Lese seit einiger Zeit "Johann Georg Hamann" von Josef Nadler. Dieser Freund sowie Gegner Imanuel Kants und Lehrer als auch Freund Johann Gottfried Herders fasziniert mich ungeheuer. Wer das nicht verstehen kann, muss nicht weiterlesen. Ich hab auch einige seiner Schriften und will mich demnächst daran wagen sie zu lesen, aber ohne Einleitung und Hilfestellung bin ich zu unbelesen um irgendwas zu kapieren. Hamann kritisierte den aufklärerischer Kult der Vernunft von der Vernunft und der Philologie her. Gut hebräisch versteht er "erkennen" in engem Zusammenhang mit der Geschlechtlichkeit des Menschen, ein Zusammenhang der sich z.B. noch in der deutschen Doppeldeutigkeit von "Sinnlichkeit" erhalten hat. Eine solch „sinnliche“ Vorstellung von Erkenntnis passt natürlich überhaupt nicht mit dem aufklärerischen Konzept einer zergliedernden, analytischen Vernunft als höchster Autorität zusammen. Ich weiß noch nicht, ob es Hamann war oder nur Nadlers Interpretation Hamanns, dass er entscheident nachgedacht hat, wie der geschlechtslose Logos aus sich die Schöpfung mit ihrer ganzen zwiespältigen Geschlechtlichkeit hervorbringen könne und wie wir, durch unser Geschlecht bestimmte Menschen, am Ende der Zeiten wieder in dem einen göttlichen Logos zusammengefaßt werden könnten. Auch wenn ich Hamanns Frontstellung gegen Kant teile, was in der Postmoderne sicher nicht mehr so out ist als dazumal, scheint mir zumindest in Nadlers Zusammenfassung eine Menge unter den Tisch zu fallen oder unstimmig zu bleiben.
1. Wo bleibt die Liebe, wenn wir schon von geschaffener Geschlechtlichkeit reden? Da fällt mir wieder Kurt Martis Mahnung ein, warum denn keine christliche Dogmatik aus der Liebe Gottes entfaltet wurde.
2. Sobald ich aber den misteriös-mystischen und dennoch unleugbaren Zusammenhang von Liebe und Geschlechtlichkeit in die Gedanken miteinbeziehe, taucht die Frage auf, wie ein Gott der Liebe denn als geschlechtsloses Logos gedacht werden könnte (schon grammatisch ist es „der Logos“!). Damit will ich nicht sagen, dass Gott männlich oder weiblich ist. Vielmehr sind beide nach Gottes Bilde. Aber was wäre z.B., wenn männlich und weiblich vielleicht zusammenfielen in dem noch faszinierenderen Gegensatz menschlich und göttlich? Oder ist der Gedanke gotteslästerlich?
3. Wie soll ich mir einen Himmel vorstellen, der unsere Fähigkeit zu erkennen aufhebt? „Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ 1. Korinther 13,12. Warum sollte ich den Himmel als einen Ort annehmen, an dem eine der genialsten Ideen Gottes keinen Raum hat? Und das, obwohl wir an eine Auferstehung des Leibes glauben, wenn auch verwandelt und überarbeitet? Und wo bliebe dann unsere Ebenbildlichkeit in Bezug auf Gottes Kreativität?
4. Alle christliche Annahme, dass die Geschlechtlichkeit es nicht bis in den Himmel schafft, beruft sich meines Wissens nur auf Matthäus 22,30: „Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel.“ Darf im Rahmen der Bibel nicht gedacht werden, dass es dabei nur um die Aufhebung der Institution Ehe, nicht aber der Geschlechtlichkeit gehen könnte? Ist nicht die Institution der Ehe später als die Schöpfung des Geschlechts? Wenn es Sexualität vor dem Sündenfall und damit vor der Scham gab, wie in Genesis 2 und 3 zu lesen, warum sollte es nicht auch in der neuen Schöpfung sündlose Geschlechtlichkeit geben?
5. Die Aufhebung der eigenen Geschlechtlichkeit als Ziel des Christseins? Das ist dann doch wohl vielmehr gnostisch als christlich oder gar hebräisch.
Fazit:
Ich weiß nicht, wie es ist. Ich weiß auch (noch) nicht, ob mein Eindruck auf Hamanns Erkenntnisen beruht oder auf Nadler Interpretation derselben. Aber befriedigend finde ich die vorgestellten Konzepte von Gott, von der Ewigkeit und von dem Ziel des Christseins nicht. Wenn dagegen Liebe und Beziehungen als Ausgangspunkte der Reflektion gewählt werden, dann muss auch Gott nicht sosehr den absoluten und apriorischen Begriffen Kants ähneln, dann darf er auch unvernünftig sinnlich sein, so dass Mitleid sein Herz bewegen und sein Urteil ändern kann. Und dann ist auch das Christsein gegen die Gefahren der Gnosis besser geschützt. „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“
Sollte irgend ein Hamann-Kenner über Google auf diesen Eintrag stoßen, würde ich mich über „Aufklärung“ enorm freuen!! Aber auch alle andern Kommentare sind herzlich willkommen.
20.02.12
Hallo Welt
Nach "einem Jahr ohne", bin ich nun wieder zurück unter den Bloggern. Nach dieser geistigen und geistlichen Diät komm mein Gehirn langsam wieder auf eine Frequenz, wo ich Lust daran habe mich andern mitzuteilen. War es nicht Wittgenstein der sagte: "Worüber man nichts sagen kann, dazu soll man schweigen"? Es gibt immer mehr Dinge zu denen mir die Worte fehlen und das will ich dann nicht beschwätzen. Sollte wieder erwarten noch jemand meiner ehemaligen Leser mal wieder auf diesen Blog stoßen: Entschuldigung!! Gestern kam mir ein Gedanke, den ich unbedingt mitteilen wollte, und wo, wenn nicht hier. Also, dazu mehr im nächsten Post.
13.12.10
Warum ich (immer noch) Christ bin II
Wenige Stunden nach der Anfrage für diesen Artikel habe ich schon eine erste Version zurückgeschickt. Mit viel Eifer geschrieben, voller Leidenschaft. Erst Wochen später wurde mir klar, dass die Leidenschaft weniger aus Überzeugung entsprang, sondern aus dem Ärger über die Frage. Nicht dass ich die Frage hier beantworten darf hat mich geärgert – ganz im Gegenteil. Sondern dass die Frage an und für sich so selbstverständlich klingt, so naheliegend. Als würde man mich fragen, warum ich (immer noch) verheiratet bin. Fürs Christsein braucht man halt gute Gründe. Warum wird nur sehr selten jemand gefragt, warum er (immer noch) KEIN Christ ist? Erscheint es soviel logischer, wahrscheinlicher, kein Christ zu sein? Die Frage drückt für mich die Überzeugung unserer Zeit aus, dass Christsein dochwohl sogut wie überholt sei, kurz vor dem Schlussverkauf seines Tafelsilbers. Die Ratten haben das sinkende Schiff verlassen. Wie kann man denn nach zwei Weltkriegen, nach dem Holocaust noch an Gott glauben? Oder wie kann man angesichts des enormen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts noch an Gott glauben? Wer keinen Facebook-acount hat, den gibt es nicht.
Aber warum sollten wir die Frage nicht umdrehen: Wie kann man nach zwei Weltkriegen, nach Holocaust und Ruanda, wie kann man angesichts von Irakkrieg und Somalia nicht an Gott glauben – und weiterleben? Die verzweifelte Lage unsrer Welt dient schnell als Argument gegen Gottes Güte oder Allmacht, solange ich danach wieder in mein sichres Apartment gehen kann, ohne schlimmere Ängste als die vor Übergewicht einschlafe und vorher noch meinen nächsten Auslandsurlaub plane. In einem europäischen Sozialstaat ist es verhältnismäßig leicht, an den technischen Fortschritt zu glauben. Der Rechtsstaat erleichtert es enorm, an die grundsätzliche Entwicklung des Menschen zum Besseren zu glauben. Sich bei der Tagesschau fünf Minuten über den Zustand der Welt aufzuregen und Gott für die ganze menschliche Misere verantwortlich zu machen erinnert nicht zufällig an die Hassmantras in Orwells „1984“. Aus der Distanz weiß man natürlich leicht, wer an allem Schuld ist. Wer sich aber dem Elend, der Korruption, der systematisch betriebenen Verdummung ganzer Völker, der Ausbeutung und Unterdrückung annähert, dem bleiben einfache Losungen schnell im Hals stecken. Wer heute konsequent nicht zulässt, vom Leid dieser Welt abgelenkt zu werden, wer sich auf Dauer der beruhigenden, einlulenden „Unterhaltung“ verweigert, für den sehe ich nur wenige Möglichkeiten: Entweder er verliert den Verstand ob der absoluten Sinn- und Hoffnungslosigkeit des Menschseins. Oder er beendet sein Leben von eigner Hand, in dem verzweifelten Versuch ein letztes Statement für die Würde des Menschen, für seine Entscheidungsfreiheit zu setzen. Oder er stürzt sich doch noch in irgendeine Form von Ablenkung, findet irgendeine Ausrede warum nicht alles ganz so schlimm ist wie es scheint und lernt mit dieser Lüge zu leben, bis dass der Tod sie scheidet. Oder er wagt es, wider die gesammelte Unvernunft dieser Welt an etwas Anderes zu glauben. Zum Beispiel an Einen, der stärker ist als der allgegenwärtige Tod. An Einen, der weiser ist als die eine Allerweltsmeinung, die wir uns alle „persönlich“ gebildet und bebildert haben. An Einen, der gerechter ist als all unsere politisch korrekt ausbalancierten Be- und Verurteilungen. An eine Liebe die man nicht macht, sondern die Macht hat, alles anders zu machen. An Einen, der verrückt genug ist, freiwillig auf diese Welt zu kommen - als Kind in ein besetztes Land, als Mensch unter die Bestien nach seinem Bilde. Viel schwerer als an Gott zu glauben erscheint es mir heute, immer noch an uns Menschen zu glauben. Das gelingt mir nicht mehr ohne die ständige Hilfe dieses Gottes, der wie kein anderer, immer noch, an die Menschen glaubt. Nur an Gott glauben, dass lehrt vielleicht auch eine Religion. Aber von Gott lernen, wieder an den Menschen zu glauben, Hoffnung inmitten alltäglicher Verzweiflung, Zukunft trotz des letzten Klimagipfels oder Friedensprozesses oder Resolutionsmaratons, dass finde ich nur bei jenem Einen, nach dem ich mich Christ nenne.
Sicher, es gibt genug negative Beispiele von Christen die geizig, unsensibel, verbohrt und lieblos sind. Und es gibt auch Beispiele von vernünftigen und hilfsbereiten Nichtchristen. Aber das eine wirkliche Hinwendung zu Christus die Menschen nicht lebensfähiger, einsichtiger, solidarischer, weiser und liebevoller macht als sie vorher waren, dazu fällt mir kein Beispiel ein. Vielleicht bin ich neben vielen andern Gründen auch deshalb immer noch Christ, weil mir scheint, als mache Christsein die Menschen menschlicher. Beileibe nicht perfekt, aber dennoch ihrem Vorbild entsprechender.
Aber warum sollten wir die Frage nicht umdrehen: Wie kann man nach zwei Weltkriegen, nach Holocaust und Ruanda, wie kann man angesichts von Irakkrieg und Somalia nicht an Gott glauben – und weiterleben? Die verzweifelte Lage unsrer Welt dient schnell als Argument gegen Gottes Güte oder Allmacht, solange ich danach wieder in mein sichres Apartment gehen kann, ohne schlimmere Ängste als die vor Übergewicht einschlafe und vorher noch meinen nächsten Auslandsurlaub plane. In einem europäischen Sozialstaat ist es verhältnismäßig leicht, an den technischen Fortschritt zu glauben. Der Rechtsstaat erleichtert es enorm, an die grundsätzliche Entwicklung des Menschen zum Besseren zu glauben. Sich bei der Tagesschau fünf Minuten über den Zustand der Welt aufzuregen und Gott für die ganze menschliche Misere verantwortlich zu machen erinnert nicht zufällig an die Hassmantras in Orwells „1984“. Aus der Distanz weiß man natürlich leicht, wer an allem Schuld ist. Wer sich aber dem Elend, der Korruption, der systematisch betriebenen Verdummung ganzer Völker, der Ausbeutung und Unterdrückung annähert, dem bleiben einfache Losungen schnell im Hals stecken. Wer heute konsequent nicht zulässt, vom Leid dieser Welt abgelenkt zu werden, wer sich auf Dauer der beruhigenden, einlulenden „Unterhaltung“ verweigert, für den sehe ich nur wenige Möglichkeiten: Entweder er verliert den Verstand ob der absoluten Sinn- und Hoffnungslosigkeit des Menschseins. Oder er beendet sein Leben von eigner Hand, in dem verzweifelten Versuch ein letztes Statement für die Würde des Menschen, für seine Entscheidungsfreiheit zu setzen. Oder er stürzt sich doch noch in irgendeine Form von Ablenkung, findet irgendeine Ausrede warum nicht alles ganz so schlimm ist wie es scheint und lernt mit dieser Lüge zu leben, bis dass der Tod sie scheidet. Oder er wagt es, wider die gesammelte Unvernunft dieser Welt an etwas Anderes zu glauben. Zum Beispiel an Einen, der stärker ist als der allgegenwärtige Tod. An Einen, der weiser ist als die eine Allerweltsmeinung, die wir uns alle „persönlich“ gebildet und bebildert haben. An Einen, der gerechter ist als all unsere politisch korrekt ausbalancierten Be- und Verurteilungen. An eine Liebe die man nicht macht, sondern die Macht hat, alles anders zu machen. An Einen, der verrückt genug ist, freiwillig auf diese Welt zu kommen - als Kind in ein besetztes Land, als Mensch unter die Bestien nach seinem Bilde. Viel schwerer als an Gott zu glauben erscheint es mir heute, immer noch an uns Menschen zu glauben. Das gelingt mir nicht mehr ohne die ständige Hilfe dieses Gottes, der wie kein anderer, immer noch, an die Menschen glaubt. Nur an Gott glauben, dass lehrt vielleicht auch eine Religion. Aber von Gott lernen, wieder an den Menschen zu glauben, Hoffnung inmitten alltäglicher Verzweiflung, Zukunft trotz des letzten Klimagipfels oder Friedensprozesses oder Resolutionsmaratons, dass finde ich nur bei jenem Einen, nach dem ich mich Christ nenne.
Sicher, es gibt genug negative Beispiele von Christen die geizig, unsensibel, verbohrt und lieblos sind. Und es gibt auch Beispiele von vernünftigen und hilfsbereiten Nichtchristen. Aber das eine wirkliche Hinwendung zu Christus die Menschen nicht lebensfähiger, einsichtiger, solidarischer, weiser und liebevoller macht als sie vorher waren, dazu fällt mir kein Beispiel ein. Vielleicht bin ich neben vielen andern Gründen auch deshalb immer noch Christ, weil mir scheint, als mache Christsein die Menschen menschlicher. Beileibe nicht perfekt, aber dennoch ihrem Vorbild entsprechender.
19.11.10
Johannes 14,2-3
Es ist 15.30 Uhr. Seit 6.00 Uhr bin ich in der Kita. Aufschließen, die Kinder empfangen, Frühstück machen, die Vormittagsbeschäftigung überwachen, Babys wickeln, ihnen ihren Joghurt und ihre Bananen servieren, Mittagessen kochen, die Schulkinder empfangen und die Nachmittagsschüler zum Umziehen schicken, mit allen zu Mittag essen, Kinder schlafen legen, bzw. den Abwasch erledigen, die Bring- und Abholzeiten der Kinder notieren, unzählige Nasen putzen und Schuhe binden. Aber jetzt ist der Schichtwechsel vorbei, ich bin fertig für heute. Nein, heute noch nicht. Ich muss noch die Rechnungen für die einzelnen Kinder machen, damit ihre Mütter wissen wieviel sie bezahlen müssen diesen Monat. Damit nicht ständig eins der Kinder in meine Papiere greift, setze ich mich in den Gottesdienstraum. Ein Büro haben wir leider nicht. Ich vertiefe mich in die Zahlen und Tabellen. Diese Arbeit macht keinen Spaß, aber einer muss es ja tun. Das von draußen hereindringende Kindergeschrei vermischt sich mit dem Summen des Ventilators, bildet eine Geräuschkulisse, die mich einlullt. Plötzlich bin ich wieder ein Kind, das bei seinen Schulaufgaben sitzt, während es darauf wartet von seinen Eltern abgeholt zu werden. Ein sich näherndes Motorengeräusch auf der Straße treibt mich unwillkürlich zur Eile. Schnell noch die letzte Rechnung machen, die Listen und den Ordner wieder aufräumen, dann kann ich los. "Ich komme gleich, Papa!" Die Verantwortungen abgeben und endlich die Seele baumeln lassen, das wäre schön. Da kehrt mein Gefühl für Raum und Zeit zurück. Ich bin hier. Und heute holt mich niemand ab. Aber mir wird bewusst, dass eines Tages mein Papa im Himmel kommen wird, um mich abzuholen. Und dann werde ich keine Rechnungen mehr beenden müssen und keine Ordner mehr verstauen wollen. Dann stehe ich auf, lasse alles stehen und liegen, lasse alles hinter mir und fahre mit ihm nach Hause. Danach sehne ich mich, darauf freue ich mich.
Aber noch ist sein Sohn damit beschäftigt zu putzen, die Betten zu beziehen und das Essen vorzubereiten. Danke Jesus!
Aber noch ist sein Sohn damit beschäftigt zu putzen, die Betten zu beziehen und das Essen vorzubereiten. Danke Jesus!
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13.09.10
Warum ich (immer noch) Christ bin?
Eine Freundin lud mich ein, in einer Zeitschrift auf diese Frage zu antworten.
Ja, was wäre denn die Alternative? Klar, Christsein hat seine Nachteile! Völlige Abhängigkeit von der Führung eines mitunter schwer verständlichen Gottes, freiwillige Reduzierung materieller Sicherheiten, geschwisterliche und auch noch liebevolle Beziehungen zu Menschen die mindestens so große Macken haben wie ich selbst, Verzicht auf eigene Rechte bis zum Extrem der Liebe zu meinen Feinden... - Manchmal steh ich schon neben mir und frage mich, ob ich jetzt unter dem Helsinki-Syndrom oder etwas Vergleichbarem leide. Das ging schon Jeremia im dritten Kapitel der Klagelieder so. Kürzlich lass ich bei Adrian Plass von jemandem, der soooo müde war Christ zu sein und endlich nur noch bei Jesus sein wollte. Das klingt jetzt vielleicht unerwartet fromm für einen Christen, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Oder um es sinngemäß mit Shane Claiborne zu sagen: Ich weiß nicht, wieso Leute behaupten, Jesus sei die Antwort auf all deine Probleme. Ich mache eher die umgekehrte Erfahrung gemacht: je mehr ich Jesus folge, desto mehr Probleme hab ich.
Aber nochmal: Was wäre denn die Alternative? Geld verdienen bis ich entweder als Loser unter die Räder komme - oder bis ich zu den wenigen Gewinnern gehöre, denen der Kaviar nicht mehr schmeckt? Vergnügen in mich hinein saugen, bis ich ganz ausgehölt bin und mir sämtliche Freude zerbrochen ist? Mein Leben auf zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen, bis ich merke dass die andern auch nicht verlässlicher sind als ich? Mir mein eigenes kleines Reich der Bürgerlichkeit aufzubauen um dann am Abend gemütlich die Buddenbrooks zu lesen? Da wäre ja eine stabile Wand zum Gegenfahren atraktiver! Denn um ein gutes Leben auf eigene Rechnung zu leben, altruistisch die Welt zu retten, oder den Regenwald, oder den Frieden auf Erden, dazu bin ich viel zu pessimistisch. Und der Wechsel zu Islam, Buddhismus, Hinduismus oder sonstiger Religion scheint mir auch eher vom Regen in die Traufe zu führen. Ich hab vor Wenigem mehr Angst, als eines Abends aufzuwachen und zu merken, dass ich mich die ganze Zeit selbst belogen habe, dass ich in den Wind geschlagen habe, wie Paulus es ausdrückt. Da singe ich mit Ararat: "Meine kleine Seele, die fing bald an zu schrein: Das ist es alles nicht, das macht mich nur alleine."
Es ist kein Zufall, dass ich viele Mitchristen zitiert habe. Geschwister sind nicht nur das stärkste Argument gegens Christsein, sie sind auch die beständige Ermutigung, dabei zu bleiben. Wie in allen Familien. Wenn ich gelegentlich in ihrem Verhalten Jesus handeln sehe. Wenn in ihren Worten plötzlich Jesus mit mir redet. Wenn plötzlich im Gesicht des Bruders oder der Schwester Gottes Angesicht für mich sichtbar wird (Genesis 33,10). Wenn ich die Lebensregungen des mächtigen Organismus spüre von dem ich ein Glied bin. Wenn ich spüre wie der Leib Christi sich reckt und streckt - dann will ich auf keinen Fall den Moment verpassen, in dem er vom Schlaf erwacht und aufstehen wird, um seinem Bräutigam entgegenzugehen. Das Hochzeitsfestfinale wird noch hundertmal besser wie im Herrn der Ringe - und ich werde dabei sein, als Teil dieser größten Erzählung aller Zeiten! Auf die Verheißung dieser Liebe hin zu leben erscheint mir immer noch sinnvoller als alles andere. Und das Leben ist nun einmal so, dass man es nur ganz oder garnicht leben kann - also will ich wirklich alles auf diese Karte setzen. Sollte es entgegen aller meiner Begegnungen mit Jesus, entgegen allem was er für mich getan hat, entgegen aller narrativen Wahrscheinlichkeit und gegen das Zeugniss und die Erfahrung von Millionen Geschwistern doch die falsche Karte sein, sollte mit dem Tode doch alles aus sein? Tja, dann würde ich wenigstens nie aufwachen um es zu erfahren!
Ja, was wäre denn die Alternative? Klar, Christsein hat seine Nachteile! Völlige Abhängigkeit von der Führung eines mitunter schwer verständlichen Gottes, freiwillige Reduzierung materieller Sicherheiten, geschwisterliche und auch noch liebevolle Beziehungen zu Menschen die mindestens so große Macken haben wie ich selbst, Verzicht auf eigene Rechte bis zum Extrem der Liebe zu meinen Feinden... - Manchmal steh ich schon neben mir und frage mich, ob ich jetzt unter dem Helsinki-Syndrom oder etwas Vergleichbarem leide. Das ging schon Jeremia im dritten Kapitel der Klagelieder so. Kürzlich lass ich bei Adrian Plass von jemandem, der soooo müde war Christ zu sein und endlich nur noch bei Jesus sein wollte. Das klingt jetzt vielleicht unerwartet fromm für einen Christen, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Oder um es sinngemäß mit Shane Claiborne zu sagen: Ich weiß nicht, wieso Leute behaupten, Jesus sei die Antwort auf all deine Probleme. Ich mache eher die umgekehrte Erfahrung gemacht: je mehr ich Jesus folge, desto mehr Probleme hab ich.
Aber nochmal: Was wäre denn die Alternative? Geld verdienen bis ich entweder als Loser unter die Räder komme - oder bis ich zu den wenigen Gewinnern gehöre, denen der Kaviar nicht mehr schmeckt? Vergnügen in mich hinein saugen, bis ich ganz ausgehölt bin und mir sämtliche Freude zerbrochen ist? Mein Leben auf zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen, bis ich merke dass die andern auch nicht verlässlicher sind als ich? Mir mein eigenes kleines Reich der Bürgerlichkeit aufzubauen um dann am Abend gemütlich die Buddenbrooks zu lesen? Da wäre ja eine stabile Wand zum Gegenfahren atraktiver! Denn um ein gutes Leben auf eigene Rechnung zu leben, altruistisch die Welt zu retten, oder den Regenwald, oder den Frieden auf Erden, dazu bin ich viel zu pessimistisch. Und der Wechsel zu Islam, Buddhismus, Hinduismus oder sonstiger Religion scheint mir auch eher vom Regen in die Traufe zu führen. Ich hab vor Wenigem mehr Angst, als eines Abends aufzuwachen und zu merken, dass ich mich die ganze Zeit selbst belogen habe, dass ich in den Wind geschlagen habe, wie Paulus es ausdrückt. Da singe ich mit Ararat: "Meine kleine Seele, die fing bald an zu schrein: Das ist es alles nicht, das macht mich nur alleine."
Es ist kein Zufall, dass ich viele Mitchristen zitiert habe. Geschwister sind nicht nur das stärkste Argument gegens Christsein, sie sind auch die beständige Ermutigung, dabei zu bleiben. Wie in allen Familien. Wenn ich gelegentlich in ihrem Verhalten Jesus handeln sehe. Wenn in ihren Worten plötzlich Jesus mit mir redet. Wenn plötzlich im Gesicht des Bruders oder der Schwester Gottes Angesicht für mich sichtbar wird (Genesis 33,10). Wenn ich die Lebensregungen des mächtigen Organismus spüre von dem ich ein Glied bin. Wenn ich spüre wie der Leib Christi sich reckt und streckt - dann will ich auf keinen Fall den Moment verpassen, in dem er vom Schlaf erwacht und aufstehen wird, um seinem Bräutigam entgegenzugehen. Das Hochzeitsfestfinale wird noch hundertmal besser wie im Herrn der Ringe - und ich werde dabei sein, als Teil dieser größten Erzählung aller Zeiten! Auf die Verheißung dieser Liebe hin zu leben erscheint mir immer noch sinnvoller als alles andere. Und das Leben ist nun einmal so, dass man es nur ganz oder garnicht leben kann - also will ich wirklich alles auf diese Karte setzen. Sollte es entgegen aller meiner Begegnungen mit Jesus, entgegen allem was er für mich getan hat, entgegen aller narrativen Wahrscheinlichkeit und gegen das Zeugniss und die Erfahrung von Millionen Geschwistern doch die falsche Karte sein, sollte mit dem Tode doch alles aus sein? Tja, dann würde ich wenigstens nie aufwachen um es zu erfahren!
16.08.10
Bauern und Heilige
Gestern waren wir auch Nachmittags auf dem Kirchhof. Gardinen wurden genäht und es wurde aufgeräumt, damit wir einen schönen Raum haben, unsere neue Volksbibliothek einzurichten. Es wurde gemessen und gemalt an einem Plan für einen selbstgemauerten Backofen mit anschließender Kochplatte und großem Grill. Das Ding wird der Hammer - wenn es klappt! Der Gemeindebruder mit dem ich gemeinsam plante, überraschte mich mit einem der merkwürdigsten Zeugnisse die ich je gehört habe: "Früher glaubte ich immer, man müsse unbedingt in der Stadt wohnen und Arbeiten gehen. Durch den Glauben hab ich gelernt, dass ich auch außerhalb auf dem Land leben könnte und Tiere halten und mich so selbst versorgen."

Abgesehen davon, dass gerade dieser Mann sehr weit davon entfernt scheint, sowas jemals wirklich zu machen - wie kommt er auf diese Erkenntnis? Ich bin mir ziemlich sicher, nie etwas in diese Richtung gepredigt oder gelehrt zu haben und mir fällt auch niemand ein, von dem er das haben könnte. Ist das aufkeimendes Verständnis für einfachen Lebensstil? Ist das Genügsamkeit oder sogar - Gelassenheit? Aufbrechende Skepsis gegen die schalen Versprechungen unsrer gehetzten Konsumgesellschaft? Oder interpretiere ich das alles viel zu positiv und es verbirgt sich nichts dahinter als die Hoffnung auf ein gemütlicheres oder gar fauleres Leben? Oder gibt es vielleicht so etwas wie ein theologisches Erbgut und es äußert sich hier plötzlich ein rezesives Mennonitengen? ;-)
Immerhin hat er mit Holzresten einen ganz guten Hühnerstall gebaut der inzwischen von 16 Hühnern bewohnt ist. Auf jeden Fall ein Fortschritt in Bezug auf seine Eigeninitiative und erfreulich in punkto Selbstversorgung. Auch "Walden" und "Das Leben auf dem Lande" scheinen etwas mit Christsein zu tun zu haben. Zumindest letzteres wird in Spanisch jetzt bald in unsrer Bibliothek ausleihbar sein. Nochmal bestätigt in Bezug auf die Bibliothek hat mich dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie.

Abgesehen davon, dass gerade dieser Mann sehr weit davon entfernt scheint, sowas jemals wirklich zu machen - wie kommt er auf diese Erkenntnis? Ich bin mir ziemlich sicher, nie etwas in diese Richtung gepredigt oder gelehrt zu haben und mir fällt auch niemand ein, von dem er das haben könnte. Ist das aufkeimendes Verständnis für einfachen Lebensstil? Ist das Genügsamkeit oder sogar - Gelassenheit? Aufbrechende Skepsis gegen die schalen Versprechungen unsrer gehetzten Konsumgesellschaft? Oder interpretiere ich das alles viel zu positiv und es verbirgt sich nichts dahinter als die Hoffnung auf ein gemütlicheres oder gar fauleres Leben? Oder gibt es vielleicht so etwas wie ein theologisches Erbgut und es äußert sich hier plötzlich ein rezesives Mennonitengen? ;-)Immerhin hat er mit Holzresten einen ganz guten Hühnerstall gebaut der inzwischen von 16 Hühnern bewohnt ist. Auf jeden Fall ein Fortschritt in Bezug auf seine Eigeninitiative und erfreulich in punkto Selbstversorgung. Auch "Walden" und "Das Leben auf dem Lande" scheinen etwas mit Christsein zu tun zu haben. Zumindest letzteres wird in Spanisch jetzt bald in unsrer Bibliothek ausleihbar sein. Nochmal bestätigt in Bezug auf die Bibliothek hat mich dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie.
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05.08.10
Beständig ist nur der Wechsel
Nun fehlt noch genau eine Woche bis zum dritten Jahrestag unsrer Ankunft hier. Wir haben uns sehr verändert. Ich sitz in unserem eigenen, warmen, regendichten Haus am herrlichen Kaminfeuer. Erst seit wenigen Monaten hab ich das Gefühl, dass der Anpassungsstress nachlässt, dass ich mein eigenes Leben wieder anfange als "normal" zu empfinden. Ende Monat geben wir das Amt des Pastors nach drei Jahren an andere weiter. Meine Rückschau ist sehr durchwachsen. Es kommen nicht mehr Leute zum Gottesdienst als vor drei Jahren. Vielen bin ich nicht gerecht geworden. Mir fällt eine lange Liste mit Situationen ein, in denen ich gern anders gehandelt oder etwas anderes erreicht hätte. Wenn man durch Fehler klug wird habe ich enorm an Klugheit gewonnen. Aber viele Gemeindeglieder erscheinen mir selbständiger, reifer als vor drei Jahren. Das freut mich. Und schon über zwei Jahre funktioniert jetzt eine Kindertagesstätte in den Gemeinderäumen. Leoni bleibt auch weiterhin in dieser Arbeit. Wenn ich seh was sie alles macht, wie sich Kinder nach einigen Monaten Tagesstätte verändern, staune ich immer neu. Auf Initiative unsrer Nachfolger sind wir jetzt dabei, in der Gemeinde eine Leihbibliothek zu gründen. Sie und wir haben unsere spanischen Bücher zusammengesammelt, dann kamen noch etwas Spenden dazu, so dass wir jetzt schon ca. 200 Bücher haben. Das ist für hiesige Verhältnisse ganz beachtlich. Die Frau des neuen Pastors ist Bibliothekarin.
Heute war ich den ganzen Tag im CEMTA, meinem neuen Arbeitsplatz ab September, wo ich jetzt schon 7 Wochenstunden unterrichte: Konfliktlösung und Täufertheologie. Macht Spaß!
An meinem Geburtstag werd ich vor etwa 60 Lehrern im Chaco über Paulo Freire referieren. Das Thema ist vom Ministerium verordnet. Die offiziellen Materialen wiedersprechen teilweise von ihrer Methodik her genau dem Inhalt den sie vermitteln sollen. Da ich Freire-Fan bin, freu ich mich auf die Gelegenheit. Ihn allerdings für Schulpädagogik fruchtbar zu machen ist schon eine ziemliche Herausforderung. Hab den Vortrag dann auch der Schule unsrer Kinder angeboten und die Direktorin ist begeistert darauf eingegangen.
Am Samstag soll der Freiwillige aus Deutschland für die Tagesstätte ankommen. Dann sind wir für ein Jahr wieder eine Person mehr im Haus. Sonntags ist großer Gemeindeausflug mit 4 andern Gemeinden. Leoni und ich sind für das Kinderprogramm mit 100 bis 150 Kindern verantwortlich. Jetzt muss ich ins Bett!
Heute war ich den ganzen Tag im CEMTA, meinem neuen Arbeitsplatz ab September, wo ich jetzt schon 7 Wochenstunden unterrichte: Konfliktlösung und Täufertheologie. Macht Spaß!
An meinem Geburtstag werd ich vor etwa 60 Lehrern im Chaco über Paulo Freire referieren. Das Thema ist vom Ministerium verordnet. Die offiziellen Materialen wiedersprechen teilweise von ihrer Methodik her genau dem Inhalt den sie vermitteln sollen. Da ich Freire-Fan bin, freu ich mich auf die Gelegenheit. Ihn allerdings für Schulpädagogik fruchtbar zu machen ist schon eine ziemliche Herausforderung. Hab den Vortrag dann auch der Schule unsrer Kinder angeboten und die Direktorin ist begeistert darauf eingegangen.
Am Samstag soll der Freiwillige aus Deutschland für die Tagesstätte ankommen. Dann sind wir für ein Jahr wieder eine Person mehr im Haus. Sonntags ist großer Gemeindeausflug mit 4 andern Gemeinden. Leoni und ich sind für das Kinderprogramm mit 100 bis 150 Kindern verantwortlich. Jetzt muss ich ins Bett!
29.06.10
Allein
Wir haben neue Kinder in der Kindertagesstätte aufgenommen und begegnen neuen Schicksalen.
Da sind die beiden Mädchen, sechs und neun Jahre alt, deren Vater Alkoholiker ist. Die Mutter arbeitet sechs Tage die Woche, 11 Stunden pro Tag. Ihr Mann hatte vor einiger Zeit einen Unfall, weshalb sie haufenweise Schulden bei ihrer Apotheke hat. Der Mann ist wieder soweit genesen und beide arbeiten wieder. Nun wurde ihm im Bus sein Geldbeutel geklaut. (Er hat uns die polizeiliche Anzeige vorgelegt.) Daraufhin konnten sie auch ihre Schulden bei der Kita nicht bezahlen... Hinzu kommen Eheprobleme, Beleidigungen, Erniedrigungen. Der Vater scheint den Mädchen gegenüber sehr indifferent, die Mutter hat aber eine gute Beziehung zu ihnen, trotz der wenigen Zeit, die sie mit ihnen verbringen kann.
Eine ganz spezielle Aufgabe wurde uns mit Jacob (ein Jahr alt) in die Kita gebracht. Seine Mutter ist angeblich 21 Jahre alt, hat aber noch einen älteren Sohn von drei Jahren, der hat aber einen anderen Vater. Jacobs erster Geburtstag wurde in der Kita gefeiert. (Keine Ahnung wo sich die junge Mutter das Geld für die Dekoration, die Torte und den Kakao zusammengebettelt hatte.) Es ist üblich, dass zum ersten Geburtstag eines Kindes sämtliche Verwandten und Freunde der Familie mitfeiern. Nicht also bei Jacob. Die Oma tauchte zwar mit zwei drei zwielichtigen Gestalten auf. Weigerte sich aber, mit ihrem Enkel überhaupt Kontakt aufzunehmen, geschweigedenn fotografiert zu werden. (Das ist eigentlich obligatorisch: Möglichst jeder lässt sich mit dem Jubilar fotografieren.) Anstatt der Verwandschaft, waren wir Kita-Tanten mit Jacob auf dem Foto: Rossana, Elva und ich. Dabei kannten wir den Kleinen erst seit drei Wochen. Da wurde uns klar: WIR sind Jacobs Familie. Seine Oma liegt mit seiner Mutter im Streit und will von ihm nichts wissen. Sein Vater ist ein verheirateter Mann, der auch nicht im entferntesten daran denkt, die Folgen seines außerehelichen Abenteuers zu finanzieren. Jacobs Mama hat keinen Beruf und keine Freunde auf die sie sich verlassen könnte, nur wechselnde Liebhaber und einen Teilzeit-Job als Haushaltshilfe. Ihr Lohn reicht gerade mal für etwas zu Essen und vier Windeln pro Tag. Und vergangenes Wochenende hatte Jacob eine ausgewachsene Magen-Darm-Grippe... In unserer Kita hat Jacobs Mama inzwischen Schulden von über 40 Euro angehäuft. Das ist viel wenn man bedenkt, dass sie in der Woche nur etwa 15 Euro verdient. Sprich, wir brauchen nicht zu hoffen, dass sie dieses Geld je bezahlen kann. Die junge Frau liebt "ihren Dicken" zwar, denkt aber trozdem lieber an ihr eigenes Vergnügen. Ob das an ihrer trostlosen Situation liegt? Oder an ihrer eigenen mangelhaften Erziehung?
Da sind die beiden Mädchen, sechs und neun Jahre alt, deren Vater Alkoholiker ist. Die Mutter arbeitet sechs Tage die Woche, 11 Stunden pro Tag. Ihr Mann hatte vor einiger Zeit einen Unfall, weshalb sie haufenweise Schulden bei ihrer Apotheke hat. Der Mann ist wieder soweit genesen und beide arbeiten wieder. Nun wurde ihm im Bus sein Geldbeutel geklaut. (Er hat uns die polizeiliche Anzeige vorgelegt.) Daraufhin konnten sie auch ihre Schulden bei der Kita nicht bezahlen... Hinzu kommen Eheprobleme, Beleidigungen, Erniedrigungen. Der Vater scheint den Mädchen gegenüber sehr indifferent, die Mutter hat aber eine gute Beziehung zu ihnen, trotz der wenigen Zeit, die sie mit ihnen verbringen kann.
Eine ganz spezielle Aufgabe wurde uns mit Jacob (ein Jahr alt) in die Kita gebracht. Seine Mutter ist angeblich 21 Jahre alt, hat aber noch einen älteren Sohn von drei Jahren, der hat aber einen anderen Vater. Jacobs erster Geburtstag wurde in der Kita gefeiert. (Keine Ahnung wo sich die junge Mutter das Geld für die Dekoration, die Torte und den Kakao zusammengebettelt hatte.) Es ist üblich, dass zum ersten Geburtstag eines Kindes sämtliche Verwandten und Freunde der Familie mitfeiern. Nicht also bei Jacob. Die Oma tauchte zwar mit zwei drei zwielichtigen Gestalten auf. Weigerte sich aber, mit ihrem Enkel überhaupt Kontakt aufzunehmen, geschweigedenn fotografiert zu werden. (Das ist eigentlich obligatorisch: Möglichst jeder lässt sich mit dem Jubilar fotografieren.) Anstatt der Verwandschaft, waren wir Kita-Tanten mit Jacob auf dem Foto: Rossana, Elva und ich. Dabei kannten wir den Kleinen erst seit drei Wochen. Da wurde uns klar: WIR sind Jacobs Familie. Seine Oma liegt mit seiner Mutter im Streit und will von ihm nichts wissen. Sein Vater ist ein verheirateter Mann, der auch nicht im entferntesten daran denkt, die Folgen seines außerehelichen Abenteuers zu finanzieren. Jacobs Mama hat keinen Beruf und keine Freunde auf die sie sich verlassen könnte, nur wechselnde Liebhaber und einen Teilzeit-Job als Haushaltshilfe. Ihr Lohn reicht gerade mal für etwas zu Essen und vier Windeln pro Tag. Und vergangenes Wochenende hatte Jacob eine ausgewachsene Magen-Darm-Grippe... In unserer Kita hat Jacobs Mama inzwischen Schulden von über 40 Euro angehäuft. Das ist viel wenn man bedenkt, dass sie in der Woche nur etwa 15 Euro verdient. Sprich, wir brauchen nicht zu hoffen, dass sie dieses Geld je bezahlen kann. Die junge Frau liebt "ihren Dicken" zwar, denkt aber trozdem lieber an ihr eigenes Vergnügen. Ob das an ihrer trostlosen Situation liegt? Oder an ihrer eigenen mangelhaften Erziehung?
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aaarrrghhh,
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Paraguay
25.06.10
pädagogik der unterdrückten
Liebe Welt,
ich möchte einfach mal mitteilen, was hier in den Schulen so los ist. Die Pädagogik der Unterdrückten gibt es tatsächlich immernoch. Ich weiß zwar nicht, wer die Unterdrücker sind, aber irgendetwas, irgendjemand hat ein Interesse daran, einen gewissen Prozentsatz Analphabeten in diesem Land beizubehalten, sowie die Schüler möglichst vor selbständigem Denken zu bewahren. Ich meine, ein sogenanntes Entwicklungsland wie Paraguay muss natürlich gewisse "Bildungsreformen" durchführen, um an internationale Kredite zu kommen... Und das ist, was dabei heraus kommt:
Ich kenne hier kein einziges Kind, das am Ende der ersten Klasse lesen konnte. Höchstens ein paar Supergescheite von den Privatschulen, die sozusagen trotz des Unterrichts Lesen gelernt haben. Dabei wird schon in der Vorschule mit Zahlen und Buchstaben herumgemacht und die Vorschule ist Pflicht. Nach den Vokalen lernen die Kinder nämlich die Konsonanten bei ihrem Namen zu nennen: "Be","Ce","De" usw. Bei "Em" und "Es" hört sich das auf spanisch dann so an: "Eme","Ese". Die Kinder der öffentlichen Schulen lernen NICHT, wie die einzelnen Buchstaben in einem gesprochenen Wort klingen müssen. Das Zusammenschleifen der Buchstaben hört sich dann folgendermaßen an: "Ese-a: sa, pe-o: po.- Sa-po." (Frosch) Kein Wunder, dass viele genau in diesem Prozess des Lesenlernens stecken bleiben. Sie kennen zwar alle Buchstaben, sind aber spätestens bei Wörtern mit mehr als zwei Silben restlos überfordert. Selbst wenn die Schülerinnen und Schüler diese Phase irgendwann überwinden, verlassen viele die Schule ohne sinnentnehmend lesen zu können.
Kürzlich habe ich eine meiner kleinen Freundinnen aus der KiTa abgefragt. Dritte Klasse. Sie hatte sich auf eine Klassenarbeit im Fach Gesundheitserziehung vorbereitet. Die Fragen und Antworten standen fein säuberlich in ihrem Heft. Frage: Was ist Milch? Antwort: Milch ist eine weiße Flüssigkeit die man von den Säugetieren erhält. Aha! Da habe ich doch gleich ganz dumm weiter gefragt: "Was sind denn Säugetiere?" Antwort: "Weiß ich nicht." Nachdem ich es ihr erklärt habe, zählt sie mir ohne weiteres verschiedene Tiere auf, die ihre Jungen mit Milch ernähren und weiß natürlich auch, welches Tier uns Menschen mit Milch versorgt. Warum müssen Drittklässler lernen, was sie bereits als Zweijährige wussten?
Joel und Martin gehen in eine teure Privatschule. Erste und zweite Klasse. Vor einigen Wochen hatten sie in der Schule das Thema Elektrizität durchgenommen. Eine ganze Stunde lang - oder war es eine Doppelstunde? Folgendes Sprüchlein stand in ihrem Heft: "Elektrizität ist eine Energie die durch die Anhäufung von Protonen und Elektonen verursacht wird." Alles klar? Auf Nachfrage wussten sie immerhin noch, dass die Protonen positive und die Elektronen negative Ladung haben. Das Sprüchlein haben sie dann für die Klassenarbeit auswendig gelernt... Nächstes Jahr lernen sie dann ein weiteres Sprüchlein, das die Thematik etwas erweitert. Und übernächstes Jahr noch eins und danach noch eins usw. usw.
Und Paulo Freire dreht sich im Grab...
ich möchte einfach mal mitteilen, was hier in den Schulen so los ist. Die Pädagogik der Unterdrückten gibt es tatsächlich immernoch. Ich weiß zwar nicht, wer die Unterdrücker sind, aber irgendetwas, irgendjemand hat ein Interesse daran, einen gewissen Prozentsatz Analphabeten in diesem Land beizubehalten, sowie die Schüler möglichst vor selbständigem Denken zu bewahren. Ich meine, ein sogenanntes Entwicklungsland wie Paraguay muss natürlich gewisse "Bildungsreformen" durchführen, um an internationale Kredite zu kommen... Und das ist, was dabei heraus kommt:
Ich kenne hier kein einziges Kind, das am Ende der ersten Klasse lesen konnte. Höchstens ein paar Supergescheite von den Privatschulen, die sozusagen trotz des Unterrichts Lesen gelernt haben. Dabei wird schon in der Vorschule mit Zahlen und Buchstaben herumgemacht und die Vorschule ist Pflicht. Nach den Vokalen lernen die Kinder nämlich die Konsonanten bei ihrem Namen zu nennen: "Be","Ce","De" usw. Bei "Em" und "Es" hört sich das auf spanisch dann so an: "Eme","Ese". Die Kinder der öffentlichen Schulen lernen NICHT, wie die einzelnen Buchstaben in einem gesprochenen Wort klingen müssen. Das Zusammenschleifen der Buchstaben hört sich dann folgendermaßen an: "Ese-a: sa, pe-o: po.- Sa-po." (Frosch) Kein Wunder, dass viele genau in diesem Prozess des Lesenlernens stecken bleiben. Sie kennen zwar alle Buchstaben, sind aber spätestens bei Wörtern mit mehr als zwei Silben restlos überfordert. Selbst wenn die Schülerinnen und Schüler diese Phase irgendwann überwinden, verlassen viele die Schule ohne sinnentnehmend lesen zu können.
Kürzlich habe ich eine meiner kleinen Freundinnen aus der KiTa abgefragt. Dritte Klasse. Sie hatte sich auf eine Klassenarbeit im Fach Gesundheitserziehung vorbereitet. Die Fragen und Antworten standen fein säuberlich in ihrem Heft. Frage: Was ist Milch? Antwort: Milch ist eine weiße Flüssigkeit die man von den Säugetieren erhält. Aha! Da habe ich doch gleich ganz dumm weiter gefragt: "Was sind denn Säugetiere?" Antwort: "Weiß ich nicht." Nachdem ich es ihr erklärt habe, zählt sie mir ohne weiteres verschiedene Tiere auf, die ihre Jungen mit Milch ernähren und weiß natürlich auch, welches Tier uns Menschen mit Milch versorgt. Warum müssen Drittklässler lernen, was sie bereits als Zweijährige wussten?
Joel und Martin gehen in eine teure Privatschule. Erste und zweite Klasse. Vor einigen Wochen hatten sie in der Schule das Thema Elektrizität durchgenommen. Eine ganze Stunde lang - oder war es eine Doppelstunde? Folgendes Sprüchlein stand in ihrem Heft: "Elektrizität ist eine Energie die durch die Anhäufung von Protonen und Elektonen verursacht wird." Alles klar? Auf Nachfrage wussten sie immerhin noch, dass die Protonen positive und die Elektronen negative Ladung haben. Das Sprüchlein haben sie dann für die Klassenarbeit auswendig gelernt... Nächstes Jahr lernen sie dann ein weiteres Sprüchlein, das die Thematik etwas erweitert. Und übernächstes Jahr noch eins und danach noch eins usw. usw.
Und Paulo Freire dreht sich im Grab...
Labels:
aaarrrghhh,
Bildung,
Paraguay
22.06.10
Haiku
Wenn ich nicht - wie so oft - auf der Flucht vor mir selbst bin und mich auch nicht - wie so selten - versuche in Arbeit zu ertränken, trifft mich die Schönheit plötzlich wieder wie ein Pfeil und hinterlässt das Verlangen, die Süße des Schmerzes mitzuteilen. Dazu zwei Versuche im 5-7-5 Rythmus des Haiku.
1.
Hoher Ton durchdringt wie Schmerz
Sehnsucht himmelwärts –
knospt im täglich kalten März.
2.
Lebte ich im Konjunktiv,
wäre, täte, lief,
blieb ich doch - unfruchtbar.
1.
Hoher Ton durchdringt wie Schmerz
Sehnsucht himmelwärts –
knospt im täglich kalten März.
2.
Lebte ich im Konjunktiv,
wäre, täte, lief,
blieb ich doch - unfruchtbar.
16.06.10
Hoffentlich bleibt sie so
die Reihenfolge in der Tabelle der Gruppe F. Ich finde, wir hätten es verdient, endlich mal übers Achtelfinale hinauszukommen. Und sei es nur um mal der unheiligen paraguayischen Trinität aus "Ich kann nicht - Ich hab nicht - Ich bin nicht" etwas entgegenhalten zu können. Würde die Albiroja das Selbstbewusstsein und die Willensstärke zeigen um weiterzukommen, könnte das bei der hiesigen Fußballbegeisterung durchaus einen Nachahme-Effekt auslösen... Hoffe ich zumindest...
Was mich stört sind die ganzen Kommentare, die sich immer nur enttäuscht von Italiens Schwäche zeigen und nie auf die Idee kommen, dass Italiens Schwierigkeiten auch etwas mit dem Spiel der Paraguayer zu tun hatten. Sehr gefreut hat mich daher eine FIFA-Spielanalyse "Schüler und Lehrmeister auf Augenhöhe" vom Montag 14. Juni 2010. Warum auch immer, ist selbst diese positive Stimme scheinbar entfernt worden, obwohl der Link noch auf der Webseite ist. Und dabei hängen eh schon viele Paraguayer der Verschwörungstheorie an, dass es die italienische Mafia war die Salvador Cabanas vor einigen Monaten in den Kopf geschossen hat.
Das die Italiener insgesamt besser gespielt haben, will ich garnicht bestreiten. Aber nicht nur amtierende Weltmeister haben Startschwierigkeiten. Der Respekt vor Italien schien unsere Jungs doch auch deutlich zu bremsen.
Was mich stört sind die ganzen Kommentare, die sich immer nur enttäuscht von Italiens Schwäche zeigen und nie auf die Idee kommen, dass Italiens Schwierigkeiten auch etwas mit dem Spiel der Paraguayer zu tun hatten. Sehr gefreut hat mich daher eine FIFA-Spielanalyse "Schüler und Lehrmeister auf Augenhöhe" vom Montag 14. Juni 2010. Warum auch immer, ist selbst diese positive Stimme scheinbar entfernt worden, obwohl der Link noch auf der Webseite ist. Und dabei hängen eh schon viele Paraguayer der Verschwörungstheorie an, dass es die italienische Mafia war die Salvador Cabanas vor einigen Monaten in den Kopf geschossen hat.
Das die Italiener insgesamt besser gespielt haben, will ich garnicht bestreiten. Aber nicht nur amtierende Weltmeister haben Startschwierigkeiten. Der Respekt vor Italien schien unsere Jungs doch auch deutlich zu bremsen.
12.06.10
Anthropologie
Wahrheit ist nicht logisch.
Logik erzeugt nur nackte,
blasse Richtigkeiten.
Wahrheit dagegen ist
gelebte Wirklichkeit.
So wie Unwahrheit
nicht aus Unlogik entsteht,
sondern aus Unehrlichkeit,
die immer der Versuch einer Trennung
des Lebens von seiner Wirkung ist.
Computer sind bestenfalls logisch,
die Fähigkeit zur Wahrhaftigkeit,
zur Be-währung seiner selbst,
ist nur dem Menschen gegeben.
Ein Mensch wirkt,
der Computer reagiert,
ein Mensch entscheidet,
der Computer kalkuliert,
ein Mensch verantwortet,
der Computer bietet Antworten,
ein Mensch fragt,
der Computer stellt Möglichkeiten zur Auswahl.
ein Mensch ist wirkende Wirklichkeit,
der Computer macht vieles möglich.
Virtuelle, un-wirkliche Möglichkeiten versuchen
die Wirklichkeit zur Farce zu verkehren.
Logik erzeugt nur nackte,
blasse Richtigkeiten.
Wahrheit dagegen ist
gelebte Wirklichkeit.
So wie Unwahrheit
nicht aus Unlogik entsteht,
sondern aus Unehrlichkeit,
die immer der Versuch einer Trennung
des Lebens von seiner Wirkung ist.
Computer sind bestenfalls logisch,
die Fähigkeit zur Wahrhaftigkeit,
zur Be-währung seiner selbst,
ist nur dem Menschen gegeben.
Ein Mensch wirkt,
der Computer reagiert,
ein Mensch entscheidet,
der Computer kalkuliert,
ein Mensch verantwortet,
der Computer bietet Antworten,
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Virtuelle, un-wirkliche Möglichkeiten versuchen
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