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16.08.10

Bauern und Heilige

Gestern waren wir auch Nachmittags auf dem Kirchhof. Gardinen wurden genäht und es wurde aufgeräumt, damit wir einen schönen Raum haben, unsere neue Volksbibliothek einzurichten. Es wurde gemessen und gemalt an einem Plan für einen selbstgemauerten Backofen mit anschließender Kochplatte und großem Grill. Das Ding wird der Hammer - wenn es klappt! Der Gemeindebruder mit dem ich gemeinsam plante, überraschte mich mit einem der merkwürdigsten Zeugnisse die ich je gehört habe: "Früher glaubte ich immer, man müsse unbedingt in der Stadt wohnen und Arbeiten gehen. Durch den Glauben hab ich gelernt, dass ich auch außerhalb auf dem Land leben könnte und Tiere halten und mich so selbst versorgen."

Abgesehen davon, dass gerade dieser Mann sehr weit davon entfernt scheint, sowas jemals wirklich zu machen - wie kommt er auf diese Erkenntnis? Ich bin mir ziemlich sicher, nie etwas in diese Richtung gepredigt oder gelehrt zu haben und mir fällt auch niemand ein, von dem er das haben könnte. Ist das aufkeimendes Verständnis für einfachen Lebensstil? Ist das Genügsamkeit oder sogar - Gelassenheit? Aufbrechende Skepsis gegen die schalen Versprechungen unsrer gehetzten Konsumgesellschaft? Oder interpretiere ich das alles viel zu positiv und es verbirgt sich nichts dahinter als die Hoffnung auf ein gemütlicheres oder gar fauleres Leben? Oder gibt es vielleicht so etwas wie ein theologisches Erbgut und es äußert sich hier plötzlich ein rezesives Mennonitengen? ;-)
Immerhin hat er mit Holzresten einen ganz guten Hühnerstall gebaut der inzwischen von 16 Hühnern bewohnt ist. Auf jeden Fall ein Fortschritt in Bezug auf seine Eigeninitiative und erfreulich in punkto Selbstversorgung. Auch "Walden" und "Das Leben auf dem Lande" scheinen etwas mit Christsein zu tun zu haben. Zumindest letzteres wird in Spanisch jetzt bald in unsrer Bibliothek ausleihbar sein. Nochmal bestätigt in Bezug auf die Bibliothek hat mich dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie.

13.04.10

Vom Tod zum Leben

Samstag Vormittag wurde Else Wiens begraben, die Frau meines Vorgängers in der Gemeinde Costa Azul. Vor über 2 Jahren wurde bei ihr Krebs der Bauchspeichelddrüse diagnostiziert, mit einer Lebenserwartung von höchstens einigen Monaten.
Mich hat die Trauerfeier tief berührt. Ihr Mann hat sehr geweint und wir mit ihm. Jeden Tag hat er ihr in den letzten 3 Krankenhausmonaten mit einer Morgen- und einer Abendandacht gedient und hat vor der Tür die vielen gutmeinenden Besucher abgefangen, die sie nicht mehr empfangen wollte. Diese letzte Gemeinde fehlt ihm jetzt. Und zwischen allem Weinen war die Freude zu spüren, dass eine langjährige Kämpferin vom Tod zum Leben durchgedrungen ist. Über 40 Jahre Missionsarbeit, etwa 20 Gemeinden mitgegründet die heute noch bestehen, 4 Kinder deren Namen man teilweise in ganz Paraguay kennt - ein sehr ertragreiches Leben! Und bei aller Trauer fehlte es nicht an lustigen Bemerkungen, als dem einen Enkel sein Handy ins Grab fällt. Alles in allem ein hoffnungsfrohes, zukunftsorientiertes Begräbnis mit tollen Osterliedern.

Samstag Abend fand in unsrer Kirche die Feier zum 15. Geburtstag eines Teenies statt. Für die jungen Damen wird zu diesem Anlass ein riesiges Fest inszeniert, dass streckenweise wie eine Hochzeit abläuft, nur ohne Bräutigam. Dafür aber mit Tischschmuck, rituellem Walzer, riesiger Torte und in Galakleidern. Da drängt sich schon der Gedanke auf, ob kirchliche Hochzeit vielleicht so unwahrscheinlich ist, dass man einfach das entsprechende Fest schon im voraus feiern muss. Interessanterweise gehen die Jungs leer aus.

Sonntag lief auch super. Erst gutbesuchten Gottesdienst, dann Mittagessen am andern Ende der Stadt anläßlich eines andern Geburtstags und Nachmittags Sitzung unseres neugegründeten Leitungskreises. War bis Anfang Jahr der Pastor immer allein für alles verantwortlich, so treffen wir uns jetzt monatlich als 5 Ehepaare und beraten miteinander. Das tut mir unheimlich gut! Ich bekomme mehr Rückmeldung und auch Rückendeckung, die Aufgaben können schneller verteilt werden und endlich fangen mehr Leute an mit mir auf gleicher Ebene zu reden statt nur auf Befehle zu warten. Das tut gut!

26.05.09

Pastoren sind auch nur Cowboys - irgendwie

Am 15. Mai feierten wir unsere Unabhängigkeit von Spanien. Als Familie nutzten wir das lange Wochenende um meine Eltern im Chaco, 450 km entfernt, zu besuchen. Genaugenommen hatten wir so die Gelegenheit, auf der Estancia meines Vater an der Markierung der Rinder teilzunehmen, die im letzten Jahr geboren wurden.
Die Brandzeichen setzen ist zwar nicht jedermanns Sache, aber ehrlich gesagt hat es mir Spaß gemacht. Es war aber auch das erstemal, dass ich selber Hand anlegte. Immerhin gehören uns dank einer Erbschaftsvorauszahlung meines Vaters inzwischen von jedem Rind 10 Prozent...

Ich fürchte zwar, dass einige Vegetarier und Radikalrevoluzer aufgrund solcher Fotos sich jetzt endgültig von diesem Blog abwenden, aber warum soll ich meine "fleichsfressende Kapitalistenseite" verschweigen. Die andern Arbeiter frozelten ausgiebig, wo denn der Unterschied wäre zwischen meiner sonstigen Arbeit als "Pastor" und der eines Rinderhirten. Nicht so groß wie es auf den Fotos scheint, würde ich sagen. Aber ich arbeite doch langfristig lieber mit Menschen statt mit Kühen. Und etwas gewaltfreier... (grins!)

Wer aber bisher geglaubt hat, unser Leben hier wäre reiner Altruismus oder uns gar als "Speerspitze des Gutmenschentums" bezeichnete, den muss ich jetzt also enttäuschen.

Das ist für mich heimatliche Landschaft


Auf der Estancia angekommen, begutachtet man sich gegenseitig




Das Cowgirl


und die Cowboys




So sieht das also aus, wenn man jemandem sein Stempel aufdrückt.


Auch unser deutscher Austauschschüler wird markiert. Von ihm sind übrigens all die andern Fotos dieses Posts.


Das Ergebnis:


Danach gibt es für Martin Reitunterricht auf seinem Cousin

14.04.09

Robert negativ - Robert positiv 1

Ich bin ein bisschen schizophren. Oft seh ich nur das negative und muss mir das positive dann selber erst bewußt machen. Es sollen beide zu Wort kommen. Darf ich vorstellen - Robert negativ:

Die "Heilige Woche" war enorm anstrengend. Die Kinder hatten die ganze Woche frei aber ich wollte keinen Ausflug machen, solange das ewige Geklapper an den Vorderrädern des Autos nicht diagnostiziert oder behoben war.
Nach dem letzten Aufenthalt in einer Reperaturwerkstatt war nur mein Geld weg, nicht das Klappern. Diesmal, in anderer Werkstatt, wurde beides weniger. Erst Dienstag Gegenabend ist klar, dass wir wahrscheinlich (!) ab Mittwoch für eine Nacht in Urlaub fahren. Ich fahr von der Werkstatt so schnell wie möglich nach Limpio, denn wir haben mit Ach und Krach noch den Filmabend von Mittwoch vorverlegt.
Obwohl der Film für Erwachsene angekündigt war, kamen nur zwei. Die Filmqualität war besch...eiden und zu aller Peinlichkeit hatte ich noch die Leinwand vergessen.

Unser Gesangleiter fiel schon am Palmsonntag aus, weil er erst etwas mit seinem Vater zu regeln hatte und ich muss mit ihm noch ein ernstes Wörtchen reden. Also nach dem Film direkt zu ihm.

Eine Schwester muss mich unbedingt noch sprechen. Mittwoch morgens nehm ich mir noch eine Stunde - wir wollen ja in Urlaub fahren - doch statt um die schreienden Eheprobleme geht es nur um alte Schulden die aus lauter Dummheit ('tschuldigung) entstanden sind. Wie kann man auch als Gehaltsvorschuss (!) akzeptieren, dass die Cheffin einem ihren goldnen Fingerring ausleiht um ihn zum Pfandleiher zu bringen!! Natürlich kommt das Paar weder zu den monatlichen Ehetreffen noch haben sie den kürzlich durchgeführten Finanzkurzs mitgemacht. Selbst Schuld!

Wir haben alles gepackt, zwischendrinn per Handy noch einige Vorbereitungen für die Gottesdienste organisiert und sind um 12 Mittags gefahren. Nach fast 300 km, davon 30 grauenhaften Erdweg kommen wir an einen netten Campingplatz. Leider ist der Sand überall mit Kohlen von früheren Feuern versetzt und die Kinder werden beim Spielen ständig schwarz!

Am Donnerstag Vormittags strömen Massen an Urlaubern auf den Campingplatz. Wir packen so schnell es geht alles zusammen und hauen ab. Trotz Sonnencreme hab ich mir einen schmerzaften Sonnenbrand geholt. Die letzte Strecke im Dunkeln mit viel Gegenverkehr ist sehr anstrengend. Wir sind alle totmüde als wir um 7 daheim sind und müssen noch einiges Aufräumen und ich schreib Predigt bis nach Mitternacht.

Am Freitag im Gottesdienst nur etwa 40 Leute. Den Gesang leite ich mit Ach und Krach, den der Gesangleiter hat keine Zeit gefunden, um mit seinem Vater zu reden. Er wohnt aber zuhause... Na gut, zu Karfreitag mag unsere traurige Vorstellung ja passen. Nachmittags schlafen und dann die beginnt der große Vorbereitungsmarathon.

Freitag Abend und Samstag den ganzen Tag sitze ich am PC um die Gebetswache von Samstag auf Sonntag irgendwie zu organisieren. Hab sowas auch noch nie gemacht. Mittagschlaf klappt leider nicht. Um 8 Uhr Abends geht es los. Nachdem der Gesangsleiter um 7 immer noch nichts von sich hat hören lassen, sing ich wieder vor mich hin und alle andern hinterher. Das Lob überzeugt vielleicht einige, mich nur halb. 12 Stunden Programm und die meiste Zeit davon steh ich vorne und frag mich manchmal, ob ich hier jetzt nur noch Show mache oder was dies alles ist. Der Teufel wird zum Dauerkomentator in meinem Kopf. Ich werde immer müder, als erstes fällt mein Sprachzentrum aus, bzw. mein spanischer Wortschatz wird immer kleiner, die Sätze stockender und langsamer, ich schleppe mich irgendwie durch die Nacht und hoffe auf Wunder. Zwei der 8 Einheiten waren von jemand anderem vorbereitet worden. Einen davon übernahm ich auch noch, da Probleme aufbrechen, die es einigen Geschwistern verunmöglichen weiter voll mitzumachen, geschweige denn etwas zu leiten. Mein Glaube nähert sich zeitenweise gefährlich dem Gefrierpunkt. Erst fast zwei Tage später wird mir klar, dass die eine Person konkret um Fürbitte gebeten hat und wir dort nicht für sie gebetet haben. Sehr übel!! Um 5 ist alles geplante gesagt, gesungen und getan und ich muss improvisieren um die Zeit bis zum allgemeinen Gottesdienstbeginn um 7 zu überbrücken. Ich weiß, dass ich viel zu viel selbst gemacht habe und hab jetzt den Beweis, dass ich wirklich schlecht delegiere. Frust!!

Am Sonntag Morgen um 7 kommen nur wenig Leute dazu die nicht schon Nachts da waren und wir stottern uns immer noch acapella durch einige halbbekannte Lieder. Inzwischen muss ich mich richtig am Riemen reißen um nicht nur noch wütend auf den Ex-Gesangleiter zu sein. Die Jugendlichen die Darstellung einiger Szenen um Tod und Auferstehung eingeübt. Was ich in meiner kurzen Meditation danach gesagt habe weiß ich selber kaum noch. Mein ganzes Gehirn ist nur noch ein stammelndes Flehen, dass alles irgendwie vorübergeht, ohne dass ich großen Schaden anrichte.
Wir essen gemeinsam Frühstück, Leoni fährt nach Hause und wir schlafen von 10 bis 15 Uhr. Keine Ahnung was die Kinder in der Zeit machen. Danach zu meiner Schwester die uns eingeladen hat. Als wir ihr Haus betreten, fällt mir angesichts eines großen Blumenstraußes mit Entsetzen ein, dass sie irgendwann dieser Tage Geburtstag hat und das wohl auch ein Grund für die Einladung war. Ich gratuliere ihr nachträglich um dann festzustellen, dass es genau heute ist. Ein Königreich für ein Mauseloch! Als wir um 23 Uhr wieder zuhause sind und die Kinder ins Bett fallen, verwickel ich mich mit Leoni in eine unglückliche Diskussion voller Mißverständnisse. Die ständigen Eheprobleme von denen wir umgeben sind, scheinen abzufärben.

Wer bis hierher durchgehalten hat, den bitte ich jetzt auch den zweiten Teil zu lesen, der genauso wahr, aber irgendwie völlig anders war, auch wenn beide gleichzeitig abliefen. Wie zwei Spuren bei einer Tonbandaufnahme.

Robert negativ - Robert positiv 2

Und hier kommt Robert positiv:

Da wir vergangene Woche nicht zur Schule fahren mussten, war dies eine der wenigen Gelegenheiten, das Auto in die Werkstatt zu bringen. Am Dienstag war alles ein bisschen eng, da noch jede Menge Dinge erledigt werden mussten, aber ich konnte das Auto tatsächlich schon Gegenabend abholen. Und ich schaffte es sogar noch, uns beim Campingplatz anzumelden, da man ohne Anmeldung dort nicht hereingelassen wird.
Bei dem Film den wir Abends in einem von der Kirche etwas entfernten Stadtteil zeigten, kamen zwar nur zwei der eingeladenen Erwachsenen, aber dafür etwa 40 Kinder - doppelt soviele wie sonst hier in letzter Zeit. Alle schienen begeistert von dem Inhalt des schon etwas alten Films und die Hausbesitzer stellten aus ihrer Tischdecke eine voll funktionstüchtige Leinwand her.
Danach hatte ich noch ein Gespräch mit unserem Gesangleiter, dass schon längst hätte sein müssen. Ich konnte dabei einiges ansprechen, was ich mich aufgrund seiner Unnahbarkeit nie vorher getraut hatte. Endlich gibt er zu, dass auch er Hilfe brauchen kann und wir verabreden, stärker als bisher gemeinsam zu arbeiten.

Am Mittwoch fuhren wir genau nach plan Mittags los, trotz verschiedener unerwarteter Dinge, die alle noch vorher erledigt werden konnten. Gut dass wir uns von dem Stress nicht die Laune verderben ließen. Joel und ich unterstützen uns in letzter Zeit gegenseitig im Kampf gegen die beiden Riesen "Wut" und "Schlechte Laune". Das hilft uns offensichtlich beiden.

Der 24-Stunden-Urlaub ist unglaublich schön. Wir landen auf einem Öko-Zeltplatz und sind fast allein da. Direkt an der Lagune ist der Sand richtig weiß und so fein, wie es ihn am Meer nie gibt. Zum Abend und zu Mittag lassen wir uns von den Besitzern bekochen: einfache, gute paraguayische Küche mit Nachtischen wie Milchmais, Milchkaramelcreme mit gemahlenen Erdnüssen und Süßkartoffelgelee mit Käse. Unter mächtigen Bäumen liegen wir im Schein des Vollmonds (der Platz ist nicht beleuchtet) und ich erzähle den Jungens eine Fantasiegeschichte aus der Zeit, als diese Bäume noch reden und gehen konnten. Erst um Mitternacht wird es kühl. Die Wolken fliehen zum Mond und verdampfen wenn sie ihn berühren. Morgens steig ich aus dem Zelt direkt in einen wunderschönen Sonnenaufgang. Da man neuerdings hier auf dem Boden kein Feuer mehr machen darf, hat uns die Besitzerin ein Gerüst ausgeliehen, auf dem wir unseren Mate kochen. Traumhaft! Eine Fahrt im Ruderboot rundet das ganze ab. Als am Donnerstag die Urlauberwelle hereinbricht, verschwinden wir schnell und sind rechtzeitig zur Nacht zu Hause. Den Zeltplatz kann man nur empfehlen. Er ist zwar teuer, aber es lohnt sich. Wir kommen sicher wieder.

Karfreitags ist Morgens Gottesdienst. Das ist für unsere Gemeinde noch etwas ungewohnt. Trotzdem kommt eine gute Gruppe zusammen und wir feiern gemeinsam. Der Gesang ohne Gitarre klappt ganz gut.

Der Samstag besteht fast nur aus Arbeit unter Zeitdruck. Das ist nicht schön, aber ich freu mich auf die 12 Stunden gemeinsame Zeit mit der Gemeinde. Es sind erstaunlich viele Leute dabei, im Durchschnitt fast 40. Die Kinder machen in den hinteren Räumen eine große Schlummerparty, die Erwachsenen lassen mit vielen unterschiedlichen Gebetsformen keine Langeweile aufkommen. Durch die Nacht begleitet uns da Vaterunser. Wir bitten für Menschen und konkrete Probleme aus aller Welt, wir beten für Limpio und als wir zur Bitte ums täglich Brot kommen, backen wir gemeinsam Chipa, das traditionelle paraguayische Essen für diese Woche. Alle formen einige der Käse-Stärke-Brötchen in die lustigsten Figuren. Danach feiern wir gemeinsam Abendmahl, bringen unsere Lasten zum Kreuz und waschen uns zum erstenmal in dieser Gemeinde gegenseitig die Füße. Die Stimmung ist unerwartet gut, die Leute lassen sich auf Neues ein. Wir werden viel offener als gewöhnlich und Leute fangen an, Masken fallenzulassen. Das bringt manche Probleme ans Tageslicht, aber darin liegen auch Chancen. Das eine Ehepaar ist sichtlich angerührt davon, dass auch andere Ehepaare Probleme haben und so iel offener damit umgehen. Ich hatte das Gefühl, dass meine häufige Aufforderung, gerade mit Problemen in die Gemeinde und zu Jesus zu kommen, jetzt vielleicht endlich von einigen verstanden wurde, die sich das vorher einfach nicht vorstellen konnten.

Als wir zu früh mit allem vorbereiteten fertig sind, lege ich Postkarten aus, die ich - Gott sei Dank - aus irgend einem merkwürdigen Impuls heraus mitgenommen habe. Jeder sucht sich eine aus zu der Aussage: "Mein Glaube/meine Beziehung zu Gott ist wie ...." Danach zeigen wir der Reihe nach unsere Karten und sagen kurz etwas dazu. Der Effekt ist enorm. Die Symbolkraft der Bilder kommt viel besser an als gedacht. Manche werden sehr persönlich. Wir freuen uns an der Vielfalt, Glauben zu erleben. Je müder ich werde und je mehr Unvorhergesehenes passiert, destomehr versuche ich die Leitung Gottes Geist zu überlassen, sprich Gelassen zu werden und nur noch aus unmittelbaren Impulsen heraus zu handeln. Das gelingt zwar nur teilweise, aber doch in Ansätzen ...
Trotz Müdigkeit kam eigentlich nie Langeweile auf. Wir haben gemeinsam gebetet wie noch nie in dem vergangenen Jahr, wir waren uns näher als je zuvor und Gottes Geist war gegenwärtig. Das Füßewaschen hat richtig Spaß gemacht. Eine ganz, ganz tolle Erfahrung!!! Das müssen wir unbedingt wieder machen.

Zum Gottesdienst am Sonntagmorgen kommen noch einige Leute dazu. Die Jugendlichen haben sich sehr viel Mühe mit der Verkleidung für ihr Theater gemacht und es kommt echt gut bei den Leuten an. Zu Frühstück gibt es dann die Chipa und frischen Cocido. Wir freuen uns am Zusammensein.

Nach einem ausgiebigen Mittagschlaf besuchen wir meine Schwester, was viel zu selten vorkommt, obwohl sie nur 25 km entfernt wohnt. Der Abend mit ihr und meinem Schwager verfliegt bei nettem und interessantem Geplauder. Richtig entspannend also.


So, jetzt fragt mich nicht, wer von beiden Roberts recht hat. Ich würde sagen, beide. Aber so ist das halt...

09.02.09

Teenies!

November bis Ende Januar war eine der arbeitsreichsten Zeiten meines bisherigen Lebens. Mancher der mich kennt, denkt jetzt wahrscheinlich das muss ja noch nicht wirklich viel Arbeit bedeuten, aber immerhin. Daher auch die seltenen Posts... Sorry!! Einige analoge Fotos von der Kinderbibelwoche im Dezember kann ich euch jetzt leider nicht zeigen, da mein Scanner gerade an Altersschwäche zu sterben scheint. Dafür noch Bilder von der Teeniefreizeit im Januar. Die war einfach gigantisch.



Es ging je einen Tag lang um persönliche Herkunft, Begabung und Zukunftspläne. War super spannend mit 40 Kids. Wir haben versucht die Verbindung zwischen Träumen für die Zukunft und konkreten nächsten Schritten aufzuzeigen. Viele haben überhaupt keine Ahnung was sie eigentlich können und noch nicht einmal was sie mögen. Am bunten Abend musste jeder sich vorstellen indem er eine seiner Fähigkeiten demonstrierte. Das brachte manche in arge Verlegenheit, aber am Ende glaub ich kam mit Spaß so manches Aha-Erlebnis zustande. Bei den Spielen haben wir ein bisschen versucht, die traditionelle Fixierung auf direkte Konkurrenz abzumildern, was auch recht gut gelang. Das Team war fast das gleiche wie im Jahr zuvor und arbeitete richtig gut zusammen. Leoni blieb dieses Jahr um unsrer Kinder willen zuhause, was ich zwar sehr schade aber trotzdem auch wieder gut fand.



Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich, dass beim Maskenbasteln (siehe Fotos) ein Junge eine komplett grau angemalte Maske angefertigt hat, ohne jedes weitere Kennzeichen. Er hat sie nicht mitgenommen, so dass wir sie natürlich finden mussten. Da ich die Situation den Kindes näher kenne, weil er aus unserer Gemeinde kommt, finde ich diese Maske eine perfekte Darstellung dessen, wie seine Situation auf ihn selber wirken muss. Insofern fand ich auch schon diesen Ausdruck der Ausdruckslosigkeit einen Erfolg. Er und sein Bruder hatten mit ihren 11 und 13 Jahren schon mit der Polizeit wegen Diebstahl und Einbruch zu tun. Gestern fragten sie mich nach dem Gottesdienst, ob ich ihnen nicht meine zwei großen Lautsprecher ausleihen könnte, die sie in der Kirche gesehen haben, weil ich sie dort oft bei Filmvorführungen brauche. Sie haben zuhause ein Radio aber ohne Lautsprecher. Ich hab sie ihnen bis Dienstag geliehen, wenn wir sie wieder in der Kirche brauchen. Das Vertrauen zwischen uns wächst. Gott sei Dank!!


09.11.08

Regen und Sonnenschein

Normalerweise ist bei Regen nichts los. Kein Mensch geht aus dem Haus. Als wir heute morgen zur Kirche fuhren, erwartet ich nur ein winziges Grüppchen und stellte mich auf spontanes predigen oder Gottesdienst leiten ein. Nachts hatte es heftig gehagelt und sich den ganzen Morgen richtig festgeregnet. Im Regen kamen nicht nur die zwei Familien die ein Auto haben, sondern insgesamt waren wir 30 Leute. Das entspricht nach meiner Erfahrung mindestens 80 Leuten bei Sonnenschein. Ich war begeistert! Wir saßen im Kreis und sangen acapella da unser 20-jähriger Gesangleiter keinen Regenschirm hat und aufgrund seiner Windpocken nicht ohne durch den Regen wollte. Die Gottesdienstleiterin war auch nicht da, hatte ihre Aufgabe aber an jemand anderen übergeben. Der Prediger war trotz des Wetters und über einer Stunde Busfahrt rechtzeitig da. Ich war beeindruckt.

Vor einer Woche erzählte uns Gemeindeglied "Alberto", dass sein Bruder einen Motoradunfall (ohne Sturzhelm) hatte und mit diversen Schädelbrüchen auf der Intensivstation liegt. In der Ersten Hilfe hatten sie ihn schon aufgegeben und vier Bestattungsinstitute stürzten sich auf die Verwandten um die Beute zu bekommen. Statt dessen brachten sie ihn ins Militärkrankenhaus. Seine private Versicherung (die gleiche die wir haben) zahlt nur sehr kurzfristigen Aufenthalt in der Intensivstation und schon garnicht in diesem Krankenhaus. Nach vier Tagen machte er die Augen auf und erkannte seinen Bruder. Es ging steil bergauf. Morgen soll er aus der Intensiv kommen, aber nur wenn die Kosten von über 2 Millionen Gs. pro Tag bezahlt sind. Sonst bleibt er auf intensiv und verursacht noch höhere Kosten. Paraguayisches Mindestgehalt, das die Meisten nicht kriegen, liegt bei 1,4 Millionen Gs. monatlich. Mit einer Lohnanleihe "Albertos" von 7,5 Millionen und verschiedenen andern Anleihen der Großfamilie kamen sie auf rund 15 Millionen, aber es fehlen immer noch 5. Bis Morgen!

Sie sehen keine vernünftige Möglichkeit mehr, das zusammen zu bekommen. Er überlegte, eine Hypothek auf sein Haus aufzunehmen - mit 15 % Zinsen monatlich!!! Der Verunglückte hat ein Grundstück mit Haus zu verkaufen. Sie haben viele Angebote bekommen - für 5 Millionen!!! Das ist vielleicht ein Drittel oder höchstens die Hälfte des realen Wertes. Sie wollen gerne 10 Millionen haben, finden aber niemand, der das so auf die Schnelle zahlen will. Als "Alberto" das heute nach dem Gottesdienst erzählt, biete ich ihm an, die fehlenden 5 Million aus der Gemeindesozialkasse zu leihen. Er wirkt erleichtert. Da sagt Frau "Marta", dass sie
Geld gespart hat um ein Auto zu kaufen, das sie für ihren sehr weiten Weg zur Arbeit wirklich braucht. Aber sie wird damit jetzt noch warten und ihnen das Grundstück für die 10 Millionen abkaufen, es später wenn es geht für etwas mehr wieder verkaufen und sich erst dann das Auto kaufen. "Alberto" ist glücklich und fährt mit ihr gleich zur Grundstücksbesichtigung. Ich bin auch glücklich!
"Rita", eine andere Frau aus der Gemeinde muss Dienstags zu einer schwierigen Voruntersuchung für eine anstehende Operation und ihr wurde gesagt, sie soll nicht allein kommen. "Albertos" Frau, die ja eigentlich genug Probleme mit dem Unfall ihres Schwagers hat, beginnt sofort zu organisieren, wer "Rita" zum Krankenhaus begleiten könnte. Wenn niemand den ganzen Tag kann, können sich zwei Frauen vielleicht ablösen. Also auch das scheint sich zu klären - ohne unsere Initiative. Ich bin sehr glücklich!! So ungefähr stell ich mir das vor mit dem Leib Christi. Mit Gemeinde die auch noch am Dienstag erfahrbar ist. "Siehe, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen."
Dienstag Abends fangen wir mit einem Kurs über Familienfinanzen an. Eine Menge Anmeldungen sind schon eingegangen.

20.10.08

Vielleicht bin ich der Blinddarm...

Vielleicht ordnet ja das Schreiben mal wieder meine Gedanken und Gefühle. Wie immer war das Wochenende mal wieder der reinste Marathon. Am Samstag haben wir eingekauft für das Gemeinde-Mittagessen. Und Vorbereitung...
Zwei Jungs (11 und 13) brauchen dringend positive Beziehung zu einer Vaterfigur. Also kommen sie jetzt Samstag nachmittags normalerweise in die Kirche um dort für ein Taschengeld kleine Arbeiten zu tun. Ich leite sie an und arbeite etwas mit und versuche erstmal, irgendwie an sie heranzukommen. Wirken ein bischen wie Austern - sehr verschlossen - aber ab und an merkt man, das Vertrauen wächst. Schön! Immerhin haben die Eltern bis vor ein paar Wochen bei Fehlverhalten oft damit gedroht, der Pastor würde kommen! Früher hatte man dazu den Jasy jatere. So ändern sich halt die Zeiten
Gegenabend dann mit einem Jugendlichen gesprochen der am Mittwoch Kinderstunde leiten sollte und von dem ich dann keine Stunde vorher hörte, dass er es wegen des WM-Quali-Spiels von Paraguay lieber ausfallen lässt... Ich war nicht erbaut!! Die Kinderstunde fand trotzdem statt, weil eine der Angestellten der Kindertagesstätte spontan sagt: "Kein Problem, ich geh da mal schnell die 2 km rüber und schüttel mir ne Kinderstunde aus dem Ärmel!" Wahnsinn - hab ich nur gedacht und mich sehr bei ihr bedankt. Wir sind extrem spontan!! Ich weiß garnicht mehr, wozu man überhaupt noch Dinge planen sollte - es kommt sowieso alles!!! anders.
Aber eigentlich war ich ja beim Tagesablauf von Samstag...
Ab 18. Uhr Jugendstunde. Ich wollte sie eigentlich heftigst schimpfen, weil ich den allgemeinen Schlendrian, die Unzuverlässigkeit, das Viel-zuspät-oder-nur-manchmal-kommen und das demonstrative Desinteresse einfach nicht mehr ertrage. Nicht, das ich es persönlich nehme, aber meine eigene Zeit und die vom Jugendleiter würde ich lieber an 10 anderen Stellen einsetzen als mit Leuten, die nur ihre eigene Trägheit zusammenführt. Als ich die tatsächlich rechtzeitig erschienenen 4 Herren und 2 Damen dann vor mir hatte hab ich mich heftig gebremst. Ich will ja nicht jene Strafen die mitmachen... Es gelang dann, ein gutes und ziemlich ehrliches Gespräch darüber zu führen, was wir eigentlich mit der Jugendstunde wollen, warum, was geändert werden müsste. Bis hin zum Verteilen konkreter Verantwortlichkeiten, da diese dann hoffentlich auch mehr Identifikation und Engagement bringen. Wieder zuhause muss ich noch die letzten zwei Kassenberichte ins Reine tippen - unsere Kassiererin hat keinen Computer. Ich hab einen zweiten, den ich gern in die Kirche zur allgemeinen Verfügung stellen würde, aber ich hab Angst, dass dann wieder eingebrochen wird...

Samstag auf Sonntag wird die Uhr gestellt, also eine Stunde weniger Schlaf. Joel ist bei Freunden zum Übernachten geblieben. Die fehlende Dusche und die 2-Zimmer-Bretterbude scheint ihm nichts auszumachen. Freut mich sehr, dass er einfach nur die Menschen sieht und ihre Lebensumstände ihn nicht irritieren! Werdet wie die Kinder...
Morgens kurz nach 8 ist der Nachbarsjunge da um mit zu fahren - nach einem kleinen Frühstück. Unterwegs holen wir dann noch unseren alten Freund ab, der vergessen hatte seine Uhr zu stellen. Aber er ist eh schon seit 5 wach. Kurz vor 9 kommen die ersten Leute in die Kirche, viertel nach ist sie voll und wir beginnen - Tauffest!
Eine Teenie und ein Frau ("Juana") lassen sich taufen. Eine weitere Frau (früher in anderer Gemeinde getauft) wird ebenfalls als Gemeindeglied aufgenommen.
Über "Juanas" Entschluss freu ich mich ganz besonders. Sie hat sehr heftige Kämpfe mit einer Bewegung hinter sich, die offenbar zur Sekte mutiert ist und in ihrer Nachbarschaft versucht Leute davon zu überzeugen, dass sie sowieso zu schlecht für alles sind. Gott sei Dank ist das bisher keine sehr erfolgreiche Missionsstrategie. Aber es verwirrt Leute die nach Gott suchen und hält sie fern von ihm... Doch "Angst ist nicht in der Liebe". Und bei "Juana" war Gott sei Dank die Liebe stärker! Die Taufe ist für sie jetzt auch eine Absage an jenen anderen Geist. Gott helfe ihr!!

Direkt vor dem Anfang des Gottesdienstes steht ein Mann an der Straße der schon öfter Geld für sein verunglücktes Kind wollte das inzwischen gestorben ist. Ich hatte Zweifel an seinen Geschichten, wollte aber nicht vorschnell urteilen. Diesmal sag ich ihm, wir fangen gerade an, er soll doch reinkommen - wir können nach dem Gottesdienst reden.
Das Wasser im Taufbecken ist kalt. Die Taufe ist genial und macht - ehrlich gesagt - richtig Spaß, obwohl ich zugebe dass dies vielleicht kein angemessenes Kriterium zu ihrer Beschreibung ist. Aber wenn Gott wirkt, wenn wir sehen wie er uns verändert und die Gemeinde zusammen seine Gegenwart feiert, dann ist und tut das einfach nur gut!
Als der Gottesdienst zu Ende ist wird Mittag gekocht: Herrlich dicke paraguayische Nudeln (Tallarines) und Fleischsoße! Salate, Mandioka und Obst für den Nachtisch haben die Leute mitgebracht, Fleisch und Zutaten wurden von der Gemeindekasse gekauft. Die Stimmung ist richtig gut und wir feiern begeistert!

Ich spreche neben vielen andern auch mit dem Mann der eigentlich nur um Geld bitten kam und den der Gottesdienst jetzt schon 2 Stunden aufgehalten hat. Er muss angeblich heute noch nach Buenos Aires wo diesmal seine Frau mit einem Herzproblem im Krankenhaus liegt. Das Geld was ich ihm geben will, reicht da nirgends hin. Endlich liefert er mir einen Hinweis, wie ich seine Geschichten prüfen kann, ohne ihm Hilfe zu verweigern. Ich biete an, ihn zur Bushaltestelle zu bringen - dreiviertel Stunde Fahrt mit dem Auto - und ihm dann dort das Ticket nach Buenos Aires zu kaufen. Er findet verschiedene Gründe warum das nicht geht aber wir machen aus, wenn er will wird er in einer Stunde wieder da sein. Er ist auch nach fast 2 Stunden noch nicht da - so wie ich es eigentlich erwartet hatte. Das bestätigt meine These, dass man die Ehrlichen von den Unehrlichen leicht unterscheiden kann, sobald man bereit ist nicht beim "Geld-geben" stehen zu bleiben, sondern direkte Mithilfe anbietet. Ich bin sicher, er wird es noch ein paarmal versuchen, aber Geld geb ich ihm jetzt nicht mehr so leicht und die Hilfe die ich ihm statt dessen in Zukunft anbieten werde wird er wahrscheinlich nicht annehmen. Um das herauszufinden wird er mich wohl nach einiges an Zeit kosten - aber die scheint mir so nicht schlecht investiert.

Nach dem Mittagessen fahren wir nach Hause und ich mach schnell meinen Monatsbericht für die aussendende Gemeinde fertig. Die Siesta fällt diesmal aus. Nachmittags Planungstreffen der Pastoren von 5 Gemeinden die eng zusammen arbeiten. Schriebe ich nicht das Protokoll, müsste ich befürchten einzuschlafen. Leoni bleibt mit den Kindern zu Hause. Als ich kurz nach 19 Uhr nach Hause komme, bin ich nur noch fertig. Um halb 10 sind endlich die Kinder alle im Bett und Leoni und ich können noch ein paar Worte wechseln, bevor wir auch in den Schlaf sinken. Und heute klingelte um 5:30 der Wecker - die Kinder müssen fertig gemacht werden für die Schule. Dabei sind wir noch alle viel zu fertig für irgendwas. Kurz nach 6 ein Anruf. Eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Ihr Bruder wohnt bei ihr im Haus. Ob ich nicht mal mit dem Bruder reden kann der vorige Nacht wieder sturzbetrunken nach Hause kam. Die Frau ist den ganzen Tag auf Arbeit und kann mich daher nur jetzt anrufen. Der Bruder hat die Kirche bisher strikt gemieden. Am liebsten würde ich sarkastisch zurück fragen: "Bin ich Jesus?" Ich spür nur zu genau, auf Schritt und Tritt, dass ich es nicht bin. Aber im Zusammenhang mit der gestrigen Taufe hab ich noch schön theologisch davon gesprochen, dass Jesus uns nach seinem Vorbild verwandeln, uns "bilden", will und das wir Glieder am Leib Christi sind, also vielleicht eine Hand oder ein Finger oder eine Kniescheibe Christi. Vielleicht bin ich ja der Blinddarm: Man kann Mist darin ablagern und kein Mensch weiß, wozu er gut ist. - Ne das klang jetzt demütiger als ich bin... Sollte auch in erster Linie lustig sein.

Ich sitze also, still vor mich hin leidend am Frühstückstisch, als völlig unvermittelt unser vierjähriger Martin seinen Mund auftut und mir Gottes Wort sagt. Zur Erklärung: Im Reliunterricht im Kindergarten haben die Jungs Bibelverse auswendiggelernt. Nicht so mein Stil aber hier absolut üblich. Es gab einen Wettbewerb für den unsere Jungs eifrig gepauckt haben und ich muss sagen, es macht ihnen richtig Spaß! Daher wiederholen sie die Verse auch zu jeder passenden und unpassenden Zeit. Sogar Ana bettelt darum, dass sie Verse wiederholen will.

Martin hatte schon immer die Gabe mit einem Zitat scheinbar willkürlich genau die gegenwärtige Situation in Worte zu fassen. Nun sitze ich da am Tisch und blase Trübsal und Martin, anstatt sein Brot zu essen, sagt auf Spanisch: "Jesus sagte: Meine Seele ist sehr traurig. Betet!" Ich vermute mal, dass das Markus 14,34 sein soll.
Mir fällt dazu eigentlich nur noch ein »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«.
Aber statt weiter zu schreiben sollte ich wohl lieber mal tun, was mein Sohn mir sagt.

12.08.08

Kulturschock - kulturloser Schock

Und das nach einem Jahr?? Oh ja!! Zwar nicht der erste, aber nochmal richtig!
Es begann am Freitag mit einem Anruf: In unserer Kirche wurde in der Nacht eingebrochen! Der neue Rasenmäher mit Verlängerungskabel weg. Mist! Da dank meiner Bequemlichkeit und göttlicher Fügung der Verstärker grad bei uns zu hause war, war ja auch nicht viel mehr wertvolles drinn - dachte ich. Wir verrammeln die aufgebrochene Tür besser. Alle mit denen ich am Wochenende rede sind überzeugt, dass die Diebe in Eile waren und wiederkommen werden. Schließlich sind 2 Gasflaschen drinn, jede Menge Teller und Plastikbesteck, eine Gitarre, ein uralter Overheadprojektor, Kabel, Kühlschrank, Schränke, Gasherd, Tische... Ok - wußte ich nicht, dass all das einen neuen Einbruch durch eine verstärkte Tür lohnt - aber wenn ihr meint! Der Nachtwächter den wir bezahlen und wegen dessen Bewaffnung ich schon lang ein mulmiges Gefühl habe, hat übrigens nichts gesehen und gehört. Das wars dann wohl mit unserer Beteiligung an seinem Gehalt. Lieber in Gitter investieren. Kirche mit Gittern - scheußlich! Kann man nicht innen einen bombensicheren Raum bauen? Gibt es nicht, denn wenn sie einmal drinn sind sieht sie keiner und sie können die ganze Nacht in aller Seelenruhe arbeiten. Bei andern wurden schon Wände durchbrochen - sollen wir jetzt ein Gitter um das ganze Haus ziehen? Plötzlich tauchen auch Verdächtigungen auf: Natürlich waren das die Obdachlosen im Nachbarviertel. Nein, es war ein junger Mann der seit einigen Monaten zum Gottesdienst kommt. Hat einen ganz schlechten Ruf im Viertel und hat sich kürzlich zu sehr für den Inhalt unserer Abstellkammer interessiert... Angeblich!
Und wie reagieren wir jetzt? Am Freitagabend sprechen wir in der Gebetstunde darüber. Unbedingt anzeigen lautet die vehementeste Meinung. Ich hab keine Lust darauf. Erstens fürchte ich die Mühlen der Bürokratie und als Argument hab ich ja da noch gewisse alternative Vorstellungen über den christlichen Umgang mit Verbrechern. Ich grüble was wohl "andere Wange hinhalten" heißt und hab eine grandiose Idee. Wir werden ein Schild an die Straße hängen und bieten dem der uns den Rasenmäher zurückbringt 500.000 Gs. und Verzicht auf Polizei. Ich präsentiere meine Idee am Sonntag im Gottesdienst. Aufgeregte Diskussion. Alle sind gegen Anzeige erstatten, aber alle aus Motiven die mir nicht gefallen. Die einen weil es eh nichts bringt, die andern aus Angst vor der Rache der Diebe. Mein Plakat wird exakt als das Gegenteil dessen verstanden, was ich damit beabsichtigte. Die Hardliner finden es klasse und wollen 100 Stück davon aufhängen, jene auf deren Rat ich viel mehr gebe, raten dringend davon ab. Ich brauch eine Weile bis mir klar wird, dass das Plakat nicht als Gesprächsangebot aufgefasst wird, sondern als Kopfgeld-Offerte. Ich bin platt. Das haut mich dermaßen aus der Spur, dass ich nicht mehr vermitteln kann, was ich eigentlich will. Herrn X, der für hart durchgreifen plädiert, hab ich schon mal erwogen wegen Kindesmißhandlung anzuzeigen - aber er beschuldigt jetzt die Zögerlichen dass sie nur so nachgiebig sind, weil es nicht ihr persönlicher Rasenmäher war. Wir lassen das mit dem Plakat und beschließen statt dessen, intensiv für die Verantwortlichen zu beten. Vielleicht ist ja noch nie für sie gebetet worden. Das wäre doch jetzt ein schöner Sinn des Ganzen. Nach dem Gottesdienst wieder lange Verhandlung mit unserem Baumeister, was man wo wie baulich verändern müsste... Er plädiert allerdings viel stärker als für bauliche Maßnahmen dafür, dass die Brüder reihum je eine Nacht in der Kirche schlafen. Er findet, das sei die bestmögliche Massnahme für die nächsten Jahre (!!!!). Nicht mit mir, denk ich nur im Stillen - aber vielleicht hat er ja recht. Dass ein junges Ehepaar einzieht findet er dagegen bedenklich. Der Gedanke an Sex im Kirchengebäude stört ihn. Ich lass durchblicken, dass ich da eigentlich kein Problem sehe, aber das war ja jetzt eigentlich nicht das Thema.
Währenddessen stehen unsere ganzen männlichen Jugendlichen giggelnd auf einem Haufen und erflehen meine Übersetzungshilfe, nur weil wir zwanzigjährigen, hellharigen, weiblichen Besuch aus Deutschland haben.
Und drei Straßen weiter wird während unserem Gespräch der Supermarkt mit vorgehaltenener Waffe überfallen. Nicht nur die Kassen, sondern auch gleich alle Kunden werden bis auf den letzten Cent ausgeraubt. Normalerweise wäre unser Baumeister auf seinem Heimweg zu diesem Zeitpunkt schon in eben jenem Super. Gut das wir so lange geredet haben! Gottes Mittel sind manchmal etwas merkwürdig!

Aber noch ist das Wochenende längst nicht ausgestanden. Nachmittags erster Geburtstag eines Enkels unserer Gemeindeglieder. Das ganze Viertel scheint sich zu Kakao und Keksen zu versammeln, mindestens 100 Luftbalons und gut halbsoviel Kindern schmücken den Garten, den eine lange Schlangenreihe von Stühlen säumt, auf die wir uns setzen und in unseren Kakao gucken. Der einjährige Jubilar wird ununterbrochen gefilmt und scheint genervt - aber lammfromm. Muss mir mal das Beruhigungsmittel verraten lassen. Die Mutter lächelt angestrengt, wann immer sie sich jemandem der Gäste zuwendet und hat den Kleinen ununterbrochen auf dem Arm. Sonst würde ja auch seine Festtagsgarderobe dreckig. Die Kinder sitzen meist auch auf den Stühlen und mampfen Kekse. Danach gibts Fotos mit der Torte: erst die Jungen, dann die Mädchen. Dann kleines Plastickspielzeug aus einem platzenden Luftbalon aufsammeln: erst die Jungen, dann die Mädchen. Dann in zwei Reihen auf das Rememberle warten: eine Reihe Jungen, eine Reihe Mädchen. Dann nach etwa 2 Stunden nach Hause gehen.
Den Mann der etwa 20-jährigen Mutter und Vater des Stammhalters hab ich die ganze Zeit nicht gesehen und bin neugierig. Später wird er mir auf der Straße vor dem Haus vorgestellt. Der Schock gibt mir den Rest. Er ist bestimmt 40.
Ich will nur noch nach Hause. Aber wo ist das? Wir fahren in unsere Wohnung. Unser Besuch aus Deutschland bringt die Kinder ins Bett. Unser Dank soll ihr nachjagen!!!
Leoni und ich fahren für zwei Stunden nach Europa. Shopping del Sol heißt das Mall. Normalerweise machen wir einen Bogen darum. Heute brauch ich diese andere Welt. Als Gegengift sozusagen. Der Gegenschock setzt schon nach wenigen Minuten ein. Wir haben uns in ein Spielzeuggeschäft verirrt und sehen dort neben all den riesigen Lego- und Playmoboxen und Püppchen - neben denen Barbies bieder und kindgerecht wirken würden - Samuraischwerter, Ninjasterne, Luftpistolen, einen Schießstand und alle möglichen Militäruniformen. Für die großen Kinder halt auch was zum Spielen. Das einzige was uns kurze Kaufüberlegungen anstellen lässt ist ein spanisches Tabuspiel. Das wäre was für unsere Jugendlichen in der Gemeinde. Aber diesen Kriegsschauplatz der Kuscheltiere müsste man eigentlich boykottieren. Wir gehen weiter und landen endlich in einer ganz kleinen, sehr netten Buchhandlung mit wunderschönen Kinder- und Bilderbüchern. Fast wie in Bammental. Ich setzt mich davor und schau Leoni durchs Schaufenster beim Stöbern zu. Fühl mich fast zu Hause. Und sehr müde.

Über den Montag (angeblich mein Ruhetag) schreib ich vielleicht ein andermal...

08.06.08

Einfach so

Obwohl wir erst vor ein paar Wochen mit einer Kindertagesstätte in den Gemeinderäumen angefangen haben, musste ich diese Woche meine Mitarbeiterinnen im Stich lassen: Von Dienstag bis Freitag war ich jeden Vormittag damit beschäftigt, gespendete Second-Hand-Kleider zu verpreisen. Da will jedes Stück geprüft sein, jeder Preis geschrieben und aufgeklebt werden. Die drei Vormittagskinder der Kita haben mir aber kräftig geholfen.
Am Samstag fahren wir dann um 13 Uhr zur Kirche um alles für den Verkauf vorzubereiten. Robert kauft 90 Frikadellen, denn die Jugendlichen wollen Hamburger verkaufen. Um 15 Uhr sind die ersten Leute da. Von 16 bis 18 Uhr läuft der Kleiderverkauf: Gibt es noch Laken, noch Handtücher? Sind diesmal keine Spielsachen gekommen? Um 18.30 Uhr findet unser monatliches Ehepaarentreffen statt. Danach noch alle Kleider wieder ordentlich sortieren. Heute morgen Gottesdienst, danach kurze Kita-besprechung, dann verkaufen die Jugendlichen noch mehr Hamburger und wir Frauen Klamotten. Mit Gemeindegeschwistern essen wir Hamburger, organisieren eine Gebetskette, lachen über die neuesten Witze von den Jugendlichen, packen die übriggebliebenen Kleider ins Auto und bringen sie in ein anderes Stadtteil wo am Nachmittag noch verkauft werden soll. Dann endlich ist "unser" Sonntag. Er dauert genau anderthalb Stunden in denen wir uns über das nächste Gemeindeevent unterhalten. Robert macht noch einen Krankenbesuch und bekommt einen Anruf: Ob er morgen nicht eine Frau aus der Gemeinde mit einigen von ihren Kindern ins Krankenhaus bringen könnte, die Kinder seien sehr krank - klar doch! Dann noch der Anruf eines Hausbesitzers: Er will ein Häuschen abreißen und das Material einer Familie der Gemeinde zur Verfügung stellen - gute Idee! - Währenddessen bekomme ich einen Anruf von einer Schwester im Herrn: Der Mann ihrer Freundin hat seine Frau mit den sechs (!) Kindern aus dem Haus geworfen und die haben für diese Nacht keine Bleibe. Ob ihre eigenen Söhne wohl in der Kirche übernachten könnten, dann hätte sie vier freie Betten, um die so plötzlich obdachlos gewordenden aufzunehmen... - Aber selbstverständlich! - Und morgen wären dann drei Kinder mehr in der Kita, denn diese Freundin muss ja zur Arbeit... - natürlich! Die Schwester klingt beunruhigt: Bitte bete für mich, ich weiß wirklich nicht, was Gott ständig mit mir hat... oder hat er was gegen mich?
Als Robert von dem langsam genesenden Kranken wieder nach Hause kommt, weiß er in welchem Abstand Stevia gepflanzt wird. Dafür will der alte kranke Herr Agronom jetzt lernen, dass Gott ihn liebt, ganz ohne sein Zutun. Einfach so.

Unsere Welt