29.06.10
Allein
Da sind die beiden Mädchen, sechs und neun Jahre alt, deren Vater Alkoholiker ist. Die Mutter arbeitet sechs Tage die Woche, 11 Stunden pro Tag. Ihr Mann hatte vor einiger Zeit einen Unfall, weshalb sie haufenweise Schulden bei ihrer Apotheke hat. Der Mann ist wieder soweit genesen und beide arbeiten wieder. Nun wurde ihm im Bus sein Geldbeutel geklaut. (Er hat uns die polizeiliche Anzeige vorgelegt.) Daraufhin konnten sie auch ihre Schulden bei der Kita nicht bezahlen... Hinzu kommen Eheprobleme, Beleidigungen, Erniedrigungen. Der Vater scheint den Mädchen gegenüber sehr indifferent, die Mutter hat aber eine gute Beziehung zu ihnen, trotz der wenigen Zeit, die sie mit ihnen verbringen kann.
Eine ganz spezielle Aufgabe wurde uns mit Jacob (ein Jahr alt) in die Kita gebracht. Seine Mutter ist angeblich 21 Jahre alt, hat aber noch einen älteren Sohn von drei Jahren, der hat aber einen anderen Vater. Jacobs erster Geburtstag wurde in der Kita gefeiert. (Keine Ahnung wo sich die junge Mutter das Geld für die Dekoration, die Torte und den Kakao zusammengebettelt hatte.) Es ist üblich, dass zum ersten Geburtstag eines Kindes sämtliche Verwandten und Freunde der Familie mitfeiern. Nicht also bei Jacob. Die Oma tauchte zwar mit zwei drei zwielichtigen Gestalten auf. Weigerte sich aber, mit ihrem Enkel überhaupt Kontakt aufzunehmen, geschweigedenn fotografiert zu werden. (Das ist eigentlich obligatorisch: Möglichst jeder lässt sich mit dem Jubilar fotografieren.) Anstatt der Verwandschaft, waren wir Kita-Tanten mit Jacob auf dem Foto: Rossana, Elva und ich. Dabei kannten wir den Kleinen erst seit drei Wochen. Da wurde uns klar: WIR sind Jacobs Familie. Seine Oma liegt mit seiner Mutter im Streit und will von ihm nichts wissen. Sein Vater ist ein verheirateter Mann, der auch nicht im entferntesten daran denkt, die Folgen seines außerehelichen Abenteuers zu finanzieren. Jacobs Mama hat keinen Beruf und keine Freunde auf die sie sich verlassen könnte, nur wechselnde Liebhaber und einen Teilzeit-Job als Haushaltshilfe. Ihr Lohn reicht gerade mal für etwas zu Essen und vier Windeln pro Tag. Und vergangenes Wochenende hatte Jacob eine ausgewachsene Magen-Darm-Grippe... In unserer Kita hat Jacobs Mama inzwischen Schulden von über 40 Euro angehäuft. Das ist viel wenn man bedenkt, dass sie in der Woche nur etwa 15 Euro verdient. Sprich, wir brauchen nicht zu hoffen, dass sie dieses Geld je bezahlen kann. Die junge Frau liebt "ihren Dicken" zwar, denkt aber trozdem lieber an ihr eigenes Vergnügen. Ob das an ihrer trostlosen Situation liegt? Oder an ihrer eigenen mangelhaften Erziehung?
25.06.10
pädagogik der unterdrückten
ich möchte einfach mal mitteilen, was hier in den Schulen so los ist. Die Pädagogik der Unterdrückten gibt es tatsächlich immernoch. Ich weiß zwar nicht, wer die Unterdrücker sind, aber irgendetwas, irgendjemand hat ein Interesse daran, einen gewissen Prozentsatz Analphabeten in diesem Land beizubehalten, sowie die Schüler möglichst vor selbständigem Denken zu bewahren. Ich meine, ein sogenanntes Entwicklungsland wie Paraguay muss natürlich gewisse "Bildungsreformen" durchführen, um an internationale Kredite zu kommen... Und das ist, was dabei heraus kommt:
Ich kenne hier kein einziges Kind, das am Ende der ersten Klasse lesen konnte. Höchstens ein paar Supergescheite von den Privatschulen, die sozusagen trotz des Unterrichts Lesen gelernt haben. Dabei wird schon in der Vorschule mit Zahlen und Buchstaben herumgemacht und die Vorschule ist Pflicht. Nach den Vokalen lernen die Kinder nämlich die Konsonanten bei ihrem Namen zu nennen: "Be","Ce","De" usw. Bei "Em" und "Es" hört sich das auf spanisch dann so an: "Eme","Ese". Die Kinder der öffentlichen Schulen lernen NICHT, wie die einzelnen Buchstaben in einem gesprochenen Wort klingen müssen. Das Zusammenschleifen der Buchstaben hört sich dann folgendermaßen an: "Ese-a: sa, pe-o: po.- Sa-po." (Frosch) Kein Wunder, dass viele genau in diesem Prozess des Lesenlernens stecken bleiben. Sie kennen zwar alle Buchstaben, sind aber spätestens bei Wörtern mit mehr als zwei Silben restlos überfordert. Selbst wenn die Schülerinnen und Schüler diese Phase irgendwann überwinden, verlassen viele die Schule ohne sinnentnehmend lesen zu können.
Kürzlich habe ich eine meiner kleinen Freundinnen aus der KiTa abgefragt. Dritte Klasse. Sie hatte sich auf eine Klassenarbeit im Fach Gesundheitserziehung vorbereitet. Die Fragen und Antworten standen fein säuberlich in ihrem Heft. Frage: Was ist Milch? Antwort: Milch ist eine weiße Flüssigkeit die man von den Säugetieren erhält. Aha! Da habe ich doch gleich ganz dumm weiter gefragt: "Was sind denn Säugetiere?" Antwort: "Weiß ich nicht." Nachdem ich es ihr erklärt habe, zählt sie mir ohne weiteres verschiedene Tiere auf, die ihre Jungen mit Milch ernähren und weiß natürlich auch, welches Tier uns Menschen mit Milch versorgt. Warum müssen Drittklässler lernen, was sie bereits als Zweijährige wussten?
Joel und Martin gehen in eine teure Privatschule. Erste und zweite Klasse. Vor einigen Wochen hatten sie in der Schule das Thema Elektrizität durchgenommen. Eine ganze Stunde lang - oder war es eine Doppelstunde? Folgendes Sprüchlein stand in ihrem Heft: "Elektrizität ist eine Energie die durch die Anhäufung von Protonen und Elektonen verursacht wird." Alles klar? Auf Nachfrage wussten sie immerhin noch, dass die Protonen positive und die Elektronen negative Ladung haben. Das Sprüchlein haben sie dann für die Klassenarbeit auswendig gelernt... Nächstes Jahr lernen sie dann ein weiteres Sprüchlein, das die Thematik etwas erweitert. Und übernächstes Jahr noch eins und danach noch eins usw. usw.
Und Paulo Freire dreht sich im Grab...
08.01.10
Entschuldigung,
10.11.08
Unfall
Über Nächte aus Asphalt
Treibt der Wind wie leere Tüten
Menschen ohne Puls und kalt
weht sie fort, gefallne Blüten.
Vor der Ampeln Farbenspiel
Liegt auf Schwarz manch bleiche Seele
Flattert, taumelt ohne Ziel
Greift Metall ihr nach der Kehle
In der Scherben fahlem Licht
Spiegelt sich der Mond zersplittert
Tote Augen sehen nicht
KNALL – dann Stille – schmerzverbittert
25.09.08
Was ist los?
Was ist los in diesem Land? Ich bin gerade dabei, ultrakonservativ zu werden, bei allem was mit Ehe und Familie zu tun hat. Aber vielleicht werde ich doch lieber feministisch? Ich wünschte es gäbe einen –ismus der die miserablen Verhältnisse in den paraguayschen Familien verbessern könnte. Sozusagen eine Medizin. Religiosität hilft nichts. Es gibt hierzulande kaum einen Bus auf dem nicht „Gott schütze uns“, „Jesus ist Retter“ oder dergleichen mehr zu lesen ist. Es gibt einen Fernsehsender der ständig fromme Sprüche bringt. Einer der beliebtesten Radiosender ist evangelisch...
Die Probleme der Ein-Eltern-Familien scheinen noch am einfachsten und vor allem am klarsten begrenzt zu sein. Mama muss arbeiten, wo sollen also die Kinder bleiben? Und dann halt die „normalen“ Erziehungsprobleme. Wobei zu "normal" gehört, dass man sich halt überlegen muss, wie ein Elfjähriger es schafft, morgens um 6 Uhr aufzustehen, seine beiden jüngeren Schwestern zu wecken, sie in die Kita zu bringen und sich selbst zur Schule... Das sind Peanuts. Über die 10-jährige Nida braucht man sich anscheinend keine Gedanken zu machen, denn wenn sie nicht zur Schule muss, braucht ihre zweijährige Schwester auch nicht in die Kita, auch wenn Mama den ganzen Tag auf Arbeit ist. Die große Schwester als Ersatzmama.
Am schlimmsten finde ich die Beziehungsprobleme der Erwachsenen, speziell der Ehepartner. Hier hat der Mann eine zweite Liebesbeziehung und zwingt seine Frau, diese zu akzeptieren. Dort flirtet die Frau wieder mit ihrem Ex-Lover und wundert sich, wenn ihr Mann eifersüchtig reagiert. Dann ist da Marie, die ihrem Mann absolut treu ist, aber ihre Arbeit aufgeben musste, weil er Angst hatte, sie würde sich andere Partner angeln – was er durchaus getan hat, damals als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war... Außerdem bringt er kaum genügend Geld nach Hause, weil er am Zahltag gerne mal mit Freunden ausgeht und auch mal einen über den Durst trinkt.
Dann ist da Familie Cáceres. Der Mann verdient gut, studiert nebenher Jura, will bald seine Abschlussarbeit schreiben. Sie scheint ihm treu ergeben und versorgt mit viel Hingabe ihre sechs Kinder, die alle sehr scheu und schüchtern sind, ärmlich angezogen, schmal und blass. Eines fängt an zu klauen. "Die Kinder sind ständig hungrig", erklärt mir eine Nachbarin. Der Vater hat noch zwei weitere Familien mit weiteren 10 Kindern... Wie soll da bitte der beste Lohn ausreichen? Wenn die Kinder nicht spuren, beziehen sie Prügel. Bei größeren Vergehen ruhig auch mal mit dem Stock, mit einem Kabel... Die Mutter bekommt kein Geld auf die Hand, er stellt die Lebensmittel zur Verfügung. Die Kleider für ihre Kinder näht sie selbst, verkauft Eier von ihren Hühnern, selbstgekochte Marmelade und Berliner... Sie traut sich kaum um Hilfe zu bitten, sich Rat zu holen, denn sie hat Angst vor ihrem Mann.
Eine meiner Nachbarinnen hat angeblich zwölf Kinder. Ihr Sohn meint allerdings, sie seien zu neunt. Ich kenne nur vier davon und zwei sehe ich gelegentlich. „Der Herr versorgt mich“ sagt sie fromm zu mir, ...und die nette Nachbarin (nämlich ich) kümmert sich wenigstens ab und zu um ihre Kinder, die sie unbekümmert in die Welt gesetzt hat und die z.T. mehr als verhaltensauffällig sind... Jetzt wohnt der Vater der jüngsten beiden Kinder wieder bei ihr... Man sollte ihr eine Packung Kondome schenken... aber die benutzt ein echter Macho wahrscheinlich nicht. Die Pille ist zwar fast gratis, aber ihr bestimmt zu ungeistlich („Ich nehme was der Herr mir schenkt“), eine Sterilisation sicher zu teuer... (teurer als eine Geburt.)
Und heute stand eine fremde Frau vor meiner Tür, die ein niedliches Kind mit einer hässlichen Lippen-Kiefer Spalte auf dem Arm trug. Sie habe elf Kinder und keine Arbeit. (Und wie viele Männer die keine Alimente zahlen???) Und das Einjährige könne erst in einem halben Jahr operiert werden...
Und inmitten von diesem Gomorra lebe ich mit meinem liebevollen, treuen Mann, der selbst bei großem Stress niemanden verprügelt, nicht raucht, kaum trinkt, sogar im Haushalt hilft, und mit meinen drei tollen Kindern in einem ausreichend großen Haus mit fließend Wasser, eigenem Stromanschluss, Telefon, Handy, Klimaanlage. Keine großen Krankheiten, keine Lover, keine Schulden und freien Zugang zum Konto meines Mannes... Ich passe zu meiner Gemeinde wie die Faust aufs Auge!
19.09.08
Bescheiden Wünsche
Dass kein Geld zum Essen morgen fehlt,
dass die Immobilienfirma nicht
uns vertreibt um Schulden ungezählt.
Dass bis Montag noch reicht Holz und Licht.
Dass der Sturm und Regen schnell vergeht,
und die Sonne trocknet was ist nass.
Dass mein Kind den Drogen widersteht.
Dass aus der Verzweiflung nicht wird Hass.
Dass der Mann mich nicht zu oft hart schlägt,
dass mein Sohn nicht lang im Knast mehr bleibt.
Dass zur Tochter noch kein Mann sich legt,
nicht vor sechzehn ihr ein Kind verschreibt.
Dass die Henne heute legt ein Ei,
fremde Kühe fressen nicht mein Korn.
Dass wir weiter alle bleiben frei.
Nächstes Jahr beginnen wir von vorn.
18.09.08
Ohne (Pass)worte
19.08.08
Raketenpilze
schlägt sie auf mich nieder,
in einem unbedachten Augenblick
und aus heitrem Himmel –
die Angst,
dass sie
selbst der beste Schutz sei
der beste Verbündete des Lebens,
vor sicherem Kriege –
die Angst.
Leben
wir doch nach wie vor Zeit,
die tausend menscherschaffene Pilze
mit einem Schlag enden
könnten.
Die Angst
entspringt aus der Liebe,
wenn vorauseilend stirbt die Hoffnung auf
Leben für meine drei
Kinder.
Doch Angst
ist nicht in der Liebe.
Und zu fruchtbarer Erde verschimmeln
Raketen nur durch die
Liebe.
12.08.08
Kulturschock - kulturloser Schock
Es begann am Freitag mit einem Anruf: In unserer Kirche wurde in der Nacht eingebrochen! Der neue Rasenmäher mit Verlängerungskabel weg. Mist! Da dank meiner Bequemlichkeit und göttlicher Fügung der Verstärker grad bei uns zu hause war, war ja auch nicht viel mehr wertvolles drinn - dachte ich. Wir verrammeln die aufgebrochene Tür besser. Alle mit denen ich am Wochenende rede sind überzeugt, dass die Diebe in Eile waren und wiederkommen werden. Schließlich sind 2 Gasflaschen drinn, jede Menge Teller und Plastikbesteck, eine Gitarre, ein uralter Overheadprojektor, Kabel, Kühlschrank, Schränke, Gasherd, Tische... Ok - wußte ich nicht, dass all das einen neuen Einbruch durch eine verstärkte Tür lohnt - aber wenn ihr meint! Der Nachtwächter den wir bezahlen und wegen dessen Bewaffnung ich schon lang ein mulmiges Gefühl habe, hat übrigens nichts gesehen und gehört. Das wars dann wohl mit unserer Beteiligung an seinem Gehalt. Lieber in Gitter investieren. Kirche mit Gittern - scheußlich! Kann man nicht innen einen bombensicheren Raum bauen? Gibt es nicht, denn wenn sie einmal drinn sind sieht sie keiner und sie können die ganze Nacht in aller Seelenruhe arbeiten. Bei andern wurden schon Wände durchbrochen - sollen wir jetzt ein Gitter um das ganze Haus ziehen? Plötzlich tauchen auch Verdächtigungen auf: Natürlich waren das die Obdachlosen im Nachbarviertel. Nein, es war ein junger Mann der seit einigen Monaten zum Gottesdienst kommt. Hat einen ganz schlechten Ruf im Viertel und hat sich kürzlich zu sehr für den Inhalt unserer Abstellkammer interessiert... Angeblich!
Und wie reagieren wir jetzt? Am Freitagabend sprechen wir in der Gebetstunde darüber. Unbedingt anzeigen lautet die vehementeste Meinung. Ich hab keine Lust darauf. Erstens fürchte ich die Mühlen der Bürokratie und als Argument hab ich ja da noch gewisse alternative Vorstellungen über den christlichen Umgang mit Verbrechern. Ich grüble was wohl "andere Wange hinhalten" heißt und hab eine grandiose Idee. Wir werden ein Schild an die Straße hängen und bieten dem der uns den Rasenmäher zurückbringt 500.000 Gs. und Verzicht auf Polizei. Ich präsentiere meine Idee am Sonntag im Gottesdienst. Aufgeregte Diskussion. Alle sind gegen Anzeige erstatten, aber alle aus Motiven die mir nicht gefallen. Die einen weil es eh nichts bringt, die andern aus Angst vor der Rache der Diebe. Mein Plakat wird exakt als das Gegenteil dessen verstanden, was ich damit beabsichtigte. Die Hardliner finden es klasse und wollen 100 Stück davon aufhängen, jene auf deren Rat ich viel mehr gebe, raten dringend davon ab. Ich brauch eine Weile bis mir klar wird, dass das Plakat nicht als Gesprächsangebot aufgefasst wird, sondern als Kopfgeld-Offerte. Ich bin platt. Das haut mich dermaßen aus der Spur, dass ich nicht mehr vermitteln kann, was ich eigentlich will. Herrn X, der für hart durchgreifen plädiert, hab ich schon mal erwogen wegen Kindesmißhandlung anzuzeigen - aber er beschuldigt jetzt die Zögerlichen dass sie nur so nachgiebig sind, weil es nicht ihr persönlicher Rasenmäher war. Wir lassen das mit dem Plakat und beschließen statt dessen, intensiv für die Verantwortlichen zu beten. Vielleicht ist ja noch nie für sie gebetet worden. Das wäre doch jetzt ein schöner Sinn des Ganzen. Nach dem Gottesdienst wieder lange Verhandlung mit unserem Baumeister, was man wo wie baulich verändern müsste... Er plädiert allerdings viel stärker als für bauliche Maßnahmen dafür, dass die Brüder reihum je eine Nacht in der Kirche schlafen. Er findet, das sei die bestmögliche Massnahme für die nächsten Jahre (!!!!). Nicht mit mir, denk ich nur im Stillen - aber vielleicht hat er ja recht. Dass ein junges Ehepaar einzieht findet er dagegen bedenklich. Der Gedanke an Sex im Kirchengebäude stört ihn. Ich lass durchblicken, dass ich da eigentlich kein Problem sehe, aber das war ja jetzt eigentlich nicht das Thema.
Währenddessen stehen unsere ganzen männlichen Jugendlichen giggelnd auf einem Haufen und erflehen meine Übersetzungshilfe, nur weil wir zwanzigjährigen, hellharigen, weiblichen Besuch aus Deutschland haben.
Und drei Straßen weiter wird während unserem Gespräch der Supermarkt mit vorgehaltenener Waffe überfallen. Nicht nur die Kassen, sondern auch gleich alle Kunden werden bis auf den letzten Cent ausgeraubt. Normalerweise wäre unser Baumeister auf seinem Heimweg zu diesem Zeitpunkt schon in eben jenem Super. Gut das wir so lange geredet haben! Gottes Mittel sind manchmal etwas merkwürdig!
Aber noch ist das Wochenende längst nicht ausgestanden. Nachmittags erster Geburtstag eines Enkels unserer Gemeindeglieder. Das ganze Viertel scheint sich zu Kakao und Keksen zu versammeln, mindestens 100 Luftbalons und gut halbsoviel Kindern schmücken den Garten, den eine lange Schlangenreihe von Stühlen säumt, auf die wir uns setzen und in unseren Kakao gucken. Der einjährige Jubilar wird ununterbrochen gefilmt und scheint genervt - aber lammfromm. Muss mir mal das Beruhigungsmittel verraten lassen. Die Mutter lächelt angestrengt, wann immer sie sich jemandem der Gäste zuwendet und hat den Kleinen ununterbrochen auf dem Arm. Sonst würde ja auch seine Festtagsgarderobe dreckig. Die Kinder sitzen meist auch auf den Stühlen und mampfen Kekse. Danach gibts Fotos mit der Torte: erst die Jungen, dann die Mädchen. Dann kleines Plastickspielzeug aus einem platzenden Luftbalon aufsammeln: erst die Jungen, dann die Mädchen. Dann in zwei Reihen auf das Rememberle warten: eine Reihe Jungen, eine Reihe Mädchen. Dann nach etwa 2 Stunden nach Hause gehen.
Den Mann der etwa 20-jährigen Mutter und Vater des Stammhalters hab ich die ganze Zeit nicht gesehen und bin neugierig. Später wird er mir auf der Straße vor dem Haus vorgestellt. Der Schock gibt mir den Rest. Er ist bestimmt 40.
Ich will nur noch nach Hause. Aber wo ist das? Wir fahren in unsere Wohnung. Unser Besuch aus Deutschland bringt die Kinder ins Bett. Unser Dank soll ihr nachjagen!!!
Leoni und ich fahren für zwei Stunden nach Europa. Shopping del Sol heißt das Mall. Normalerweise machen wir einen Bogen darum. Heute brauch ich diese andere Welt. Als Gegengift sozusagen. Der Gegenschock setzt schon nach wenigen Minuten ein. Wir haben uns in ein Spielzeuggeschäft verirrt und sehen dort neben all den riesigen Lego- und Playmoboxen und Püppchen - neben denen Barbies bieder und kindgerecht wirken würden - Samuraischwerter, Ninjasterne, Luftpistolen, einen Schießstand und alle möglichen Militäruniformen. Für die großen Kinder halt auch was zum Spielen. Das einzige was uns kurze Kaufüberlegungen anstellen lässt ist ein spanisches Tabuspiel. Das wäre was für unsere Jugendlichen in der Gemeinde. Aber diesen Kriegsschauplatz der Kuscheltiere müsste man eigentlich boykottieren. Wir gehen weiter und landen endlich in einer ganz kleinen, sehr netten Buchhandlung mit wunderschönen Kinder- und Bilderbüchern. Fast wie in Bammental. Ich setzt mich davor und schau Leoni durchs Schaufenster beim Stöbern zu. Fühl mich fast zu Hause. Und sehr müde.
Über den Montag (angeblich mein Ruhetag) schreib ich vielleicht ein andermal...
03.06.08
Fegefeuer
Auf ins Uniklinikum. Wir schoben Herrn R. ins Auto, fuhren die 20 km und zogen ihn in die Notaufnahme. Es war um 8 an diesem denkwürdigen Abend. Wartezimmer voller Leute. Auf einer Bank liegt ein junger Mann, sein Vater hält ihm den Infusionsbeutel. Nach zwei Stunden liegt er immer noch da. Wir warten. Wir gehen rum, spielen mit unseren Handys, erkundigen uns nach allem möglichen, essen was, trinken was, spuken es wieder aus. Wir warten. Eine Frau gibt uns ein Blatt Zeitung um das ausgespukte aufzuwischen. Herr R. muss aufs Klo. Ich halte ihn auf dem Weg um 3 Ecken, durch ein vollgestopftes Notfallzimmer dass die ganzen Ausmaße menschlicher Zerbrechlickkeit in jedem Bett belegt. Dazwischen Schwestern, Verwandte, Ärzte und solche die es werden wollen. Fast wären wir im Schwesternzimmer gelandet, dann doch im Klo. Herr R. versucht die Pfützen auf dem Boden mit einem Schrubber zur Seite zu wischen. Seine Würde hält ihn aufrecht. Ich lass ihn allein und noch kann er aufstehen.
Rückweg ins Wartezimmer. Das Schild über der Tür mit dem schönen Wort "Urgencias" hat jede Bedeutung verloren. Der Wind pfeift durch die offene Tür, der Ventilator eiert. Herr R. hustet, wir warten. Herr R. liegt auf einer Holzbank, den Kopf an die versiffte Wand gestützt. Auf Nachfrage heißt es immer: Bald! Später dann die Auskunft, es sei kein Bett frei. Wir warten auf ein Bett, darauf dass jemand stirbt oder entlassen wird. Oder verlegt. Ich überlege kurz, reinzugehen und jemanden gesundzubeten. Mein Begleiter und ich sind schon reichlich im Schock, fangen an über alles mögliche zu lachen. Das wundert niemand unserer Gefährten in dieser Vorhölle. Um 23:30 darf ich Herrn R. in das zweite Notfallzimmer schleppen. Er darf auf einem hohen Hocker ohne Lehne sitzen. Es ist noch kein Bett frei. Neben jedem belegten Bett ein Verwandter. Die Ärtzin fängt mit der Befragung an. Herr R. ist stocksauer und will nicht antworten, "warum er denn gekommen sei"! Er windet sich auf seinem Hocker und fällt fast herunter. Ich erzähle was ich weiß. Nein, er ist nicht mein Vater.
Die Ärztin verschreibt Untersuchungen und schickt mich los. Mein Begleiter schläft im Auto. Ich stürze mich in die Gänge der Unterwelt, unendlich verweigte Gänge zwischen wild aufeinandergestapelten Häusern. Die in wildem Zickzack verlaufenden Gänge gegen Regen überdacht, links und rechts gelegentlich eine schwaches Neonschild das die Abteilung dieses Reiches der Halbtoten anzeigt. Auf allen Bänken unterwegs schlafen Menschen. Verwandte die ihren Patienten pflegen müssen und sich kurz etwas Ruhe gönnen. In einer dunklen Ecke ein Matrazenlager auf dem Fußboden. Assistenzärzte schwanken umher, man erkennt sie an ihren tief herunterhängenden Augenliedern. Dazwischen schlüpfrig grinsende "Bettenschieber" die sich in abgeschiedenen Ecken unterhalten. Es ist nach Mitternacht, Stunde der Geister. Ich gehe wie in Trance, gehe aus dem Haupteingang, über die Straße, finde den Sozialdienst, will die Tür aufbrechen und werde dafür von einer schlaftrunkenen Frau geschimpft, die mein Rezept stempelt und mir Ablaß gewährt. Ich suche die Kasse und wecke den Kassierer um ihm Geld zu geben. Mit der Quittung geht es wieder zurück in die Gänge des Grauens. Da, das Labor. Niemand da und ich finde keine Klingel. Die "Bettenschieber" behaupten aber, dass eine da ist. Ich weiter rein und fang an auf Schalter zu drücken. Da kommt jemand. Er will nur der Schwester geben was auf meinem Zettel steht. Ich sage, die Ärztin schickt mich und es sei mir ansonsten alles egal. Ihm auch und er gibt mir die Labordöschen die ich bringen sollte und irgendwelches Zeug das er wirklich nur der Schwester hätte geben sollen. Kaum hab ich zurück ins Notfallzimmer gefunden, werd ich zurück geschickt. Noch etwas holen. Wieder Sozialdienst, Kasse, eine der unzähligen Apotheken an der anderen Straßenseite die überwiegend Maria im Namen führen. Als ich der Ärtzin sage, dass ich gleich gehen werde, schaut sie mich ungläubig an. Ich kann den Patienten doch nicht hier allein lassen! Ich begleite ihn zum Röntgen. Wir haben einen Rollstuhl mit Chauffeur!! Aber noch kein Bett. Herr R. kann nicht mehr stehen, muss er für das Röntgenbild aber. Kaum verschwinden wir hinter dem Holzschutz (!), dreht er sich um und pinkelt in den Mülleimer. Er war zu schwach um zu sagen, dass er aufs Klo musste. Dann die Seitenaufnahme, mit erhobenen Armen. Er kann nicht mehr! Er will die Arme nicht heben, weil ihm dann die Hose runterrutscht. Seine Würde zu wahren wird ihm unmöglich gemacht. Ich halte ihn an den Armen hoch während die Aufnahme von der Seite gemacht wird. - Ich wollte eh keine Kinder mehr.
In einem früheren Leben war er Landwirtschaftsingenieur. Er steht auf kultivierte Untrhaltung. Seine angegebenen 66 Jahre stimmen aber nicht. Als Geburtsjahr steht im Pass 1928. Chilene ist er, seit Allendes Sturz in Paraguay. Eine Schwester hat er noch in Chile, aber nur losen Kontakt. Atheist und Sozialist nennt er sich. Seit 3 Monaten kam er jeden Sonntag in die Kirche, nachdem ihm besagter Nachbar ein Büchlein gegeben hat. "Wenn euer Gott so ist wie da steht, dann will ich ihn kennenlernen" soll er in etwa gesagt haben.
Nach der Röntgenprozedur endlich ein Bett! Aber keine Decke. Er wickelt seine Füße in den Vorhang. Ich lasse ihn allein. Ich kann nicht mehr. Hoffentlich lässt Gott ihn nicht allein. Ich kann nur alle zwei Tage kommen, ihn kurz besuchen, Medikamente kaufen, zum Sozialdienst laufen. Auf der Neumologie behandeln Ärtze und Schwestern ihn gut. Er ist unterernährt, dehydriert und hat eine Lungenentzündung...
Jetzt ist er - nach zwei Wochen - wieder draussen, froh wieder in seiner Höhle zu sein, bei seinen zwei klapprigen Hunden und dem vielen Schimmelpilz, wo er sich am Feuer wärmt ohne das der Rauch einen Schornstein findet um abzuziehen. Das Wort Altenheim ignoriert er. Gemeindeglieder haben ihn besucht und mit ihm gebetet. Er sagt, dass das Beten ihm gut tut. Er ist grauenhaft einsam. Es ist kalt zurzeit. Ich weiß nicht, ob er diesen Winter überlebt. Ich mach mein Herz hart um es auszuhalten, ihn weiter zu besuchen.
18.04.07
Schwarz auf Stein IV
22.03.07
Schwarz auf Stein II

Lerne artig und fein
Lerne still und bleib klein.
Lerne grade zu stehn
Lern' im Gleichschritt zu gehn.
Lerne, arbeite, stirb!
Arbeitsfreudig das Herz
Arbeit siegt über Schmerz
Arbeit allein gibt Sinn
Arbeit, sonst bist du hin
Lerne, arbeite, stirb!
Stirb, es schlägt deine Uhr
Stirb fürs Vaterland: Hurrrrr...!
Stirb! Zum Leben zu dumm
Stirb! Bist alt, faul und krumm
Lerne, arbeite, stirb!
19.03.07
Schwarz auf Stein I

Der Spruch erinnerte mich an die Schlafschulweisheiten in Huxleys schöner neuen Welt und so hab ich einige anderen solcher "Weisheiten" dazugeschrieben, manche meiner Meinung nach durchaus von Vielen geglaubt.
Sicherheit statt Freiheit
Wer nicht sitzt der klaut
Ordnung anstatt Gleichheit
Dumm ist wer vertraut
Toleranz statt Liebe
Geld statt etwas Zeit
Statt Beziehung Hiebe
Wer nichts fühlt kommt weit
Zeitungen statt Meinung
Wissen statt verstehn
Ehrbar macht die Kleidung
Wem‘s nicht passt, soll gehn!
Konfession statt Glauben
Statt Vernunft die Macht
Selig sind die Tauben
Nötig jede Schlacht
Spielzeug anstatt Frauen
Wer gewinnt hat recht
Hunde soll man hauen
Wer verliert ist schlecht
06.01.07
Angst
Aber vor allem der erste Teil, die Flucht vor dem radioaktiven Regen hat mir dermaßen Angst gemacht. Wir haben dann noch bis spät in die Nacht gesessen und Fluchtpläne ausgearbeitet. So blöd die Reaktion bei Licht betrachtet sein mag - mich holte einfach wieder diese schreckliche Angst ein, dass eines Tage einer der drei Reaktoren die hier im Umkreis von 70 km stehen, hochgeht. Leoni sagte, ohne Kinder würde sie es sich vielleicht einfach gemütlich machen und warten, bis der Tod da ist, da man sowieso nur eine verschwindend geringe Chance hätte. Mir geht es ähnlich - Angst vor dem Tod hab auch ich bei mir kaum wahrgenommen. Aber mit Kindern? Wie wird man nicht verrückt bei dem Versuch, genau diese verschwindend geringe Chance zu nutzen - und dann in Panik vielleicht gerade das falsche zu tun? Angst vor der falschen Entscheidung, Angst vor einem Fehler der meinen Kindern die letzte Chance nimmt, das kann einen fast kaputt machen. Ich muss wohl lernen, dass nicht nur ich, sondern auch meine Kinder in Gottes Hand am Besten aufgehoben sind. Und ich muss wieder verstärkt nach Möglichkeiten suchen, etwas gegen diesen atomaren Wahnsinn zu tun. Im Abspann des Filmes hieß es, dass es allein 2004 in Deutschland 144 meldepflichtige Störfälle in Reaktoren gab. Wenn ich dann dran denke, dass es voriges Jahr einen Skandal gab, weil von einem der Reaktoren hier in der Nähe ein meldepflichtiger Störfall erst eine Woche später gemeldet wurden...
Ich muss mehr dagegen tun. Energie sparen. Demonstrieren. Weniger Dinge kaufen, die alle mit Energieaufwand hergestellt wurden. Die alten tun es auch noch. Beten!!
19.12.06
Tage wie diese,
- Fahrrad geflickt - am nächsten Tag wieder platt
- Telefon erfolgreich repariert und dabei einen andern, scheinbar irreparablen Schaden im Gerät angerichtet
- Kontakt im USB-Stick gelötet und damit wohl geschrottet
- die Graphikkarte vom Labtop ist scheinbar hin und die Garantie abgelaufen
- Türklingel gibt keinen Ton mehr von sich
- Geldtasche mit Geld drinn nicht mehr aufzufinden
- In Kino "Eragon" gesehen und wie soll man sagen, nun ja, "ich hatte mehr erwartet".
- Gute Ideen für den Blog, aber keine Zeit was zu schreiben
- endlich auf Geschenk für Kinder geeinigt und aus dem Katalog bestellt - ausverkauft!
aaaarrrghhhh!!!!
Was macht man da? Dauerschlafen? Dabei stören die Kinder! Aus dem Fenster springen? Da stört die Höhe! Gegen die Wand laufen? Aua! In sich gehen und über alles nochmal nachdenken? Mir tut noch der Kopf weh vom vorigen Punkt! Frau und Kinder anschreien? Wahrscheinlich...
Danken, dass es nicht schlimmer gekommen ist? Was nicht ist, kann ja noch werden.
Wahrscheinlich Gelassenheit üben. Ich bin wirklich noch Anfänger!
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