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16.04.12

Wir müssen verrückt sein, so zu leben

Das Buch von Claiborne ist genial!! Und Gottes Führung auch. Kaum hatten wir einen Schritt unternommen, der uns und andere ernsthaft an unserer geistigen Integrität zweifeln ließ, leiht mir jemand dieses Buch und bestätigt Leoni und mir, dass es ok ist, verrückt zu sein.

Seid voriger Woche haben wir zwei neue Pflegekinder auf unbestimmte Zeit, 6 und 14 Jahre alt. Nachdem die Kinder jetzt vor ihren Eltern in Sicherheit sind, suchen wir nach Lösungen für die Mutter... Als ich von nahestehenden Personen sehr eindrücklich gefragt wurde, ob wir das auch alles schaffen werden, konnte ich nur zugeben, dass ich keine Ahnung habe. Muss ich ja auch nicht, denn fürs Schaffen ist ein anderer zuständig. Ich darf das nur nicht immer vergessen!!! Kleine Übung in "Auf-dem Wasser-gehen" gefällig? :-)

Hab meinen viel zu großen und nicht nur deshalb viel zu unordentlichen Schreibtisch verschenkt, ebenso wie einen guten Teil jener Bücher, die ich sowieso nicht lese. So konnte ein Bücherregal durch ein weiteres Zweistockbett ersetzt werden. Im ehemaligen Büro schläft jetzt unsere gebeutelte "Freiwillige". Dann haben wir ein Jungenzimmer mit drei Jungs in zwei Betten und ein Mädchenzimmer mit zwei Mädels, die aber meist auch nur eines ihrer zwei Betten benutzen. Aber da soll ab nächstem Jahr auch unser Baby rein. Dann ein Teeniezimmer mit einem Mädel - ihr Bett könnte man noch ausziehen, falls sich weibliche Gäste bei uns anmelden wollen. Leoni und ich schlafen Gott sei Dank noch in einem Bett, und manchmal sogar die ganze Nacht ohne irgendwelche anderen Bettflüchter. Ohne Schlafplätze bleiben die beiden Toiletten, die Wohnküche, und die Abstellkammer. Im Wohnzimmer ist Raum für Gäste auf dem Sofa oder auf einer Notmatratze. In den vergangenen 7 Tagen haben schon zwei Gäste hier geschlafen und keiner hat sich beschwert - sprich, ein bis zwei Personen können uns auch weiterhin besuchen. Nur beim Essen müssten dann einige augelagert werden, da wir beim Abendessen als 9 ständige Mitbewohner nur so gerade noch an unseren Tisch passen.

In der Hoffnung, weiter verrückt zu werden, warten wir auf den großen "Verrücker"! (Und damit meine ich nicht in erster Linie unser Baby, dass im August geboren werden soll.)

12.03.12

Was war eher, die Worte oder der Satz?

Bisher fand ich das immer eine einfache Frage. Natürlich lernen alle Kinder erst einzelne Worte und dann stellen sie diese irgendwann zu Sätzen zusammen. So war es bei unseren drei Kindern. Nicht jedoch so unser Pflegekind. Seit es mit fast zwei vor einem halben Jahr zu uns kam, hatte man den Eindruck, dass es ganze Geschichten erzählen konnte, nur habe ich meist kein Wort verstanden. Inzwischen erkenne ich, dass er sehr wohl Sätze formuliert, von denen ich aber noch nicht immer jedes Wort verstehe, da seine Aussprache unglaublich verwaschen ist. Er versteht fast alles, was wir sagen, kann aber noch nur ganz wenige Worte halbwegs korrekt aussprechen. Aber langsam, Schritt für Schritt verwandeln sich seine Kauderwelschsentenzen in Abfolgen erratbarer Silben die sich zu immer sinnvoleren Sätzen zusammenfügen. Der Eindruck ist eindeutig, als sei in diesem Fall der Satz als das Große Ganze vor den Worten erfasst worden. Äußerst faszinierend!

29.06.10

Allein

Wir haben neue Kinder in der Kindertagesstätte aufgenommen und begegnen neuen Schicksalen.
Da sind die beiden Mädchen, sechs und neun Jahre alt, deren Vater Alkoholiker ist. Die Mutter arbeitet sechs Tage die Woche, 11 Stunden pro Tag. Ihr Mann hatte vor einiger Zeit einen Unfall, weshalb sie haufenweise Schulden bei ihrer Apotheke hat. Der Mann ist wieder soweit genesen und beide arbeiten wieder. Nun wurde ihm im Bus sein Geldbeutel geklaut. (Er hat uns die polizeiliche Anzeige vorgelegt.) Daraufhin konnten sie auch ihre Schulden bei der Kita nicht bezahlen... Hinzu kommen Eheprobleme, Beleidigungen, Erniedrigungen. Der Vater scheint den Mädchen gegenüber sehr indifferent, die Mutter hat aber eine gute Beziehung zu ihnen, trotz der wenigen Zeit, die sie mit ihnen verbringen kann.

Eine ganz spezielle Aufgabe wurde uns mit Jacob (ein Jahr alt) in die Kita gebracht. Seine Mutter ist angeblich 21 Jahre alt, hat aber noch einen älteren Sohn von drei Jahren, der hat aber einen anderen Vater. Jacobs erster Geburtstag wurde in der Kita gefeiert. (Keine Ahnung wo sich die junge Mutter das Geld für die Dekoration, die Torte und den Kakao zusammengebettelt hatte.) Es ist üblich, dass zum ersten Geburtstag eines Kindes sämtliche Verwandten und Freunde der Familie mitfeiern. Nicht also bei Jacob. Die Oma tauchte zwar mit zwei drei zwielichtigen Gestalten auf. Weigerte sich aber, mit ihrem Enkel überhaupt Kontakt aufzunehmen, geschweigedenn fotografiert zu werden. (Das ist eigentlich obligatorisch: Möglichst jeder lässt sich mit dem Jubilar fotografieren.) Anstatt der Verwandschaft, waren wir Kita-Tanten mit Jacob auf dem Foto: Rossana, Elva und ich. Dabei kannten wir den Kleinen erst seit drei Wochen. Da wurde uns klar: WIR sind Jacobs Familie. Seine Oma liegt mit seiner Mutter im Streit und will von ihm nichts wissen. Sein Vater ist ein verheirateter Mann, der auch nicht im entferntesten daran denkt, die Folgen seines außerehelichen Abenteuers zu finanzieren. Jacobs Mama hat keinen Beruf und keine Freunde auf die sie sich verlassen könnte, nur wechselnde Liebhaber und einen Teilzeit-Job als Haushaltshilfe. Ihr Lohn reicht gerade mal für etwas zu Essen und vier Windeln pro Tag. Und vergangenes Wochenende hatte Jacob eine ausgewachsene Magen-Darm-Grippe... In unserer Kita hat Jacobs Mama inzwischen Schulden von über 40 Euro angehäuft. Das ist viel wenn man bedenkt, dass sie in der Woche nur etwa 15 Euro verdient. Sprich, wir brauchen nicht zu hoffen, dass sie dieses Geld je bezahlen kann. Die junge Frau liebt "ihren Dicken" zwar, denkt aber trozdem lieber an ihr eigenes Vergnügen. Ob das an ihrer trostlosen Situation liegt? Oder an ihrer eigenen mangelhaften Erziehung?

20.01.10

Unsere Kinder sind verhaltensauffällig

Anders kann man es kaum beschreiben. Zum Beispiel laufen sie nicht fort, wenn man sie wegen einer verbotenen Aktion zur Rechenschaft zieht. Statt dessen, noch schlimmer, argumentieren sie und begründen ihr Verhalten. Dabei ist doch der Satz "er will immer antworten" eine schwerwiegende Kritik an einem Kind. Dann grüßen sie fremde Leute auch nicht höflich, wenn sie gerade keine Lust dazu haben. Sie mischen sich gelegentlich sogar in die Gespräche Erwachsener und sagen ungefragt ihre Meinung. Sie hocken nicht ewig gelangweilt auf dem Sessel, wenn man den Fernseher ausschaltet. Joel verzieht sich manchmal in eine stille Ecke um zu lesen(!) und erklärte kürzlich der Mutter eines Klassenkameraden (wieder ungefragt), er sei so inteligent weil er wenig Fernsehen guckt. Ana vergißt nach dem Klobesuch manchmal, ihre Hosen wieder anzuziehen und erschrickt nicht, wenn sie jemand andrer so sieht. Martin fragte vorige Woche, warum sie kurz vor dem Mittagessen keine Süssigkeiten kriegen wenn wir doch immer sagen, dass Süssigkeiten nicht satt machen. Vor seinem letzten Geburtstag hat Joel zwei Mädchen aus der Gemeinde erklärt, er würde sie nur einladen, wenn sie nicht ständig miteinander streiten würden. Wenn sie sich selber Essen auf den Teller tun, wird er deswegen nicht übervoll. Statt nur zuzuschauen, fängt Joel im neuen Haus kurzerhand damit an, dem Fliesenleger als Handlanger zu helfen. Sie trauen sich Dinge zu, die sie noch nie gemacht haben. Martin fängt nach dem Aufstehen sofort an zu spielen und schaut eventuell erst nach Stunden, ob überhaupt jemand von den Eltern zu hause ist.
Gott sei Dank, sind sie nicht die Einzigen mit solch auffälligen Verhaltensmustern. Vielleicht ist es ja sogar eine wachsende Minderheit.

10.10.09

Zuwachs an Einfluß und Abbau von Macht

Irgendwie fällt mir das bloggen immer schwerer. Vielleicht bin ich nach zwei Jahren hier endlich in der Lage, den gelegentlich noch auftretenden Kulturschock zu bewältigen, ohne mir alles von der Seele schreiben zu müssen. Oder ich verliere zunehmend den Blick für die Diskrepanz zwischen unserem Alltag in Deutschland und hier, der ja das Schreiben gerade interessant machte. Manchmal denk ich auch, ich beschäftige mich mit zu Vielem, um mir Zeit zum Reflektieren zu gönnen - durchaus nicht ungefährlich, ich weiß. Vielleicht auch Faulheit...
Drei Infos muss ich jetzt aber unbedingt weitergeben.

1. Unsere Kinderbetreuung in der Kirche wächst kontinuierlich. Inzwischen gehen täglich etwa 20 Kinder ein und aus, obwohl wir kein Schild mehr an der Straße haben. Begeisterte Eltern werben besser. Schön ist besonders, wenn besorgte Eltern sich erst alles ganz genau anschauen, dann ihre Kinder bringen und nach einigen Wochen mitteilen, dass sie am Anfang ja sooo Angst hatten dass wir "Evangelischen" ihren Kindern eine Gehirnwäsche verpassen würden. Ein Polizist inspizierte Anfangs fast täglich jeden Raum, wenn er sein Kind abholte :-) Wenn sie dann merken, dass unsere ganze Indoktrination darin besteht, das jedem Respekt entgegengebracht wird, das vor dem Essen gebetet wird und wir versuchen, allzu vulgäres Reden einzudämmen, dann scheinen alle ganz begeistert. Hier ein paar Fotos von den Kindern:

Die wohlverdiente Siesta

Beim Mittagessen

Spielen auf dem Hof der Kirche



Überhaupt ist das mit sozialer Hilfe ja so eine Sache. Der Mann eines Gemeindegliedes will von "Christlich" nichts wissen. Mit Ausrufezeichen! Aber er sucht jemand, der ihm mit seinem Alkoholproblem hilft. Ich fand tatsächlich nur drei Optionen für ihn: stationäre Behandlung im staatlichen Suchtkrankenhaus, Blau-Kreuz-Treffen im Anschluss an die katholische Messe in Limpio selbst, oder Besuch bei einer Beratungsstelle die von evangelischen Kirchen getragen wird. Da stationär zu peinlich wäre und "christlich" nicht geht, gibt es niemand der ihm hilft.

2. Einen nationalen Feiertag nutzten wir zur Gemeindeversammlung. Zwei wie ich finde sehr interessante Ergebnisse: Die Kinderbetreuung bleibt "unser" Gemeindeprojekt. Es gab keinerlei Interesse, die wachsende Verantwortung an die finanzstarke Muttergemeinde abzuschieben. Statt dessen bieten Frauen an, gebratene Hähnchen und andere selbstgemachte Lebensmittel in der Nachbarschaft zu verkaufen, um Geld für die Tagesstätte zu sammeln. Dabei sind wir garnicht in Finanznot. Gute Entscheidung mit der ich in dieser Eindeutigkeit aber nicht gerechnet hatte.
Zweitens probieren wir in den nächsten 12 Monaten neue Leitungsstruktur. Statt das alles beim Pastor zusammenläuft, wird die gesamte Gemeindearbeit in 5 Abteilungen zusammengefaßt, die dann jeweils von einem Ehepaar hauptverantwortlich geleitet werden sollen: Verwaltung und Finanzen; Kinder und Jugend; Lehre und Besuchsdienst; Gottesdienste und Veranstaltungen; Fortbildung und Supervision. Hoffentlich sagen die Kandidaten die ich im Sinn habe, alle zu, da wir noch nicht sehr viele Glieder haben die schon länger als 6 Jahre Christ sind. Ich werde als Verantwortlicher für den Bereich Fortbildung und Supervision mich dann vor allem auf die Betreuung und Befähigung dieses Teams konzentrieren. Könnte spannend werden.

3. Ich hab zu Ende August 2010 bei der Missionskomitee der entsendenden Gemeinde gekündigt. Eine Bibelschule hat mich gebeten, eine Abteilung für Täufer- und Friedenstheologie aufzubauen. Da konnte ich einfach nicht nein sagen, obwohl es mir äußerst schwer fiel, die Gemeinde loszulassen. Vielleicht umso wichtiger, dass es geschieht. Glieder und Mitarbeiter unsrer jetzigen kleinen Gemeinde wollen wir aber bleiben. Wir wollen aus der Iglesia Evangélica Bíblica Costa Azul einfach nicht mehr weg! Und schließlich sind auch die Erfahrungen hier, die Geschwister und Freunde die wir gefunden haben grundlegend daran beteiligt, dass wir nicht wie Anfangs noch erwogen, nach 3 Jahren zurück nach Deutschland gehen werden.

26.12.08

Richtig gut

tat mir Heilig Abend als Kleinfamilie zu Hause!! Sinnvoll schöne Zeit mit den Kindern, viel Gespräch mit Leoni, das viel tiefer ging als das alltägliche "wer-macht-das?-machst-du-das?-wie-läuft-jenes?"


Mit fast traditioneller paraguayischer Krippe.

20.10.08

Vielleicht bin ich der Blinddarm...

Vielleicht ordnet ja das Schreiben mal wieder meine Gedanken und Gefühle. Wie immer war das Wochenende mal wieder der reinste Marathon. Am Samstag haben wir eingekauft für das Gemeinde-Mittagessen. Und Vorbereitung...
Zwei Jungs (11 und 13) brauchen dringend positive Beziehung zu einer Vaterfigur. Also kommen sie jetzt Samstag nachmittags normalerweise in die Kirche um dort für ein Taschengeld kleine Arbeiten zu tun. Ich leite sie an und arbeite etwas mit und versuche erstmal, irgendwie an sie heranzukommen. Wirken ein bischen wie Austern - sehr verschlossen - aber ab und an merkt man, das Vertrauen wächst. Schön! Immerhin haben die Eltern bis vor ein paar Wochen bei Fehlverhalten oft damit gedroht, der Pastor würde kommen! Früher hatte man dazu den Jasy jatere. So ändern sich halt die Zeiten
Gegenabend dann mit einem Jugendlichen gesprochen der am Mittwoch Kinderstunde leiten sollte und von dem ich dann keine Stunde vorher hörte, dass er es wegen des WM-Quali-Spiels von Paraguay lieber ausfallen lässt... Ich war nicht erbaut!! Die Kinderstunde fand trotzdem statt, weil eine der Angestellten der Kindertagesstätte spontan sagt: "Kein Problem, ich geh da mal schnell die 2 km rüber und schüttel mir ne Kinderstunde aus dem Ärmel!" Wahnsinn - hab ich nur gedacht und mich sehr bei ihr bedankt. Wir sind extrem spontan!! Ich weiß garnicht mehr, wozu man überhaupt noch Dinge planen sollte - es kommt sowieso alles!!! anders.
Aber eigentlich war ich ja beim Tagesablauf von Samstag...
Ab 18. Uhr Jugendstunde. Ich wollte sie eigentlich heftigst schimpfen, weil ich den allgemeinen Schlendrian, die Unzuverlässigkeit, das Viel-zuspät-oder-nur-manchmal-kommen und das demonstrative Desinteresse einfach nicht mehr ertrage. Nicht, das ich es persönlich nehme, aber meine eigene Zeit und die vom Jugendleiter würde ich lieber an 10 anderen Stellen einsetzen als mit Leuten, die nur ihre eigene Trägheit zusammenführt. Als ich die tatsächlich rechtzeitig erschienenen 4 Herren und 2 Damen dann vor mir hatte hab ich mich heftig gebremst. Ich will ja nicht jene Strafen die mitmachen... Es gelang dann, ein gutes und ziemlich ehrliches Gespräch darüber zu führen, was wir eigentlich mit der Jugendstunde wollen, warum, was geändert werden müsste. Bis hin zum Verteilen konkreter Verantwortlichkeiten, da diese dann hoffentlich auch mehr Identifikation und Engagement bringen. Wieder zuhause muss ich noch die letzten zwei Kassenberichte ins Reine tippen - unsere Kassiererin hat keinen Computer. Ich hab einen zweiten, den ich gern in die Kirche zur allgemeinen Verfügung stellen würde, aber ich hab Angst, dass dann wieder eingebrochen wird...

Samstag auf Sonntag wird die Uhr gestellt, also eine Stunde weniger Schlaf. Joel ist bei Freunden zum Übernachten geblieben. Die fehlende Dusche und die 2-Zimmer-Bretterbude scheint ihm nichts auszumachen. Freut mich sehr, dass er einfach nur die Menschen sieht und ihre Lebensumstände ihn nicht irritieren! Werdet wie die Kinder...
Morgens kurz nach 8 ist der Nachbarsjunge da um mit zu fahren - nach einem kleinen Frühstück. Unterwegs holen wir dann noch unseren alten Freund ab, der vergessen hatte seine Uhr zu stellen. Aber er ist eh schon seit 5 wach. Kurz vor 9 kommen die ersten Leute in die Kirche, viertel nach ist sie voll und wir beginnen - Tauffest!
Eine Teenie und ein Frau ("Juana") lassen sich taufen. Eine weitere Frau (früher in anderer Gemeinde getauft) wird ebenfalls als Gemeindeglied aufgenommen.
Über "Juanas" Entschluss freu ich mich ganz besonders. Sie hat sehr heftige Kämpfe mit einer Bewegung hinter sich, die offenbar zur Sekte mutiert ist und in ihrer Nachbarschaft versucht Leute davon zu überzeugen, dass sie sowieso zu schlecht für alles sind. Gott sei Dank ist das bisher keine sehr erfolgreiche Missionsstrategie. Aber es verwirrt Leute die nach Gott suchen und hält sie fern von ihm... Doch "Angst ist nicht in der Liebe". Und bei "Juana" war Gott sei Dank die Liebe stärker! Die Taufe ist für sie jetzt auch eine Absage an jenen anderen Geist. Gott helfe ihr!!

Direkt vor dem Anfang des Gottesdienstes steht ein Mann an der Straße der schon öfter Geld für sein verunglücktes Kind wollte das inzwischen gestorben ist. Ich hatte Zweifel an seinen Geschichten, wollte aber nicht vorschnell urteilen. Diesmal sag ich ihm, wir fangen gerade an, er soll doch reinkommen - wir können nach dem Gottesdienst reden.
Das Wasser im Taufbecken ist kalt. Die Taufe ist genial und macht - ehrlich gesagt - richtig Spaß, obwohl ich zugebe dass dies vielleicht kein angemessenes Kriterium zu ihrer Beschreibung ist. Aber wenn Gott wirkt, wenn wir sehen wie er uns verändert und die Gemeinde zusammen seine Gegenwart feiert, dann ist und tut das einfach nur gut!
Als der Gottesdienst zu Ende ist wird Mittag gekocht: Herrlich dicke paraguayische Nudeln (Tallarines) und Fleischsoße! Salate, Mandioka und Obst für den Nachtisch haben die Leute mitgebracht, Fleisch und Zutaten wurden von der Gemeindekasse gekauft. Die Stimmung ist richtig gut und wir feiern begeistert!

Ich spreche neben vielen andern auch mit dem Mann der eigentlich nur um Geld bitten kam und den der Gottesdienst jetzt schon 2 Stunden aufgehalten hat. Er muss angeblich heute noch nach Buenos Aires wo diesmal seine Frau mit einem Herzproblem im Krankenhaus liegt. Das Geld was ich ihm geben will, reicht da nirgends hin. Endlich liefert er mir einen Hinweis, wie ich seine Geschichten prüfen kann, ohne ihm Hilfe zu verweigern. Ich biete an, ihn zur Bushaltestelle zu bringen - dreiviertel Stunde Fahrt mit dem Auto - und ihm dann dort das Ticket nach Buenos Aires zu kaufen. Er findet verschiedene Gründe warum das nicht geht aber wir machen aus, wenn er will wird er in einer Stunde wieder da sein. Er ist auch nach fast 2 Stunden noch nicht da - so wie ich es eigentlich erwartet hatte. Das bestätigt meine These, dass man die Ehrlichen von den Unehrlichen leicht unterscheiden kann, sobald man bereit ist nicht beim "Geld-geben" stehen zu bleiben, sondern direkte Mithilfe anbietet. Ich bin sicher, er wird es noch ein paarmal versuchen, aber Geld geb ich ihm jetzt nicht mehr so leicht und die Hilfe die ich ihm statt dessen in Zukunft anbieten werde wird er wahrscheinlich nicht annehmen. Um das herauszufinden wird er mich wohl nach einiges an Zeit kosten - aber die scheint mir so nicht schlecht investiert.

Nach dem Mittagessen fahren wir nach Hause und ich mach schnell meinen Monatsbericht für die aussendende Gemeinde fertig. Die Siesta fällt diesmal aus. Nachmittags Planungstreffen der Pastoren von 5 Gemeinden die eng zusammen arbeiten. Schriebe ich nicht das Protokoll, müsste ich befürchten einzuschlafen. Leoni bleibt mit den Kindern zu Hause. Als ich kurz nach 19 Uhr nach Hause komme, bin ich nur noch fertig. Um halb 10 sind endlich die Kinder alle im Bett und Leoni und ich können noch ein paar Worte wechseln, bevor wir auch in den Schlaf sinken. Und heute klingelte um 5:30 der Wecker - die Kinder müssen fertig gemacht werden für die Schule. Dabei sind wir noch alle viel zu fertig für irgendwas. Kurz nach 6 ein Anruf. Eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Ihr Bruder wohnt bei ihr im Haus. Ob ich nicht mal mit dem Bruder reden kann der vorige Nacht wieder sturzbetrunken nach Hause kam. Die Frau ist den ganzen Tag auf Arbeit und kann mich daher nur jetzt anrufen. Der Bruder hat die Kirche bisher strikt gemieden. Am liebsten würde ich sarkastisch zurück fragen: "Bin ich Jesus?" Ich spür nur zu genau, auf Schritt und Tritt, dass ich es nicht bin. Aber im Zusammenhang mit der gestrigen Taufe hab ich noch schön theologisch davon gesprochen, dass Jesus uns nach seinem Vorbild verwandeln, uns "bilden", will und das wir Glieder am Leib Christi sind, also vielleicht eine Hand oder ein Finger oder eine Kniescheibe Christi. Vielleicht bin ich ja der Blinddarm: Man kann Mist darin ablagern und kein Mensch weiß, wozu er gut ist. - Ne das klang jetzt demütiger als ich bin... Sollte auch in erster Linie lustig sein.

Ich sitze also, still vor mich hin leidend am Frühstückstisch, als völlig unvermittelt unser vierjähriger Martin seinen Mund auftut und mir Gottes Wort sagt. Zur Erklärung: Im Reliunterricht im Kindergarten haben die Jungs Bibelverse auswendiggelernt. Nicht so mein Stil aber hier absolut üblich. Es gab einen Wettbewerb für den unsere Jungs eifrig gepauckt haben und ich muss sagen, es macht ihnen richtig Spaß! Daher wiederholen sie die Verse auch zu jeder passenden und unpassenden Zeit. Sogar Ana bettelt darum, dass sie Verse wiederholen will.

Martin hatte schon immer die Gabe mit einem Zitat scheinbar willkürlich genau die gegenwärtige Situation in Worte zu fassen. Nun sitze ich da am Tisch und blase Trübsal und Martin, anstatt sein Brot zu essen, sagt auf Spanisch: "Jesus sagte: Meine Seele ist sehr traurig. Betet!" Ich vermute mal, dass das Markus 14,34 sein soll.
Mir fällt dazu eigentlich nur noch ein »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«.
Aber statt weiter zu schreiben sollte ich wohl lieber mal tun, was mein Sohn mir sagt.

02.10.08

Zeloten

"Meine Kinder benutzen keine Schimpfworte!!" erklärt eine Mutter mit dem Nachdruck geheiligten Mutterstolzes.
"Und wenn in der Schule andere Kinder Schimpfworte benutzen, dann schlagen meine Kinder sie!!!"

Na dann hat es ja geklappt mit der Erziehung zu christlichen Werten. Tja,...

02.09.08

Sich näherkommen

ist nicht immer wünschenswert, vor allem wenn dabei gewisse Grenzen überschritten werden, wie zum Beispiel die blecherne unseres Autos. Gott sei Dank !!! war Leoni erst auf dem Hinweg zur Schule um die Kinder abzuholen, so dass außer ihr niemand im Auto war, als ein Hilux Fahrender Anwaltscowboy die nasse Fahrbahn unterschätzte und seine Stoßstange in unserem Kofferraum wiederfand.
"Wir haben so wenig Kontakt zu unseren Mitmenschen, dass wir ständig ineinandercrashen müssen um uns überhaupt gegenseitig zu spüren." So ähnlich formuliert es doch mein Lieblingsfilm "L.A. Crash".
Leoni war Gott sei Dank!!! angeschnallt, so dass sie zwar Genickschmerzen und vom Gurt eine Schürfwunde am Hals davontrug, aber keine Kopfverletzung. Die oftmals unangeschnallten Kinder die wir von der Schule zu ihren Eltern bringen wären ganz schön durch die Luft geflogen. Ab heute werden wir es beim Anschnallen wieder genauer nehmen. Das Auto machte durch den Schlag eine Drehung von fast 180 Grad.

Gut dass wir versichert sind. Der Cowboy entschuldigte sich und nahm die Verantwortung auf sich, wollte uns aber partout von einer Meldung bei der Versicherung abhalten und rieb Leoni dazu ständig seinen Dr., seinen Anwaltsberuf und seine besondere Vertrauenswürdigkeit als Familienvater unter die Nase. Zum Glück ist Leoni auf die Art nicht zu beeindrucken! Da unser Modell hier ziemlich selten ist, wird die Reparatur ein Schweinegeld kosten...

Ana, die Gott sei Dank!!! zu Hause geblieben war, schaute später das Auto an und sagte nur: "Auto bacala -- glaub ich!" (bacala = in Paraguay Kindersprache für "eklig", ähnlich verwendet wie "beäääähh"). Wo sie recht hat, hat sie recht.

28.08.08

Ja, ich bin!

Rund 8 km von uns entfernt liegt ein extra großer Supermarkt. Wir erledigen unsere normalen Wocheneinkäufe meist wo anders, kommen dort aber doch immer wieder mal vorbei da das Brot sehr gut ist und einige Preise günstiger als in den vielen andern Märkten zwischen hier und dort. Beim Einkauf muss man an der Kasse jeweils seine Steuernummer angeben, falls man einen offizielen Kassenzettel haben will. Sprich, für die offiziele Gemeindebuchführung brauche ich im Normalfall offiziele Zettel. Wenn bei den größeren Supermärkten eine schon mal gespeicherte Steuernummer eingetippt wird, erscheint gleich der dazugehörige Name. Als ich nun kürzlich allein(!) in diesem Super etwas für die Gemeinde eingekauft habe und der Name "Iglesia Evangélica Bíblica Costa Azul" auf dem Display erscheint, fragt mich die Kassiererin: "Bist du der Vater von Ana?"
Ich gestehe ziemlich perplex, das dem so ist. Der Kirchenname reichte der guten Frau offensichtlich, um sich wieder an diese außergewöhnliche, unglaubliche, blonde, verwöhnte und bildhübsche Göre zu erinnern, deren Vater zu sein ich die Ehre habe. Tja...

12.08.08

Fotos






Ich weiß, manche von Euch warten schon ganz schrecklich auf Bilder! Unsere Digitalcamera scheint leider kaputt zu sein... Aber hier mal einige Fotos die unser Besuch gemacht hat...

und die andern beiden




19.07.08

Widersprüchlich

Martin (4) ist nicht erbaut, dass Papa am Abend wieder weg muss und erklärt Joel (5): "Der Papa muss immer tun was die Gemeinde sagt."

Joel: "Nein! Die müssen tun was Papa sagt."

03.06.08

Cowboyschaft

Martin hört verwundert, dass Zebras mit Pferden verwandt seien. Er schaut seine Playmobilcowboys an und schlußfolgert: "Wenn also einige Cowboys auf Pferden reiten und einige auf Zebras dann ist das eine verwandte Cowboyschaft."

Was der Schaft da wieder zu suchen hat...?

15.05.08

Berühmte erste Worte

Ana hat ihre erste Geschichte erzählt - zumindest die erste die ich gehört hab. Ging so:
Mama
Auto
fahren
Joel
auch
Mamatsch (Martin)
Schuuuule

Am Stil wird man noch arbeiten müssen, aber für 1 Jahr und 7 Monate nicht schlecht! (Stolz!!!!)

03.05.08

ausverkauf

Ich weiß, ich weiß, wer nichts schreibt wird auch nicht gelesen. Bekenne mich also schuldig im Sinne der Selbstanklage, zu wenig hier zu schreiben. Muss noch üben, das Chaos in meinem Kopf so zu sortieren, dass es lesbar ist.

Heute ist ein großer Tag. Wir baten unsere aussendende Gemeinde im Chaco um Spenden gebrauchter Kleider, Schuhe und anderer Sachen, um sie hier bei uns supergünstig zu verkaufen. Die Reaktion war umwerfend: Viele begeisterte Kommentare, dass sie endlich etwas konkret für die Mission tun können und 3 (!) Pickups voller Kisten und Säcke. Wir sind jetzt besser ausgestattet als ein mittlerer Gemischtwarenladen. Zum Teil funkelnagelneue Sachen. Also, die eine Seite des Deals ist begeistert.
Nachdem Leoni tagelang Zeug verpreist hat, ist heute erster Verkaufstag. Gestern Abend haben sich die ersten Gemeindegliederinnen nach der Gebetstunde in den Vorratsraum geschlichen und die besten Stücke schon mit "reserviert" Schildchen versehen. Ich bin sehr !!!! gespannt wie es weitergeht.

Die Leute sollen Dinge zu Preisen kriegen, die an ihrer Zahlungsfähigkeit Maß nehmen. Das Geld geht für die Sozialkasse der Gemeinde. Wichtigstes Projekt das wir damit nun finanzieren werden sind die ersten zwei Probemonate einer privaten Kindertagesstätte. Zuviele Kinder bleiben stundenlang allein zu hause, zu viele Mütter können nicht arbeiten obwohl sie es finanziell gesehen absolut dringend müssten. Aber um es nicht gleich mit allen bürokratischen Hürden aufzunehmen müssen wir im vertrauten Gemeindekreis anfangen und da sind wir mit 5 bis 7 Kindern zuwenig, als dass es sich gleich wirklich trägt. Also soll der Verkauf den fehlenden Zuschuss von 5 bis 7 Euro pro Woche liefern.

Nach zwei Probemonaten hoffen wir, die Tagesstätte legalisieren und damit dann vergrößern zu können. Denn abgesehen von unserer Mithilfe sollte sie sich ab 10 Kindern selber tragen und dann ist sie locker für 15 bis 20 Kinder erweiterbar. Die Infrastruktur haben wir fast vollständig, zumindest nach paraguayischem Maßstab. Und eine warme Dusche einzurichten wird sich die Gemeinde schon noch leisten können.

Nächste Woche kann ich vielleicht ein paar Fotos dazustellen...

Mein Kopf ist so voller Ideen... Manchmal wäre ich gern etwas stetiger, um mehr davon umsetzen zu können

07.11.07

bin wieder hier

in meinem E-Revier. Endlich alles eingerichtet, Internetanschluss perfekt, fühl mich sofort ein Stück mehr zuhause. Freu mich riesig!! Nach so langer Abstinenz muss ich mich erst wieder ans bloggen gewöhnen und sortieren, was ich jetzt noch alles schreiben will (und was nicht!)




Auf den Bildern sieht man, in welch idylischem Viertel wir wohnen. Fast wie im Film. Nun ja, wie im Film fühlt man sich schon manchmal. Ob im richtigen oder falschen muss sich noch zeigen.
Aber es geht uns gut. Nicht immer, nicht mit allem, aber gut.

Die meisten Möbel haben wir schon aufgebaut und fast alle Kisten ausgepackt - außer den etwa 40 Bananenkartons mit Büchern. Die Jungs haben mit ihren Spielsachen Wiedersehen gefeiert, vor allem Joel mit seinen Playmobil. Er baut die tollsten Szenen auf, und wehe jemand verschiebt etwas! Martin ist manchmal die Pipi Langstrumpf, manchmal ein Schäferhund aus "Ein Schweinchen namens Babe" oder er verwandelt sich in Harry Bollwanz aus "Lauras Stern" - und wer ihn dann beim falschen Namen nennt, der riskiert wutentbranntes Geschrei!

Nicht nur die Gemeinde ist sehr jung, auch der Altersdurchschnitt in der Gemeinde ist sehr niedrig (so wie in der ganzen paraguayschen Gesellschaft). Es gibt kaum ältere Leute, dafür aber jede Menge Kinder und Jugendliche. Wenn sich fünf Frauen zum gemeinsamen Singen treffen, sind auch mindestens zehn Kinder dabei.

Eher nach falschem Film kam es uns vor, als kürzlich an einem Mittag nacheinander Telefon, Wasser und Strom ausfielen. An unsere schon fest installierte Siesta war bei den Temperaturen ohne Ventilator nicht zu denken... Da wäre ich am liebsten ausgerissen. Aber inzwischen wissen wir, dass sowas meist bald wieder vorübergeht. Wenn ich hier dann andere Leute sehe die ohne fließend Wasser auskommen... Ein Handy hat dafür (fast) jeder.

07.06.07

Tirol gemischt

Schöne Ferien in Tirol, im Alpbachtal gehabt! Trotz oder gerade wegen gemischter Wetterlage. Wenn man plötzlich viel Zeit für die Kinder hat, fragt man sich manchmal, wo denn nun die erhofte Erholung bleibt. Aber am Ende dann doch die Erkenntnis: Ich habe mich erholt, sogar prächtig. Schon merkwürdig das! Die Höhepunkte aus Sicht der Kinder waren der verregnete Tag an dem wir einen von zu Hause mitgebrachten Dinofilm geschaut haben, das Hallenbad gegenüber, das Silberbergwerk und die Bergbahnfahrten. In dieser Reihenfolge! Die interessante lange Wanderung wird in Erzählungen kaum erwähnt.

Einen Tag hab ich versucht in einem Haiku zusammenzufassen:

mit Kind heißt gehen
über Steinchen stolpern und
auf Berge fliegen

Das Essen im Restaurant des Hallenbades war erstklassig. Das pflichtbewußte Wiener Schnitzel in einer Jausenstation, wo angeblich schon Kaiser Franz und seine Sissi genächtigt hatten, war dagegen mehr Pflicht als bewußt. Na Bravo!

26.05.07

"Für Gott und für Ana"

Wir haben aus der Kinderbibel von den Richtern gelesen. Begeistert hat unsere Jungens vor allem der Schlachtruf mit dem die Israeliten gegen die Moabiter vorgehen "Für Gott und für Gideon!"
Am übernächsten Tag ziehen die Beiden über den Hof und schreien lauthals: "Für Gott und für Ana, für Gott und für Ana". Da haben wir wohl eine neue Richterin...

22.05.07

Die Kunst kreativen Verhörens

Das ist der Untertitel eines Buches mit der schönen Zeile aus Claudius "Der Mond ist aufgegangen" als Titel: "Der weiße Neger Wumbaba"
Nach langer Zeit gab es bei uns mal wieder Baguette. Martin (3) hört uns reden und sagt bewundernd: "Das ist aber ein langer Spagett."

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