumelden. Hab Vormittags noch mit einigen unentschlossenen Gemeindegliedern rumgeredet, ob oder nicht oder doch oder wie. Jetzt sind aus unsrer kleinen Gemeinde 6 Erwachsene und 3 Kinder angemeldet (wir fünf inklusive). Das sind immerhin über 10 Prozent der Gemeinde und damit kein schlechter Schnitt. Freut mich!!

Wir:
Heute hat Leoni Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, übrigens!! Ist gerade in der Gemeinde wo die Frauen eine wilde Kaffeeparty mit ihr veranstalten. Finde es genial, dass die Frauen sie damit überraschen wollten!! Irgendwie sind wir in der Gemeinde richtig zuhause.
Nachher muss der bei uns wohnende Austauschschüler die Kinder ins Bett bringen (grins!!), während sie und ich ins Kino wollen. Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren!! Vielleicht finden wir auch noch wo was zum Essen. Wird auf jeden Fall mal wieder ein Tripp in die Erste Welt. Mal gucken wie uns das bekommt.

27.02.09

Ihr Kindelein kommet


Ist zwar nicht Weihnachten, aber wir haben endlich entschieden, mit der Kindertagesstätte in der Gemeinde weiter zu machen!! Im Januar kamen plötzlich fast keine Kinder mehr und wir haben uns ernsthaft gefragt, ob wir vielleicht ein totes Pferd reiten. Kaum beginnt aber die Schule wieder, sind plötzlich die Kinder wieder da. Im Schlepptau verzweifelter Eltern die nicht wissen, wo sie mit ihrem Nachwuchs hin sollen während sie arbeiten. Offensichtlich ist das während der Ferien kein Problem, da dann entweder große Geschwister zu Hause sind oder die kleinen Schüler zu ihren Großeltern ins Inland geschickt werden.


Jetzt ist es dann wohl an der Zeit, mal unser Projekt beim Rathaus vorzustellen und das ganze in diesem Jahr eine Spur offizieller zu machen.


PS: Die Fotos hat mein Schwiegervater gemacht.

25.02.09

Vielen Dank!

für die vielen Gebete. An der objektiven Situation ändert sich noch viel zu wenig, aber immerhin ganz kleine Schritte gibt es. Positive und andere. "Larisa" ist jetzt entschlossen sich auch mit Waffengewalt zu wehren, was mich nicht unbedingt zuversichtlicher macht. Aber ihr Haus ist etwas besser gesichert. Und sie hat gespürt das viele für sie beten und das die Gemeinde hinter ihr steht. Das ist für sie auch was besonderes...

Ich hoffe es hat euch nicht zusehr genervt, dass ich in den letzten Posts zusehends meine Distanz als Chronist verloren habe. Soll wieder anders werden. Normalerweise half mir das Blog-schreiben gerade auch um mich von Problemen zu distanzieren, deren Lösung ich nicht habe und auch nicht haben kann. In diesem Fall hat mich die Verwicklung und Verzwicktheit des Ganzen so mitgenommen, das ein oder zwei Posts nicht reichten. Muss wohl erst ein Buch schreiben. Dagegen wird aber dann G.G. Marquez noch sehr realistisch wirken...

Apropó Marquez: Wer sich in die Welt hier etwas mehr reinfühlen will, dem kann ich echt seine Bücher empfehlen. Nur muss man sie nicht als fantastisch abtun, sondern als objektive Berichte lesen. Z.B. "Chronik eines angekündigten Todes" oder "Hundert Jahre Einsamkeit". Die "Liebe in Zeiten der Cholera" ist gerade ganz wunderbar verfilmt worden.
Er spielt zwar im Gegensatz zu unsrer Realität hier in der Oberschicht und Paraguay fehlt natürlich auch das karibische Etwas, aber eine Ahnung vom Psychogramm der Gesellschaft kriegt man trotzdem.

14.02.09

Ist Gott für uns, wer könnte wider uns?

"Larisa" lebt und ringt damit, das Geschehene zu verarbeiten. Ich bewundere die Stärke dieser Frau! Unsere Gemeinschaft als Geschwister in der Gemeinde scheint mir im gemeinsamen Ringen und Flehen um die Sicherheit von "Larisa" eine neue Qualität zu bekommen. Gemeinsam und füreinander Beten und Handeln wird gestärkt. Während "Larisa" arbeiten geht sind die Kindern in unsrer Kita oder bei Leuten aus der Gemeinde. Der Mann hat sich bisher nicht nochmal gezeigt. Aber am Wochenende gibt es normalerweise überall mehr Alkohol. Bei der Staatsanwaltschaft geht die Sache noch nicht weiter... Also heißt es wohl weiterbeten. Gott zeigt sich, der Leib Christi lebt und handelt. Und doch krass wie manchmal der Kampf bei fast allen Gliedern sich gleichzeitig verschärft... Wir sind noch lang nicht durch die gegenwärtige Wand hindurch, aber es muss ja, es muss ja hindurchgehen!

12.02.09

War das Gotteslästerung?

Der Satz gestern, dass wir probieren wollen ob der liebe Gott lebt? Das sich die Erlösung zeigen muss?

Meine Schwester von der ich gestern schrieb, nennen wir sie Larisa, wurde heute Morgen von dem Vater ihrer jüngsten Tochter überfallen. Sie schlief aus Angst vor ihm bei Nachbarn. Als sie Morgens mit ihren Töchtern nachhause ging, stürmte er herein, und fing an zu wüten. Hat sie mit Messern und dem Tod bedroht. Ebenso die Kinder, vor deren Augen er die Mutter vergewaltigte. Die 10-jährige ging um etwas zu kaufen ins Geschäft an der Ecke, lief dann aber zur Kirche, wo dank unsrer Kita eine Frau war, die telefonieren konnte. Die Polizei kam unglaublich schnell und nahm Mann, Frau und die Dreijährige mit. Ich kam gerade noch rechtzeitig um dann auch auf die Polizeiwache zu fahren. Polizeiliche Anzeige, medizinisches Gutachten, Staatsanwaltschaft wo eine zweite Anzeige aufgegeben werden muss. Ich spielte mit dem Kind, versuchte die Mutter zwischendrinn zu unterstützen und sprach kurz auch mit dem Mann, der in einem äußerst tristen Verließ hockte. Das Kind weint, weil sie ihren Papa dort gesehen hat. Ich denke nur, warum soll es das nicht auch sehen, wenn es die Ursache dafür auch gesehen hat?

Drei Stunden später ist er wieder frei. Einfach so. Angeblich kennt sein Schwager einen Anwalt der mit der Staatsanwältin gut befreundet ist. Ich kann es nicht fassen. Wie verhindern wir, dass er sie kommende Nacht umbringt? Sie geht mit uns zu einem ihr bekannten Anwalt der uns weitere Verfahrensschritte aufzeigt. Ok, wenigstens ist der Fall doch noch nicht abgeschlossen. Larisa und ihre Kinder werden wieder bei Nachbarn schlafen. Sie wird ein paar zusätzliche Riegel an ihre Türen anbringen. Und die Kinder für eine Woche zu Verwandten schicken. Danach fängt die Schule an. Das Rechtssystem kennt kaum Schutzmechanismen für Frauen wie sie. Wir brauchen ein Frauenhaus!!

Lebt Gott jetzt nicht, weil ihr das passiert ist? Oder lebt er, weil der Mann alle Messer in der Küche zerbrochen hat, statt sie damit zu töten? Weil das Kind Alarm schlagen konnte?

Wir wollen probieren, ob Gott lebt. Heute Nacht aufs Neue.
Bitte, bitte helft beten!!!

09.11.08

Geänderte Namen

Nur zur Info: Wenn wir hier von verschiedenen Leuten aus unserer Gemeinde und Umgebung schreiben, ändern wir in den allermeisten Fällen die Namen.

Regen und Sonnenschein

Normalerweise ist bei Regen nichts los. Kein Mensch geht aus dem Haus. Als wir heute morgen zur Kirche fuhren, erwartet ich nur ein winziges Grüppchen und stellte mich auf spontanes predigen oder Gottesdienst leiten ein. Nachts hatte es heftig gehagelt und sich den ganzen Morgen richtig festgeregnet. Im Regen kamen nicht nur die zwei Familien die ein Auto haben, sondern insgesamt waren wir 30 Leute. Das entspricht nach meiner Erfahrung mindestens 80 Leuten bei Sonnenschein. Ich war begeistert! Wir saßen im Kreis und sangen acapella da unser 20-jähriger Gesangleiter keinen Regenschirm hat und aufgrund seiner Windpocken nicht ohne durch den Regen wollte. Die Gottesdienstleiterin war auch nicht da, hatte ihre Aufgabe aber an jemand anderen übergeben. Der Prediger war trotz des Wetters und über einer Stunde Busfahrt rechtzeitig da. Ich war beeindruckt.

Vor einer Woche erzählte uns Gemeindeglied "Alberto", dass sein Bruder einen Motoradunfall (ohne Sturzhelm) hatte und mit diversen Schädelbrüchen auf der Intensivstation liegt. In der Ersten Hilfe hatten sie ihn schon aufgegeben und vier Bestattungsinstitute stürzten sich auf die Verwandten um die Beute zu bekommen. Statt dessen brachten sie ihn ins Militärkrankenhaus. Seine private Versicherung (die gleiche die wir haben) zahlt nur sehr kurzfristigen Aufenthalt in der Intensivstation und schon garnicht in diesem Krankenhaus. Nach vier Tagen machte er die Augen auf und erkannte seinen Bruder. Es ging steil bergauf. Morgen soll er aus der Intensiv kommen, aber nur wenn die Kosten von über 2 Millionen Gs. pro Tag bezahlt sind. Sonst bleibt er auf intensiv und verursacht noch höhere Kosten. Paraguayisches Mindestgehalt, das die Meisten nicht kriegen, liegt bei 1,4 Millionen Gs. monatlich. Mit einer Lohnanleihe "Albertos" von 7,5 Millionen und verschiedenen andern Anleihen der Großfamilie kamen sie auf rund 15 Millionen, aber es fehlen immer noch 5. Bis Morgen!

Sie sehen keine vernünftige Möglichkeit mehr, das zusammen zu bekommen. Er überlegte, eine Hypothek auf sein Haus aufzunehmen - mit 15 % Zinsen monatlich!!! Der Verunglückte hat ein Grundstück mit Haus zu verkaufen. Sie haben viele Angebote bekommen - für 5 Millionen!!! Das ist vielleicht ein Drittel oder höchstens die Hälfte des realen Wertes. Sie wollen gerne 10 Millionen haben, finden aber niemand, der das so auf die Schnelle zahlen will. Als "Alberto" das heute nach dem Gottesdienst erzählt, biete ich ihm an, die fehlenden 5 Million aus der Gemeindesozialkasse zu leihen. Er wirkt erleichtert. Da sagt Frau "Marta", dass sie
Geld gespart hat um ein Auto zu kaufen, das sie für ihren sehr weiten Weg zur Arbeit wirklich braucht. Aber sie wird damit jetzt noch warten und ihnen das Grundstück für die 10 Millionen abkaufen, es später wenn es geht für etwas mehr wieder verkaufen und sich erst dann das Auto kaufen. "Alberto" ist glücklich und fährt mit ihr gleich zur Grundstücksbesichtigung. Ich bin auch glücklich!
"Rita", eine andere Frau aus der Gemeinde muss Dienstags zu einer schwierigen Voruntersuchung für eine anstehende Operation und ihr wurde gesagt, sie soll nicht allein kommen. "Albertos" Frau, die ja eigentlich genug Probleme mit dem Unfall ihres Schwagers hat, beginnt sofort zu organisieren, wer "Rita" zum Krankenhaus begleiten könnte. Wenn niemand den ganzen Tag kann, können sich zwei Frauen vielleicht ablösen. Also auch das scheint sich zu klären - ohne unsere Initiative. Ich bin sehr glücklich!! So ungefähr stell ich mir das vor mit dem Leib Christi. Mit Gemeinde die auch noch am Dienstag erfahrbar ist. "Siehe, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen."
Dienstag Abends fangen wir mit einem Kurs über Familienfinanzen an. Eine Menge Anmeldungen sind schon eingegangen.

12.08.08

Kulturschock - kulturloser Schock

Und das nach einem Jahr?? Oh ja!! Zwar nicht der erste, aber nochmal richtig!
Es begann am Freitag mit einem Anruf: In unserer Kirche wurde in der Nacht eingebrochen! Der neue Rasenmäher mit Verlängerungskabel weg. Mist! Da dank meiner Bequemlichkeit und göttlicher Fügung der Verstärker grad bei uns zu hause war, war ja auch nicht viel mehr wertvolles drinn - dachte ich. Wir verrammeln die aufgebrochene Tür besser. Alle mit denen ich am Wochenende rede sind überzeugt, dass die Diebe in Eile waren und wiederkommen werden. Schließlich sind 2 Gasflaschen drinn, jede Menge Teller und Plastikbesteck, eine Gitarre, ein uralter Overheadprojektor, Kabel, Kühlschrank, Schränke, Gasherd, Tische... Ok - wußte ich nicht, dass all das einen neuen Einbruch durch eine verstärkte Tür lohnt - aber wenn ihr meint! Der Nachtwächter den wir bezahlen und wegen dessen Bewaffnung ich schon lang ein mulmiges Gefühl habe, hat übrigens nichts gesehen und gehört. Das wars dann wohl mit unserer Beteiligung an seinem Gehalt. Lieber in Gitter investieren. Kirche mit Gittern - scheußlich! Kann man nicht innen einen bombensicheren Raum bauen? Gibt es nicht, denn wenn sie einmal drinn sind sieht sie keiner und sie können die ganze Nacht in aller Seelenruhe arbeiten. Bei andern wurden schon Wände durchbrochen - sollen wir jetzt ein Gitter um das ganze Haus ziehen? Plötzlich tauchen auch Verdächtigungen auf: Natürlich waren das die Obdachlosen im Nachbarviertel. Nein, es war ein junger Mann der seit einigen Monaten zum Gottesdienst kommt. Hat einen ganz schlechten Ruf im Viertel und hat sich kürzlich zu sehr für den Inhalt unserer Abstellkammer interessiert... Angeblich!
Und wie reagieren wir jetzt? Am Freitagabend sprechen wir in der Gebetstunde darüber. Unbedingt anzeigen lautet die vehementeste Meinung. Ich hab keine Lust darauf. Erstens fürchte ich die Mühlen der Bürokratie und als Argument hab ich ja da noch gewisse alternative Vorstellungen über den christlichen Umgang mit Verbrechern. Ich grüble was wohl "andere Wange hinhalten" heißt und hab eine grandiose Idee. Wir werden ein Schild an die Straße hängen und bieten dem der uns den Rasenmäher zurückbringt 500.000 Gs. und Verzicht auf Polizei. Ich präsentiere meine Idee am Sonntag im Gottesdienst. Aufgeregte Diskussion. Alle sind gegen Anzeige erstatten, aber alle aus Motiven die mir nicht gefallen. Die einen weil es eh nichts bringt, die andern aus Angst vor der Rache der Diebe. Mein Plakat wird exakt als das Gegenteil dessen verstanden, was ich damit beabsichtigte. Die Hardliner finden es klasse und wollen 100 Stück davon aufhängen, jene auf deren Rat ich viel mehr gebe, raten dringend davon ab. Ich brauch eine Weile bis mir klar wird, dass das Plakat nicht als Gesprächsangebot aufgefasst wird, sondern als Kopfgeld-Offerte. Ich bin platt. Das haut mich dermaßen aus der Spur, dass ich nicht mehr vermitteln kann, was ich eigentlich will. Herrn X, der für hart durchgreifen plädiert, hab ich schon mal erwogen wegen Kindesmißhandlung anzuzeigen - aber er beschuldigt jetzt die Zögerlichen dass sie nur so nachgiebig sind, weil es nicht ihr persönlicher Rasenmäher war. Wir lassen das mit dem Plakat und beschließen statt dessen, intensiv für die Verantwortlichen zu beten. Vielleicht ist ja noch nie für sie gebetet worden. Das wäre doch jetzt ein schöner Sinn des Ganzen. Nach dem Gottesdienst wieder lange Verhandlung mit unserem Baumeister, was man wo wie baulich verändern müsste... Er plädiert allerdings viel stärker als für bauliche Maßnahmen dafür, dass die Brüder reihum je eine Nacht in der Kirche schlafen. Er findet, das sei die bestmögliche Massnahme für die nächsten Jahre (!!!!). Nicht mit mir, denk ich nur im Stillen - aber vielleicht hat er ja recht. Dass ein junges Ehepaar einzieht findet er dagegen bedenklich. Der Gedanke an Sex im Kirchengebäude stört ihn. Ich lass durchblicken, dass ich da eigentlich kein Problem sehe, aber das war ja jetzt eigentlich nicht das Thema.
Währenddessen stehen unsere ganzen männlichen Jugendlichen giggelnd auf einem Haufen und erflehen meine Übersetzungshilfe, nur weil wir zwanzigjährigen, hellharigen, weiblichen Besuch aus Deutschland haben.
Und drei Straßen weiter wird während unserem Gespräch der Supermarkt mit vorgehaltenener Waffe überfallen. Nicht nur die Kassen, sondern auch gleich alle Kunden werden bis auf den letzten Cent ausgeraubt. Normalerweise wäre unser Baumeister auf seinem Heimweg zu diesem Zeitpunkt schon in eben jenem Super. Gut das wir so lange geredet haben! Gottes Mittel sind manchmal etwas merkwürdig!

Aber noch ist das Wochenende längst nicht ausgestanden. Nachmittags erster Geburtstag eines Enkels unserer Gemeindeglieder. Das ganze Viertel scheint sich zu Kakao und Keksen zu versammeln, mindestens 100 Luftbalons und gut halbsoviel Kindern schmücken den Garten, den eine lange Schlangenreihe von Stühlen säumt, auf die wir uns setzen und in unseren Kakao gucken. Der einjährige Jubilar wird ununterbrochen gefilmt und scheint genervt - aber lammfromm. Muss mir mal das Beruhigungsmittel verraten lassen. Die Mutter lächelt angestrengt, wann immer sie sich jemandem der Gäste zuwendet und hat den Kleinen ununterbrochen auf dem Arm. Sonst würde ja auch seine Festtagsgarderobe dreckig. Die Kinder sitzen meist auch auf den Stühlen und mampfen Kekse. Danach gibts Fotos mit der Torte: erst die Jungen, dann die Mädchen. Dann kleines Plastickspielzeug aus einem platzenden Luftbalon aufsammeln: erst die Jungen, dann die Mädchen. Dann in zwei Reihen auf das Rememberle warten: eine Reihe Jungen, eine Reihe Mädchen. Dann nach etwa 2 Stunden nach Hause gehen.
Den Mann der etwa 20-jährigen Mutter und Vater des Stammhalters hab ich die ganze Zeit nicht gesehen und bin neugierig. Später wird er mir auf der Straße vor dem Haus vorgestellt. Der Schock gibt mir den Rest. Er ist bestimmt 40.
Ich will nur noch nach Hause. Aber wo ist das? Wir fahren in unsere Wohnung. Unser Besuch aus Deutschland bringt die Kinder ins Bett. Unser Dank soll ihr nachjagen!!!
Leoni und ich fahren für zwei Stunden nach Europa. Shopping del Sol heißt das Mall. Normalerweise machen wir einen Bogen darum. Heute brauch ich diese andere Welt. Als Gegengift sozusagen. Der Gegenschock setzt schon nach wenigen Minuten ein. Wir haben uns in ein Spielzeuggeschäft verirrt und sehen dort neben all den riesigen Lego- und Playmoboxen und Püppchen - neben denen Barbies bieder und kindgerecht wirken würden - Samuraischwerter, Ninjasterne, Luftpistolen, einen Schießstand und alle möglichen Militäruniformen. Für die großen Kinder halt auch was zum Spielen. Das einzige was uns kurze Kaufüberlegungen anstellen lässt ist ein spanisches Tabuspiel. Das wäre was für unsere Jugendlichen in der Gemeinde. Aber diesen Kriegsschauplatz der Kuscheltiere müsste man eigentlich boykottieren. Wir gehen weiter und landen endlich in einer ganz kleinen, sehr netten Buchhandlung mit wunderschönen Kinder- und Bilderbüchern. Fast wie in Bammental. Ich setzt mich davor und schau Leoni durchs Schaufenster beim Stöbern zu. Fühl mich fast zu Hause. Und sehr müde.

Über den Montag (angeblich mein Ruhetag) schreib ich vielleicht ein andermal...

Unsere Welt